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10. September

Für meinen toten Vater: Eine Kerze zum Welttag der Suizidprävention

Wenigen Themen lastet in unserer Gesellschaft eine ähnliche Tabuisierung an wie dem Suizid. Auch ich habe 20 Jahre fast nie über den Suizid meines Vaters gesprochen. Seit ich offener damit umgehe, weiß ich, dass viele Menschen von dieser Art des Verlustes betroffen sind. Doch leider auch, wie schwer es fällt, darüber ins Gespräch zu kommen – mit Freund*innen ebenso wie in der eigenen Familie. Darum ist der Welttag der Suizidprävention am 10. September für mich und andere Suizid-Hinterbliebene besonders wichtig: Er bietet ein Forum für gemeinsames Trauern und Solidarität.

Was ist der Welttag der Suizidprävention?

2003 wurde der Welttag der Suizidprävention von der die International Association for Suicide Prevention und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ins Leben gerufen. Er wird seither jährlich am 10. September unter wechselnden Mottos begangen – seit 2021 unter „Hoffnung schaffen durch Handeln“. Zu diesem Anlass finden weltweit, auch in vielen deutschen Städten, Veranstaltungen statt. In Berlin ist das beispielsweise der jährliche Gedenkgottesdienst in der Gedächtniskirche.

Zahlen zum Thema Suizid

Wirft man einen Blick auf die Statistiken, ist völlig unverständlich, warum der Thematik so wenig Raum in der Öffentlichkeit eingeräumt wird. Hier einige Zahlen zum Thema Suizid in Deutschland aus dem Jahr 2020*:

  • Es starben 9.206 Menschen durch Suizid – das entspricht mehr als einem Menschen pro Stunde!
  • Einen Suizidversuch unternahmen allein in Deutschland im Jahr 2020 mehr als 100.000 Menschen.
  • Rund 60.000 Menschen verloren eine nahestehende Person durch Suizid.
  • Innerhalb der letzten 10 Jahre gab es in Deutschland 97.000 Tote durch Suizid.
  • In diesem Zeitraum waren bis zu 1 Million Hinterbliebene betroffen.

Auch wenn die Zahlen in Deutschland rückläufig sind und Anfang der 1980er Jahre etwa doppelt so hoch waren, wird klar, warum die WHO den Suizid als eines der weltweit größten Gesundheitsprobleme einstuft. Global betrachtet geht man von etwa 800.000 Suizidtoten jährlich aus.

Was macht das Reden über Suizid so schwierig?

Ein Tod durch Suizid lässt Hinterbliebene fassungslos und mit vielen Gefühlen zurück. Das "Warum?" bleibt oft ungeklärt und Verwandte und Freund*innen fragen sich, ob sie es hätten vorhersehen müssen oder hätten verhindern können. Die quälende Frage nach den eigenen Versäumnissen kann das sich Öffnen erschweren. Doch auch Scham spielt eine Rolle.

Nicht nur Scham, weil der Suizid gesellschaftlich mit einem Stigma belastet scheint, sondern vielleicht auch darüber, dass man Wut empfindet. Wut auf die Verstorbene oder den Verstorbenen, obwohl man Mitgefühl haben sollte. Viele Hinterbliebene wollen auch das Gegenüber nicht mit dem Thema schockieren oder belasten oder sie befürchten Ablehnung.

Tina Hoffmann

Man ist keine Zumutung!

Ich habe niemals Zurückweisung oder Ablehnung empfunden, wenn ich jemandem vom Tod meines Vaters erzählt habe. Ihr dürft eurem Umfeld zutrauen, dass es damit umgehen kann. Natürlich gibt es im ersten Moment auch Sprachlosigkeit und das ist auch völlig in Ordnung. Es muss sich auch nicht sofort ein Gespräch ergeben. Jede/r darf zugeben, wenn sie/er nicht weiß, was sie/er sagen soll und das erstmal sacken lassen muss. Genauso habe ich schon erlebt, dass mir Bekannte oder Freund*innen direkt von eigenen Erfahrungen erzählen oder von den Sorgen, die sie sich um jemanden machen.

Ich habe wirklich lange gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen, dass ich mich öffnen konnte. Über 20 Jahre! Geholfen hat mir dabei 2013 vor allem das Buch „Hinter dem Blau“ von Alexa von Heyden. Zum ersten Mal hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass alles, was ich empfinde, normal ist und dass ich nicht die einzige Betroffene bin.

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Wo können Suizid-Hinterbliebene Hilfe finden?

Der Welttag der Suizidprävention schafft Aufmerksamkeit für ein tabuisiertes Thema, das keines sein sollte und mehr Öffentlichkeit verdient. Doch viele Angehörige benötigen nach einem Suizidversuch oder nach einem vollendeten Suizid auch jenseits des 10. September Hilfe und Austausch. Hierfür bietet der Verein AGUS e.V. (Angehörige um Suizid) ein Forum. In Selbsthilfegruppen, die auch online angeboten werden, können sich Betroffene vernetzen und ins Gespräch kommen. Zudem haben speziell geschulte oder ebenfalls betroffene Trauerbegleiter*innen ein offenes Ohr.

Tina Hoffmann

Austausch ist wichtig

Ich selbst habe über AGUS e.V. einen anderen Betroffenen in Berlin gefunden, der ebenfalls als Kind seinen Vater durch Suizid verloren hat, mit dem ich mich gelegentlich treffe. Für mich haben diese Gespräche nochmal eine ganz andere Qualität, als wenn ich mit Freund*innen spreche. Er sagt, dass der Suizid seines Vaters für ihn ein Rucksack ist, den er immer trägt. Ich weiß genau, was er meint und es tut gut, sich nicht alleine zu fühlen. So traurig es ist: Wir sind viele. Und wir sollten uns nicht verstecken.

Suizidprävention – was kann jede*r Einzelne tun?

Auf der Seite des Welttages der Suizidprävention wird von einer vielschichtigen Aufgabe gesprochen, die auch eine gesellschaftliche Aufgabe ist und weit hinausgeht über den Bereich der Gesundheitspolitik. Wichtig sei ein gesellschaftliches Klima, in dem die Suizidproblematik wahr- und natürlich ernst genommen wird. Falls ihr euch Sorgen um jemanden in eurem Umfeld macht, dann sucht das Gespräch. Signalisiert, dass ihr den- oder diejenige ernst nehmt und helfen wollt. Sprecht auch professionelle Hilfe an und motiviert zu diesem Schritt. Hinweise und Tipps für das Gespräch mit einer suizidgefährdeten Person hat die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention ausführlich zusammengestellt.

Als Zeichen der Anteilnahme und im Gedenken an durch Suizid Verstorbene bitten die Organisatoren des Welttages der Suizidprävention darum, am 10. September um 20. Uhr eine Kerze ins Fenster zu stellen. Das werde auch ich dieses Jahr wieder tun.

Solltet ihr selbst suizidale Gedanken haben, könnt ihr euch anonym und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 an die Telefonseelsorge wenden.

*Quelle: Naspro.de

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Bildquelle: familie.de Redaktion

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