Helena, Maddy und Co: Kindermodels mit Down-Syndrom

Auf Plakaten, in Modezeitschriften, ja sogar auf der New York Fashion Week waren sie in letzter Zeit zu sehen: Kindermodels mit dem Down-Syndrom. Und sie begeistern das Publikum ebenso wie die Modemacher. Ein fader Beigeschmack aber bleibt - oder?

Kindermodels mit Down-Dyndrom: Madeleine Stuart und Connie-Rose

Erfolgreiche junge Models mit Down-Syndrom - links: Maddy Stuart auf der New York Fashion Week, rechts: Connie-Rose Seabourne


Helena strahlt uns auf dem Weg ins Büro in der Fußgängerzone von einer Plakatwand entgegen. Ein kleines Mädchen mit wasserstoffblonden Haaren, durch professionelle Fotografie wunderbar in Szene gesetzt. Dabei steht ein Zitat von ihr: „Wenn ich groß bin, werde ich Schauspielerin.“ Jetzt, mit ihren gerade einmal vier Jahren, ist sie erstmal Model. Aber nicht irgendeins. Helena ist Teil einer neuen Kampagne einer Kindermodenmarke, in der die Pullis, Hosen und Kleider ausschließlich von Kindern mit Down-Syndrom präsentiert werden. Mit ihr werben auch der siebenjährige Fabian („Ich kann schon schwimmen“), die fast vierjährige Livia („Am besten kann ich zählen“) oder der fast dreijährige Akim („Ich spiele gerne mit Autos“). Was uns die Kampagne vermitteln will? „’Schaut her, wir sind wie ihr’, das ist der Ansatz unserer Aktion“, fasst es Hans Lormans, CEO und Gründer des Labels zusammen. „Unsere Gesellschaft ist vielfältig und dazu gehören auch Kinder, die körperlich oder geistig behindert sind. Sie haben wie jedes andere Kind auch für die Zukunft Träume und Wünsche. In ihnen schlummern Talente, die wir fördern sollten. Unsere Bilder sollen genau das zeigen und die Lebensfreude der Kinder transportieren.“
Helena und ihre fünf jungen Mitstreiter sind nicht die ersten Kinder mit dieser Besonderheit im Model-Business. In aller Munde ist derzeit auch die inzwischen 18-jährige Australierin Maddy Stuart, die es in diesem Jahr sogar bis auf den Laufsteg der New Yorker Fashion Week geschafft hat und aktuell rund 490.000 Fans auf ihrer Facebook-Seite zählt. Und auch die zweijährige Connie-Rose Seabourne aus England ist schon dick im Geschäft.
Und wir finden es toll, dass die Mode-Branche nun endlich neue Wege beschreitet - weg von den bis zur Unnatürlichkeit gephotoshoppten Schönheiten, hin zu Kindern, Frauen und Männern wie du und ich, mit mehr oder weniger sichtbaren Makeln, die doch eigentlich gar keine Makel sind. Jeder bekommt eine Chance, auch wenn wir nicht alle gleich sind, so sind wir doch alle Teil dieser Gesellschaft – ob mit psychischer oder körperlicher Beeinträchtigung oder nicht. Und diese Botschaft sollten Werbekampagnen in Zukunft ruhig öfter transportieren.
Trotzdem hinterlassen euphorische Berichte über Laufsteg-Model Maddy und begeisterte Kommentare in den sozialen Netzwerken über die neue Kampagne mit Helena irgendwie einen faden Beigeschmack. Denn allen guten Hintergedanken zum Trotz erregt Werbung mit behinderten Kindern vor allem zweierlei: Zum einen eine enorme Aufmerksamkeit – im Grunde genommen das Beste, was einer beworbenen Marke passieren kann. Und zum anderen doch auch irgendwie ein Gefühl von Mitleid – etwas, was Betroffene in den seltensten Fällen wollen.
Der Grat, ob eine Werbekampagne mit Models wie Helena, Maddy oder Connie-Rose Toleranz und Akzeptanz vermittelt oder insbesondere der so hart umkämpften Aufmerksamkeit dient, ist sehr sehr schmal. Eine ganze Modestrecke ausschließlich mit Kindern, die das Down-Syndrom haben – was vermittelt sie uns wirklich? Dass diese Kinder ganz normal sind? Eigentlich sind sie doch nur deshalb kleine Werbestars, weil sie eben nicht ganz genauso sind wie andere Kinder. Wäre es dem Ansatz des Labels nicht dienlicher gewesen, Kinder sowohl mit Down-Syndrom, als auch Kinder ohne diese Störung in der Kampagne zu vereinen? Oder ist genau der Ansatz, Kinder mit einer Besonderheit in den Mittelpunkt zu stellen, der richtige, um diese Minderheit gesellschaftlich mehr zu integrieren?
Was denken Sie darüber? Wir sind gespannt auf Ihre Meinungen und freuen uns auf eine angeregte Diskussion in den Kommentaren. (Oktober 2015)