Tausende Babys, 200 erste Gesichter und ein Problem

Sich dem neuen Leben verschrieben, bangen freiberufliche Hebammen derzeit um ihr eigenes Überleben. Bringen die weiter steigenden Versicherungsbeiträge bald das Berufsaus? Der Fotograf Björn Schönfeld verleiht diesem Problem ein Gesicht - 200 Mal.


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Würden Sie für einen durchschnittlichen Stundenlohn von 7,50 Euro arbeiten und das 40 Stunden in der Woche – Nachtarbeit inklusive? Martina tut genau das. Und zwar jeden Tag mit voller Überzeugung, seit 20 Jahren.

Würden Sie in einen Beruf starten, dessen Zukunft mehr als ungewiss ist? Sarah ist das egal, sie wird gebraucht.

Könnten Sie mit der Verantwortung umgehen, wenn jemand nicht nur sein eigenes sondern vor allem das Leben seines Kindes in Ihre Hände legt? Karina kann das und dafür ist ihr kein eigenes Opfer zu groß.

Und können Sie sich vorstellen, Ihren absoluten Lebenstraum gefunden zu haben und ihn doch aufgeben zu müssen? Heike blieb keine andere Wahl.

Martina, Sarah, Karina und Heike: jede von ihnen ist Hebamme. Sie sind mit solchen Problemen täglich konfrontiert. Trotzdem lieben sie ihren Beruf und üben ihn mit voller Überzeugung aus. Doch um aus der Leidenschaft weiterhin einen Beruf zu machen, dafür zahlen sie einen hohen Preis. Denn derzeit steht das Berufsbild „Hebamme“ vor einer mehr als ungewissen Zukunft: Gibt es bald keine freiberuflichen Hebammen mehr?


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Hintergrund: Ohne eine Haftpflichtversicherung dürfen Hebammen nicht arbeiten. Doch in diesem Sommer soll diese Berufshaftpflicht nochmals um 20 Prozent erhöht werden – bereits in den letzten Jahren haben sich die Versicherungssummen nahezu verzehnfacht.

Einige Versicherer bieten die Haftpflicht für Hebammen ohnehin bald gar nicht mehr an. So hat etwa die Nürnberger Versicherung bereits angekündigt, sich zum 1. Juli 2015 aus dem Versicherungsmarkt für Hebammen zurückzuziehen. Sich dem neuen Leben verschreiben, kämpfen derzeit also rund 3.500 freiberufliche Hebammen um ihr eigenes Überleben.

Das erste Gesicht


„Meine erste Geburt war einer der schönsten Momente in meinem Leben. Seit diesem Zeitpunkt weiß ich, dass ich Hebamme werden will und mich niemand davon abbringt, auch keine immer höher werdenden Versicherungen“, sagt die 19-jährige Hebammen-Schülerin Sarah. So viel Überzeugung und Tatendrang erfordert viel Mut. Mut, der den werdenden Müttern gut tut.

Denn letztendlich sind es auch sie, auf die sich die Situation der Hebammen gravierend auswirkt. Sie sind während der Schwangerschaft auf die Unterstützung der Hebammen angewiesen und jede Mutter schätzt deren Hilfe vor allem während der Geburt. Für viele Fast-Mamis ist es beruhigend zu wissen, dass die eigene Hebamme, zu der man in neun Monaten viel Vertrauen aufgebaut hat, das erste Gesicht ist, dass ihr Baby nach der Geburt erblicken wird.

Eben diesem ersten Gesicht hat sich der Fotograf Björn Schönfeld gewidmet. Mit dem Projekt „Das erste Gesicht“ möchte er den Hebammen helfen, auf ihre Situation aufmerksam zu machen und dem Problem im wahrsten Sinne ein Gesicht zu geben. Er reist durch ganz Deutschland und fotografiert Hebammen – solche, die gerade erst anfangen und solche, die schon tausende Geburten betreut haben.
"Mich hat diese enorme Kraft sehr beeindruckt, welche die Hebammen ausstrahlen. Diese Frauen brennen für den Beruf, man möchte fast sagen, er ist ihre Berufung. Und egal was kommt, sie werden versuchen weiterzumachen", fasst Schönfeld seine Erfahrungen der letzten Monate zusammen.
Dass sein Projekt so große Wellen schlägt, damit hätte er aber nicht gerechnet. Die durchweg positive Resonanz die er erfährt, sei das schönste Kompliment und die beste Bestätigung, das Richtige zu tun. "Mein Bauchgefühl hat mir damals gesagt, genau das musst du jetzt machen", erklärt Schönfeld. Und dieses Gefühl hat ihn nicht getäuscht. Schnell wurde sein Projket zum Selbstläufer und damit immer bekannter.

Ab dem 6. Mai werden Schönfelds Portraits sogar als Großflächenplakate zu sehen sein. Fast 6000 Stück werden in verschiedenen deutschen Städten aufgehängt. "Ich bin tatsächlich ein klein wenig aufgeregt, wenn ich dran denke, was diese Bilder überall bewirken können und hoffe auf eine rege Reaktion und natürlich darauf, dass der Hebammenberuf gerettet wird", sagt er.


„Für die tolle Unterstützung unserer Hebamme möchte ich Danke sagen. Diese große Weisheit und die tragende Verantwortung der Hebammen sind wirklich beeindruckend....”

von Björn Schönfeld

Denn wie wichtig eine gute Hebammen-Betreuung für die Geburt ist, das konnte auch er als Vater erfahren. Bei der Geburt seines ersten Kindes gab es leider einige Probleme - doch er und seine Frau wurden damit alleine gelassen. Die betreuende Beleghebamme war zu ausgelastet und hatte nur wenig Zeit für das Paar. Eine schreckliche Erfahrung für Mutter und Vater.


Schönfeld: "Beim zweiten Kind war alles viel besser. Wir kannten die Hebamme schon vorher und die ganze Situation war vollkommen anders. Ich habe gemerkt, dass meine Frau wesentlich ruhiger und selbstsicherer war - trotz der negativen Erfahrungen der ersten Geburt. Die richtige Betreuung macht einen großen Unterschied."

Für diese tolle Betreuung vor, während und nach der Geburt möchte Schönfeld Danke sagen: "Die große Weisheit und die tragende Verantwortung nicht nur unserer, sondern aller Hebammen sind wirklich beeindruckend.“

Wofür möchten Sie Ihrer Hebamme einmal "Danke" sagen? Schreiben Sie es uns in den Kommentaren und geben Sie ein bisschen von der Unterstützung zurück, die Sie in der Schwangerschaft erfahren haben.






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