Kindchenschema: Raffinierter Schachzug der Natur

Das Kindchenschema ist eine raffinierte Einrichtung der Natur. Sie schützt das hilflose Baby. Wie das Kindchenschema genau funktioniert und warum wir Babys einfach nicht widerstehen können, erklären wir hier.


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So funktioniert das Kindchenschema beim Baby


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„Kuck mal wie süüüüß!“. „Hmmm, geht so“, brummt es neben mir. „Du hast gar nicht richtig geguckt. Voll süß. SCHAU!.“ Diesmal halte ich ihm das Handy direkt vors Gesicht. „Ja, ist gut. Ich hab‘s gesehen: Tierbabys, total süß.“ Ich lehne mich triumphierend zurück. „Süß“, bestätige ich mich selbst. 

Und doch sind es Couchgespräche wie diese, nach denen ich mich meiner Coolness beraubt fühle. Was ist da eben mit mir passiert? Ich halte mich im Allgemeinen für ziemlich abgeklärt. Und doch: Kaum blicken runde Kulleraugen in die Kamera, kaum tapst ein Fellknäul unsicher umher, schon zucken meine Mundwinkel unweigerlich nach oben. Und dann auch noch dieses „Ohhhh“. Jedes Mal! Ich kann mich nicht dagegen wehren.

Aber es sind ja nicht nur kleine Tiere. Noch viel schlimmer sind Babys. Diese Pausbäckchen, die kleine Stupsnase und die winzigen Finger. Süüüüß! Wie gerne würde ich jede Mutter, die mit ihrem Kinderwagen stolz an mir vorbei schiebt, fragen, ob ich ihr Baby nur einmal ganz kurz knuddeln darf. Macht man natürlich nicht, käm' komisch. Stattdessen seufze ich in mich hinein: Ohhhh! Da ist es wieder, dieses „Ohhhh!“. Irgendetwas löst es einfach aus. Und ich habe keine Macht darüber. Aber ich lass es zu. Es macht irgendwie… glücklich.

Was genau finden wir süß?


Das irgendwas hat natürlich einen Namen: Kindchenschema. Die Psychologie bezeichnet als Kindchenschema eine Kombination aus gewissen Körpermerkmalen, die wir sofort als kindlich und damit als schutzbedürftig einordnen. Gleichzeitig erwacht unser Streichel-Reflex, der uns veranlasst, das Kleine, das all diese Gefühle auslöst, unbedingt knuddeln zu wollen. Erstmals beschrieben hat das Kindchenschema der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz im Jahr 1943. Er legte die noch heute geltenden Merkmale für das Kindchenschema fest:


Kind und Erwachsener im Vergleich


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• ein vergleichsweise großer Kopf,
• eine hohe Stirn,
• große Kulleraugen,
• eine kleine Nase
• und ein rundes Kinn,
• kurze Arme und Beine,
• alles insgesamt etwas rundlich,
• dazu unbeholfene Bewegungen.

Diese Schlüsselreizen wecken ganz automatisch unsere Beschützerinstinkte (die Wissenschaft spricht von Brutpflegeverhalten) und zwar selbst dann, wenn wir gar keine eigenen Babys haben. Es funktioniert sogar artübergreifend - womit wir wieder bei den Tiervideos wären. Selbst fiktive Charakter, z.B. aus Zeichentrickfilmen, können bei uns diese Verhaltensmuster auslösen - das erklärt wohl auch meine zeitweilige Besessenheit von den Minions. Sogar bei Dreijährigen weckt das Kindchenschema schon dieses tiefe Bedürfnis, zu schützen und zu behüten: Sogar die einfache Papierschablone eines runden Kopfes mit runden Augen nahmen die Testkinder einer Studie an der University of California viel lieber mit zum Kuscheln als weiche Puppen, die aber nicht dem Kindchenschema entsprachen.
Wir können gar nicht anders - so will es die Natur
Wir finden das Kindchenschema einfach hinreißend - so will es die Natur. Und damit hat sie quasi eine Art Lebensversicherung für unsere Babys geschaffen. Denn die sind von Anfang an auf unseren Schutz angewiesen. Ohne unsere bedingungslose Bereitschaft, uns um das kleine Wesen zu kümmern und ihm beim Aufwachsen zu helfen, würde es nicht überleben. Ein weiterer kluger Schachzug der Natur: Das Kindchenschema stimuliert unser Belohnungszentrum im Gehirn. Das heißt, wir werden für unsere Hingabe unmittelbar belohnt und zwar mit großen Glücksgefühlen. Nachgewiesen haben das die Münsteraner Neurowissenschaftler Melanie Glocker und Norbert Sachser zusammen mit US-Kollegen der Universität Pennsylvania. Man kann das als eine Art Rückversicherung der Natur sehen, dass wir trotz unzähliger schlafloser Nächte und rund 120 Dezibel lauter Schreiattacken immer schön motiviert bleiben. Kein Wunder also, dass wir nach den kleinen, süßen Wonneproppen förmlich verrückt sind: Babys sind wie Drogen! Zumindest wirkt beides auf unser Gehirn sehr ähnlich.

Übrigens: Frauen scheinen empfänglicher für das Kindchenschema zu sein als Männer. Auch das hat die Neurowissenschaftlerin Melanie Glocker bei ihrer Forschung herausgefunden. In ihrem Versuchsaufbau zeigte sie Männern und Frauen Bilder von Babys, die mal mehr und mal weniger dem Kindchenschema entsprachen. Bei den Frauen konnte eindeutig beobachtet werden, dass die Bereitschaft sich um ein Baby zu kümmern steigt, je süßer es eingestuft wird. Männer dagegen machen kaum Abstufungen von „süß“.  Baby ist Baby und jedes weckt in ihnen den Beschützerinstinkt. Das nennen wir mal gesunden Pragmatismus!

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