Ist mein Kind normal?

Wie weit geht normales Verhalten – und wann werden Eigenheiten kritisch? Antworten auf eine oft gestellte Frage.


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Ist mein Kind normal?

Normales oder abweichendes Verhalten?


© Thinkstock
Welches Kind will schon immer, wie es soll? Keines natürlich. Kinder können durch ihr Verhalten ihre Eltern wunderbar auf die Palme bringen; das muss ihnen niemand extra beibringen. Doch die Sorge vieler Eltern – etwa, wenn sie sehen, dass ihr Baby schreit und zwar viel häufiger als andere oder dass die Trotzanfälle ihres Kleinkindes scheinbar allzu heftig ausfallen – ist immer wieder: Stimmt wirklich alles mit meinem Kind?

Typisches Verhalten ist ein statistischer Wert


In der Tat ist es schwierig zu entscheiden, wo Normverhalten endet und wo Abweichungen beginnen, die möglicherweise auf ernsthafte Entwicklungsstörungen hindeuten. Ohne den Rat von Fachleuten ist man oft aufgeschmissen – und selbst die können meist nur entgegnen, dass die „Normvarianz“, also das Spektrum, innerhalb dessen eine gesunde Entwicklung stattfinden kann, sehr, sehr hoch ist und Platz lässt für vieles, was man mit ungeschultem Auge als unnormal empfinden mag.

Immerhin gibt es gewisse Orientierungspunkte. Jeder Elternratgeber führt bestimmte „Meilensteine“ auf. Wann sollen Babys angefangen haben, sich eigenständig zu drehen? Wann sollen sie krabbeln? Wann sollen sie laufen? Wann Zwei-Wort-Sätze sprechen? Jeder Entwicklungsschritt, ob motorisch, kognitiv, sprachlich oder im Sozialverhalten, findet typischerweise in einem bestimmten Lebensalter statt. Aber das „Typische“ ist eben nur ein statistischer Wert – das, was dabei herauskommt, wenn das Verhalten eine größere Anzahl von Babys wissenschaftlich begleitet und anschließend ein Mittelwert gebildet wird.

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Grenzsteine definieren normales Verhalten bei einem Kind

Darin, diesen Mittelwert mit einem absoluten Gebot zu verwechseln, liegt die Quelle vieler unnötiger Sorgen junger Eltern. Denn wenn man sich die Erhebungsmethoden mancher „Meilensteine“ genau anschaut, wird man feststellen, dass zum angegebenen Alter nicht mehr als 50 Prozent der untersuchten Babys das jeweilige Kriterium erfüllt haben müssen. Was die Frage betrifft, ob ein Kind normal ist und sich gesund entwickeln wird, hat ein solcher Meilenstein also genau die gleiche statistische Aussagekraft, als ob man eine Münze geworfen hätte.

Eine sinnvollere Art der Betrachtung, die sich mehr und mehr durchsetzt, sind die sogenannten „Grenzsteine der Entwicklung“; ein Konzept, das Richard Michaelis, langjähriger Professor für Kindesentwicklung und Kinderneurologie an der Uni Tübingen, entwickelt hat. Michaelis legt an seine Grenzsteine ein Kriterium von 90 bis 95 Prozent an. Und selbst die wenigen Spätentwickler, die das Grenzstein-Alter überschreiten, ohne die jeweilige Fähigkeit entwickelt zu haben, sind nicht automatisch entwicklungsgestört. So individuell der „Mix aus Genetik und Anpassung“, wie Michaelis Entwicklung definiert, bei jedem Kind ausfällt, besteht auch dann meist noch die Möglichkeit, aufzuholen. Zur Sicherheit empfiehlt sich aber eine Überprüfung durch einen Facharzt.

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Die Entwicklung läuft bei jedem Baby anders. Das eine Baby spricht früh, das andere läuft dafür eher. Deshalb: Ruhe bewahren.


Jedes Kind hat sein eigenes Tempo

Vierfüßlerstand mit sechs Monaten, in die Hände klatschen mit acht Monaten, Pinzettengriff mit neun Monaten – kein Kind hakt alle Entwicklungsschritte völlig normgerecht ab. Tatsächlich ist es so, dass kaum ein Kind in allen Entwicklungsbereichen gleich schnell ist, wie Dr. Jörn Borke, Entwicklungspsychologe an der Uni Osnabrück, sagt: „Es ist eher der Normalfall, dass Kinder unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten beispielsweise im sprachlichen und motorischen Bereich haben. Wir haben eine Studie mit 19 Monate alten Kindern gemacht, und von denen konnten manche ganz toll krabbeln, haben aber kaum gesprochen, während andere, die sprachlich viel weiter waren, motorisch eher weniger konnten. Es gab nur ganz wenige Kinder, die in beidem gleich weit entwickelt waren.“

Und selbst das Auslassen von Entwicklungsschritten muss noch lange kein Alarmzeichen sein. Ein klassischer Fall, wie Kinder auch „auf Umwegen“ ans Ziel kommen, ist das Po-Rutschen, das bei einer Minderheit von Babys das Krabbeln ersetzt. Diese Abweichung von der Norm ist als Alternative anerkannt. Denn Krabbeln und Rutschen – oder auch Robben und Schlängeln – liegt die gleiche kognitive Leistung zugrunde: dass sich das Baby für bestimmte Gegenstände in seiner Umgebung interessiert und sie näher erkunden möchte; außerdem lernen Po-Rutscher im Durchschnitt auch nicht später laufen, als Krabbelkinder, die alles „richtig“ gemacht haben.
Ein Kind in seinem Verhalten nicht ständig hinterfragen
Das „einfache Kind“ ist noch nicht erfunden worden. Ob es nun um ständiges Schreien, um einen mangelhaften Schlafrhythmus oder um Trotzattacken geht, es gilt: Anstrengende Kinder gibt es viele, aber nicht jedes davon ist entwicklungsauffällig. Was allen Eltern zu raten ist: Sie sollten ihr Kind nicht ständig als potenziell gefährdet sehen oder sein Verhalten auf Abweichungen überprüfen. Wer sich über die Stärken seines Kindes freut statt seine Schwächen zu beklagen, tut einen wichtigen Schritt für eine gute, gesunde Entwicklung.





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