Interview zum Thema „Einschulungsalter“


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Interview zum Thema „Einschulungsalter“

Der Volkswirt Prof. Patrick Puhani vom Institut für Arbeitsökonomik an der Uni Hannover erklärt, warum Eltern ihre Fünfjährigen nicht übereilt zum Schulunterricht anmelden sollten Familie&Co: Sie haben untersucht, wie sich das Einschulungsalter auf die weitere Schulkarriere auswirkt… Prof. Patrick Puhani: Ja, wir haben die hessische Schulstatistik über fünf Jahre betrachtet und konnten so sehen, was aus den Kindern, die relativ früh eingeschult wurden, einige Jahre später geworden war. Und was konnten Sie dabei feststellen? Kinder, die erst mit ungefähr sieben eingeschult werden, sind erfolgreicher. Bei denjenigen hingegen, die bereits mit sechs Jahren oder noch früher starten, sinkt die Wahrscheinlichkeit, vier Jahre später auf ein Gymnasium zu wechseln, um 13 Prozentpunkte. Das ist ein auffälliger Befund. Hatten Sie ein solches Ergebnis erwartet? Frühes Einschulen liegt schließlich im Trend. 1997 beschloss die Kultusministerkonferenz, die vorzeitige Einschulung zu erleichtern und die Zurückstellung zu erschweren… Wir hatten in der Tat eine andere Erwartungshaltung und waren von dem Ergebnis ­überrascht. Deshalb haben wir anschließend etwa dreißig Schuldirektorinnen und -direktoren die Zahlen vorgestellt und sie um eine Einschätzung gebeten. Waren die Schulleiter ebenso erstaunt über die Zahlen? Interessanterweise waren die Lehrer überhaupt nicht verwundert. Im Gegenteil: Unsere Untersuchung bestätigte ganz und gar ihre Erfahrung. Selbst als wir zu Testzwecken behaupteten, die früh Eingeschulten hätten besonders gut abgeschnitten, blieben sie dabei, dass ihre Erfahrung sei, dass die Kleinen nicht so gut durch die Grundschule kommen. Wie erklärten die Pädagogen das schlechte Abschneiden? Sechsjährige oder jüngere Schüler sind vielleicht von ihrer kognitiven Entwicklung her ebenso wie ihre älteren Mitschüler in der Lage, in die Schule zu gehen. Aber sie sind häufig verspielter und sozial noch nicht so kompetent wie Ältere. Die Großen sind einfach fitter, um durch den Schulalltag zu kommen. Sie sind selbstständiger, können organisierter handeln, besser mit negativen Erfahrungen umgehen und sich länger konzentrieren. Das sind für den Schulerfolg wichtige Faktoren. Es ist also besser, Kinder erst später einzuschulen? Nein, diesen Schluss sollte man aus unserer Untersuchung nicht ziehen. Es kann sehr sinnvoll sein, Kinder früh einzuschulen, etwa in Hinsicht auf eine bessere Integration, auch hinsichtlich der Sprachkenntnis. Aber damit das klappt, muss die Schule auf die jüngeren Schüler eingestellt sein und andere, altersentsprechende Unterrichtsformen anbieten. Und was können Eltern tun, die ihre Kinder bereits sehr früh eingeschult haben? Gelassen bleiben, denn wir haben in einer weiteren Untersuchung festgestellt, dass die jüngeren Schüler ihre altersbedingten Defizite langfristig nahezu ausgleichen. Nach der zehnten Klasse wechseln sie häufiger als ihre älteren Mitschüler auf eine höhere Schulform und holen das Abitur nach.