Hilfe, Prinzessinnen-Phase!

Sie leben in einer Glitzerwelt und erobert Mädchenherzen im Sturm! Warum Prinzessinnen so angesagt sind und was uns das über die Psyche unserer Kinder verrät.


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Der Hype um Prinzessin Lillifee


Was soll das alles? Warum okkupiert eine Fee Kinderzimmer und Mädchenherzen? Hat Lillifee die Rotzgöre Pippi Langstrumpf vergrault? Was ist mit der mutigen und schlagfertigen Ronja Räubertochter? Müsste nicht jede emanzipierte Mutter zusammenzucken, angesichts dieser Invasion von Samt und Seide?

97 Prozent aller Eltern mit einer Tochter zwischen drei und zehn kennen Lillifee, so die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK).


© Thinkstock
Michael Thiel sieht den Prinzessinnen-Hype ohne Sorge um das kindliche Gemüt. "Es ist vollkommen natürlich, dass gerade Mädchen zeitweilig in verschiedene Rollen schlüpfen", sagt der Hamburger Diplom-Psychologe. Das kann genauso gut eine Indianerin oder Ronja Räubertochtersein wie eben auch Prinzessin Lillifee. "So lange das nur eine Phase ist, müssen sich Eltern keine Sorgen machen", sagt Thiel. Kritisch werde es allerdings, wenn das Rollenspiel im Alltag überhand nehme und sich das Töchterchen plötzlich nicht mehr nur als Prinzessin verkleidet, sondern auch dauerhaft so verhält.
Mit Lillifee in eine Traumwelt

"Endlich eine Einladung zum Feenball. Mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen!" (Prinzessin Lillifee).


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"Wenn ein Kind denkt, es müsse nichts tun, außer reich und hübsch zu sein, und für Arbeiten wie Aufräumen seien die Lakaien - also die Eltern und Geschwister -  zuständig, dann muss man eben mal den Spielverderber geben und die Prinzessin von der rosa Wolke holen", sagt der Experte. Das geht auch spielerisch, indem man in die Traumwelt des Kindes schlüpft und dort mit ihm agiert.

Verbringt ein Kind sehr viel Zeit in Fantasiewelten, sollten Eltern sich fragen, ob es sich um eine Fluchtreaktion handeln könnte. "Vielleicht gibt es im realen Leben Schwierigkeiten - etwa in der Kindergartengruppe oder mit der neuen Lehrerin - denen das Kind als Fantasiewesen entkommen will", sagt Thiel. Um die Mädchen sanft ins Hier und Jetzt zu holen, hilft es, Grenzen zu setzen. "Legen Sie fest: Eine Stunde lang wird mit Lillifee-Utensilien und Prinzessinnenkleidern Märchenland gespielt, danach ist wieder Realität angesagt", empfiehlt der Psychologe. Einen ähnlichen Mix hält der Experte auch für angebracht, um zu verhindern, dass der Alltag gänzlich von Lillifee durchdrungen wird. Statt sämtliche Gebrauchsgegenstände wie Brotdose, Schulranzen und Mäppchen mit Lillifee-Konterfei zu erstehen, sollten durchaus auch "normale" Gegenstände gekauft werden.

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Überall ist Lillifee - und was ist mit der Emanzipation?

Dass unsere Großmütter als Kind davon träumten, gleich zum königlichen Herrn Papa gerufen und mit einem Schimmel reitenden Prinzen vermählt zu werden - gut, das können wir noch nachvollziehen. Aber dann gab es eine Emanzipation, in der alles, was auch nur im Verdacht stand, rosa oder rüschig zu sein, sofort in den Müll wanderte. Nun wird das Zeug wieder rausgeholt. Um die Emanzipation müssen wir uns deshalb keine Sorgen machen, sagt Thiel: "Wenn emanzipierte Mütter bei ihren Prinzessinnentöchtern Spätfolgen fürchten, sollten sie sich klar machen, dass Kinder vor allem das tun, was den Eltern gegen den Strich geht." Das Resultat einer jahrzehntelangen Frauenrechtsbewegung bekommt auch eine Lillifee nicht weggezaubert.

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Prinzessinnentraum hinterfragen

Dennoch kann es nicht schaden, einmal die eigenen Wertvorstellungen zu hinterfragen, wenn der Nachwuchs es gar so toll findet, sich gedanklich in einem Land der Schönen und Reichen aufzuhalten. Was leben wir unseren Kindern vor? Welche Rolle spielt Geld oder Äußerlichkeiten in der eigenen Familie?

Dass gerade Prinzessinnen wieder die Kinderzimmer erobern, mag auch daran liegen, dass sie in unsicheren Zeiten Stabilität und Sicherheit vermitteln. Kinder spüren, wenn ihre Eltern von Sorgen geplagt werden. Und reisen auch deshalb gerne ins Märchenland, weil es dort für jedes Problem eine Lösung gibt.
Und was ist mit Ronja Räubertochter?
Dass sie ihren Platz für die Lillifee räumen musste, hält Thiel für eine logische Entwicklung. "So eine Rotzgöre muss viel tun und sich anstrengen, sie muss streiten, sich auseinandersetzen oder auch mal prügeln; Lillifee bietet viel mehr emotionale Sicherheit." Bleibt also nur noch eine Frage zu klären: Wo bleibt eigentlich der Prinz?"
Es muss nicht immer Prinzessin sein ...
Ronja Räubertochter
heißt im Original Ronja Rövardotter und ist eine Erfindung der schwedischen Autorin Astrid Lindgren. Ronjas Geschichte kam 1981 auf den Markt, das kluge Mädchen ist mutig und wild, manchmal aber auch stur und bockig. Sie lehnt sich gegen ihre Eltern auf - eine echte Räubertochter eben.

Pippi Langstrumpf stammt ebenfalls aus der Feder von Astrid Lindgren. Das Mädchen wächst ohne Eltern auf und ist trotz oft verwegener und frecher Einfälle ein Vorbild in Sachen Kreativität und Gutmütigkeit. Freundschaft geht ihr über alles.

Heidi gehört zu den bekanntesten Kinderbüchern der Welt. Das kleine Waisenmädchen wurde von der Schweizer Autorin Johanna Spyri 1880 erfunden. Heidi ist sehr naturverbunden und vor allem ehrlich. Dabei hat sie ein großes Herz und kämpft für ihre Freunde.

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Hintergrund: Lillifee - Ein märchenhaftes Imperium

Inzwischen ist sie erfolgreicher als Barbie: Prinzessin Lillifee ist eine Erfindung der Modedesignerin Monika Finsterbusch und Mittelpunkt eines mittlerweile gigantischen Märchenimperiums. Der Coppenrath Verlag in Münster hat das rosafarbene Merchandising perfektioniert. Begonnen hat der Prinzessinnenhype 2004, als der erste - natürlich in zartes Bonbonrosa gebundene - Band auf den Markt kam.  Inzwischen kennt man Lillifee in mehr als 25 Ländern der Welt, ihre Bücher (mit Glimmer auf allen Seiten) erreichen eine Millionenauflage, das zierliche Persönchen hat eine eigene Zeitschrift, eine Bühnenshow und eine Hompage, auf der sie ihre Fans auch auf Türkisch, Griechisch und Hebräisch empfängt (www.prinzessin-lillifee.de).

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