Jedes dritte Kind in Deutschland fühlt sich vernachlässigt

„Mama hat keine Zeit für mich“ – das denkt fast jedes dritte Kind und jeder fünfte Jugendliche. Laut einer Studie der Uni Bielefeld fühlen insgesamt 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche, dass sie zu wenig oder gar keine Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekommen.


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Kommen unsere Kinder zu kurz?


Als gut behütet gelten sie, von den Helikopter-Eltern komplett verhätschelt sollen sie sein, werden sie aber selber gefragt, kommt ein ganz anderes Bild zum Vorschein: Im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung wurden 1083 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren über ihr Verhältnis zu ihren Eltern befragt. Das Ergebnis schockiert: Fast ein Drittel der befragten Kinder gab an, von ihren Eltern zu wenig oder gar keine Aufmerksamkeit zu bekommen, bei den Jugendlichen waren es 17 Prozent. Noch verheerender: 71 Prozent der unbeachteten Kinder glauben nicht, dass sich ihre Eltern gerne mit ihnen beschäftigen.

Jedes dritte Kind in Deutschland fühlt sich vernachlässigt

Fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland fühlen sich von ihren Eltern nicht beachtet


© iStock
"Sie wollen wissen, wo ich bin. Aber was ich mache, das interessiert sie nicht"

Fast jedes dritte Kind und jeder fünfte Jugendliche fühlt sich von seinen Eltern "wenig bis gar nicht beachtet". Die befragten Kinder und Jugendliche haben nicht das Gefühl, dass sie mit ihren Ängsten und Problemen zu ihren Eltern kommen können: 29 Prozent aller befragten Kinder teilen ein konkretes Angstempfinden nicht mit ihren Eltern.

Viele Kinder fühlen, dass sie ihren Eltern nicht mitteilen können, wenn sie Angst haben

"Ich habe Angst, Mama", geht vielen Kindern schwer über die Lippen


© Bepanthen-Kinderförderung / Universität Bilefeld
Schirmherrin der Bepanthen-Kinderförderung Katia Saalfrank sieht eine Wechselwirkung zwischen der gefühlten Abwesenheit der Eltern und dem Mitteilungsbedürfnis der Kinder: „Wenn Eltern die Ängste ihrer Kinder nicht wahrnehmen oder als unwichtig abtun, lernen Kinder, dass ihre Gefühle nicht wichtig sind. Sie werden sich dann langfristig ihren Eltern gegenüber nicht öffnen. Sie lernen zu schweigen oder werden in ihrem Verhalten auffällig. So oder so fühlen Kinder sich nicht gehört und mit ihren Anliegen nicht willkommen, was dann zur Folge hat, dass sie auch in ihrer späteren Entwicklung mit ihren Sorgen und Gedanken allein bleiben.“
Dieses Alleinbleiben und das Gefühl, dass die eigenen Probleme nicht gehört werden, schlägt sich auch auf das allgemeine Wohlbefinden der Kleinen nieder: Eine allgemeine Zufriedenheit mit sich selbst und ihrem Leben empfinden nur etwas mehr als die Hälfte (53 Prozent) aller Kinder.

Empathie entsteht, wenn man selbst empathische Menschen erlebt und Mitgefühl erfährt. Wenn diese Erfahrungen fehlen, kann sich auch die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, nicht richtig entwickeln: Nur 54 Prozent der Umfrage-Teilnehmer geben an, dass sie mit anderen mitfühlen können. Kinder, denen nicht genug Empathie von den Eltern entgegengebracht wird, entwickeln also auch schwerer Empathie für andere Menschen.

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Materielle Bedürfnisse werden gestillt, emotionale vergessen

Die grundsätzliche Versorgung mit Nahrung, Kleidung und Schulmaterialien wird von einer klaren Mehrheit der Kinder und Jugendlichen als gut angesehen. Doch geht es um Gefühle und die emotionale Sorge, kommen viele Kinder zu kurz. Rund ein Fünftel der unbeachteten Kinder vermisst Sicherheit und Geborgenheit im Elternhaus. Bei den Jugendlichen fühlt sich sogar fast die Hälfte (46 Prozent) nicht geborgen. „Rund zehn Prozent der Familien sind im sozialen Sinn gar keine", urteilt der Bielefelder Sozialpädagoge Holger Ziegler, der die wissenschaftliche Leitung der Untersuchung übernommen hatte. "Sie sind wie Zweckgemeinschaften, in denen zwei Generationen zusammenleben. Die materiellen Bedürfnisse werden oft erfüllt, die emotionalen aber eher nicht." Für Ziegler ist dies fatal: "Nicht vorhandene Achtsamkeit ist für die Entwicklung von Kindern so gravierend wie ein Leben in Armut", sagt er. Die Folgen sind Defizite beim Selbstbewusstsein und Vertrauen, aber auch weniger Einfühlungsvermögen und Lebenszufriedenheit.

Alleinerziehend? Patchwork? Arm? Reich? Egal!

Die Zufriedenheit der Kinder hängt nicht von Milieu oder Familienart ab

Auf das Milieu oder die Familenart kommt es bei der Zufriedenheit der Kinder nicht drauf an


© Bepanthen-Kinderförderung / Universität Bilefeld
Dass eine alleinerziehende Mutter mit Vollzeit-Job weniger Zeit für ihre Kinder hat als Eltern, die sich die Erziehung teilen, erscheint logisch. Dass in Arbeiterfamilien vielleicht weniger Zeit für die Kinderbetreuung mobilisiert werden kann als bei Besserverdienern auch. Die Studie kommt allerdings zu einem vollkommen anderen Ergebnis: Angeblich spielt es keine Rolle, aus welchem Milieu das Kind und seine Eltern kommen. Es ist egal, ob die Eltern gebildet oder ungebildet sind. Es ist egal, ob sie alleinerziehend sind. Es ist egal, ob sie Deutsche oder Ausländer sind.
Einzelkinder sowie Kinder von Alleinerziehenden fühlen sich zwar ein bisschen mehr beachtet als Mitglieder von kinderreichen Familien, doch die Unterschiede fallen eher gering aus.

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„Ich hab dich lieb!"

Wirklich repräsentativ ist die Studie nicht. Der Datensatz ist relativ klein, befragt wurden nur Kinder aus den Großstädten Berlin, Leipzig und Köln. Auch lässt sich elterliche Aufmerksamkeit natürlich schlecht messen. Kinder, die auf Fragen wie „Meine Eltern merken, ob es mir gut geht“, oder „Meine Eltern hören mir ganz genau zu, wenn ich etwas sage“ „Nein“ geantwortet haben, könnten am Tag darauf situationsabhängig die Fragen auch wieder mit „Ja“ beantworten. Dennoch: Die Studie mag zwar nicht messen, wieviel und welche Beachtung ein Kind faktisch erfährt, doch zeigt sie deutlich, wie beachtet sich das Kind fühlt. Hier verschwimmen die Abstufungen dann natürlich etwas: Ein Kind, das seinen Papa zehnmal bitten muss, mit ihm zu schaukeln, kann sich genauso wenig beachtet fühlen, wie ein Kind, das ohne Frühstück das Haus verlassen muss.

Letztendlich legt die Studie wohl einfach den  Schluss nahe, dass Eltern mehr auf ihre Sprösslinge eingehen sollten, öfter mal fragen "Was denkst du?" oder "Wie fühlst du dich?" und "Ich hab dich lieb" sagen. Katia Saalfrank fasst zusammen: „Nicht die Quantität, sondern die Qualität der gemeinsam erlebten Zeit ist wichtig.“

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von Nicole Metz




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