Johannas 'Equal-Care-Rechner': So entkommt ihr der Fürsorge-Falle

Equal Care

Johannas 'Equal-Care-Rechner': So entkommt ihr der Fürsorge-Falle

Fürsorge ist ein enormer Bestandteil in jeder Familie. Johanna Fröhlich Zapata gibt dir Tipps, wie du die Fürsorge-Arbeit innerhalb deiner Familie gerechter verteilen kannst. Und mithilfe ihres "Who Cares"- Rechner kannst du sehen, wie viel unbezahlte Care-Arbeit du schon geleistet hast.

Johanna Fröhlich Zapata beschäftigt sich viel mit Fürsorge und der (ungerechten) Verteilung von Hausarbeit. Sie hat auch einen Fürsorge-Rechner erfunden, mit dem jeder Mensch nachrechnen kann, wie viel die unentgeltliche Care-Arbeit eigentlich wirklich wert ist.Der "Who Cares-Rechner" wird dich vermutlich wachrütteln. Basierend auf Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kannst du hier erfahren, wie viel Geld du in den letzten Jahren verloren hast, weil du unentgeldlich in der Familie gearbeitet hast. Der Rechner will dich nicht anstiften alle Arbeit niederzulegen, er dient aber dazu ein Gefühl dafür zu bekommen, dass deine Arbeit immer einen Wert hat.

Weil Johanna am Bar-Camp des Equal Care Day in Bonn teilnimmt, ist sie die ideale Gesprächspartnerin für ein Interview über Fürsorge und Equal Care.

Equal Care Day – wieso, findest du, braucht es solch einen offiziellen Tag überhaupt?

Es braucht solch einen offiziellen Tag, weil die Debatte um die Verteilung von Care-Arbeit eine hochpolitische Angelegenheit ist. Das Thema braucht Öffentlichkeit! Denn so alltägliche Fürsorge-Arbeiten haben in der Summe schwerwiegende Folgen. Vor allem für das Leben der Frauen. Die Anerkennung dieser Diskrepanz in der Arbeitsteilung ist also extrem wichtig, um politische Konsequenzen daraus zu ziehen. Die Präsenz des Equal Care Day (ECD) in der Öffentlichkeit führt im besten Fall auch zu Gesprächen im Privaten und in den Familien. Das ist eine große Chance und birgt sogar revolutionäres Potential!

Was ist denn „Care“ überhaupt im Kontext von Familien? Welche Arbeit fällt darunter?

Alle sichtbaren und unsichtbaren großen und kleinen Dinge des Alltags. Von dem „Jeans auf links drehen” über das Nägelschneiden, mit der Kleinen zum Großeinkauf, dem Gang zum Kinderarzt und der Absprache mit anderen Eltern für Geburtstagspartys bis hin zur Reparatur des Staubsaugers. Es betrifft die Pflege älterer Familienmitglieder, die Ausrichtung runder Geburtstage und das Abwischen der Oberflächen nach dem Essen. Alles, was die Familie als Gemeinschaft und Gesellschaftssystem funktionsfähig macht.

Jetzt sagen alle Statistiken ja, dass Frauen grundsätzlich mehr Care-Arbeit leisten als Frauen. Wie ist das in Familien? Wer übernimmt da mehr?

Gerade in der klassischen Kernfamilie reproduzieren sich die Rollenvorbilder: sie organisiert, er hilft. Das fängt damit an, dass junge Frauen genderspezifisch Berufe wählen, die schlechter entlohnt werden. Der Staat begünstigt steuerlich, dass die geringer-verdienende Eheperson zu Hause bleibt. Und so kommt es nach der Geburt des ersten Kindes gehäuft zu dem sogenannten „Retraditionalisierungseffekt”. Das bedeutet, dass die jungen Familien dann wie in alte Rollenvorbilder „zurückfallen”. Oben drauf kommen Rollenerwartungen ganz speziell an die werdenden Mamas. Und das findet ganz subtil Eingang in Alltagssituationen: Die Kita notiert sich den Kontakt der Mutter, statt aller Beteiligten und so weiter.

Ich kann das nur politisch einschätzen und möchte bescheiden argumentieren, denn ich habe keine eigenen Kinder. Ich lese viel und gern über politische Konsequenzen des „Frau- seins- in -unserer-Gesellschaft” und arbeite als Coach zu dem Thema Gleichberechtigung im Alltag, aber ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich die persönliche Erfahrung vom eigenen Kind nicht habe.

Wenn eine Frau schwanger wird, dann bespricht man doch als werdende Familie, wie die Arbeitsteilung sein soll, wenn das Baby auf der Welt ist. Wie sollte man hier vorgehen, um das möglichst gleichberechtigt aufzuteilen?

Wie in allen Umbruchsituationen hilft vor allem Offenheit. Zuerst sich selbst und seinen Gefühlen gegenüber: Was wünscht du dir? Was ist dir wichtig? Und dann Offenheit im Austausch mit der*dem Partner*in. Sich richtig gut kennen und wissen, was man braucht, finde ich wichtig. Um eigene Bedürfnisse klar kommunizieren zu können. Dann kann es zu einer echten Begegnung kommen. Dieses Team-Gefühl ist total entscheidend. Ich finde es erstrebenswert im Rahmen des Möglichen nicht nur an das Geld zu denken, was man einspart, wenn nun der oft besserverdienende Mann (Stichwort Gender Pay Gap, Berufswahl ist genderspezifisch etc.) weiter arbeitet. Finanziell und emotional unabhängig zu bleiben, um freie Entscheidungen zu treffen und sich jeden Tag für seine Familie entscheiden zu dürfen, würde ich mir persönlich zum Ziel setzen, anstatt sich gegenseitig zu „brauchen”. Wegen des Geldes oder um Abendessen zubereitet zu bekommen.

Und es ist Lebenszeit des Paares. Männer mögen für sich und andere sorgen können, nicht nur Versorger sein. Jeder Tag ist für jede und jeden gleich lang. Wir können also aufhören, so zu tun als wäre unsere Zeit nicht gleich viel wert. Egal, ob im Büro oder zu Hause.

Wo drückt der Schuh in Bezug auf Equal care am meisten?

In der Anerkennung der Bedeutung der Care-Arbeit. Sie ist ungemein wichtig, denn sie hält unsere Gemeinschaften zusammen. Und unser Gesellschaftssystem! Sie gehört anerkannt, wertgeschätzt und super gut bezahlt! In Rentenpunkte übersetzt, in Eheverträge aufgenommen und nach Vorlieben besprochen und aufgeteilt. Gerecht.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Equal Care und Equal Pay?

Equal Care ist die gerechte Aufteilung von Fürsorge- Arbeit, die Wertschätzung derselben und die Aufteilung der Verantwortung dafür.

Equal Pay ist die gerechte Bezahlung aller Formen der Arbeit.

Warum hast du den „Who cares“ Rechner eingeführt?

Weil ich finde, dass es ein super Tool ist, um der Care- Arbeit einen WERT beizumessen. Und in unserer Gesellschaft funktioniert dieses „sichtbar machen” am besten über Geld. Care ist eben eine unbezahlte Tätigkeit, die zu 80 % von Frauen übernommen wird. Das hat ganz konkrete finanzielle Folgen!

Wenn man nun mithilfe deines Rechners ermittelt, wie hoch die finanziellen Einbußen sind- was wäre der nächste Schritt?

Innehalten, einatmen, reden, reden, reden und eine Lösung finden, die gut zum eigenen Leben passt. Es gibt kein Rezept, das für alle passt. Das Bewusstsein über den Wert der Zeit, die vor allem Frauen für Care-Arbeit aufbringen, kann als Solches schon eine Veränderung einleiten. Ich denke, dass die Auseinandersetzung über Wünsche und Prioritäten sich organisch anschließt. Ich möchte zum Nachdenken anregen und zu Gesprächen untereinander einladen.

Deine Seite heißt alltagsfeminismus.de. Was kann man darunter verstehen?

Ich bin Medizinanthropologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie und  arbeite unter Anwendung gestalttherapeutischer Methoden. Alltagsfeminismus ist ein Coaching für Frauen, die alles wollen. Alltagsfeminismus ist dabei der Prozess, der zu einer echten Gleichberechtigung führt. Alltäglich die Chance wahrzunehmen, sich den Herausforderungen zu stellen, die unsere Sozialisierung als Frau mit sich bringt. Es ist ein Coaching-Programm mit dem Ziel, die eng gewordenen Rollenerwartungen zu überwinden. Aus Impulsen auszubrechen. Zu verstehen, dass die Gesellschaft unsere Gefühle als Frau sehr stark beeinflusst. Im Alltag liegt der Hase im Pfeffer begraben. Hier passiert die Reproduktion alter Rollenklischees und hier ist auch die Chance innezuhalten, Handlungsimpulse wahrzunehmen, etwas anderes zu tun, sich auszuprobieren.

Was wünschst du dir für die Zukunft – was wäre dein Ideal von Equal Care?

Ein Miteinander gestalten, in dem Menschen selbstbestimmt handeln und sich bewusst entscheiden, liebevolle Fürsorge wertschätzen lernen, mit gegenseitigem Respekt einander lieben und würdevoll miteinander umgehen. Die Revolution im Privaten einleiten: Das wünsche ich mir.

Wenn du Johanna und ihre Arbeit weiterverfolgen möchtest lohnt sich ein Blick auf ihren (noch recht neuen) Instagramkanal: @alltagsfeminismus

Fürsorge Arbeit

Unsichtbare Fürsorge

Bevor das Baby auf der Welt ist, ist die Hausarbeit in vielen Partnerschaften in etwa gleich verteilt. Aber mit dem Nachwuchs kommt, schleichend, auch eine Veränderung in der Familie an. Die beginnt bei der Frage, wer die Elternzeit übernimmt und endet praktisch in den nächsten 18 Jahren nicht mehr. Dabei sollten Paare gerade über die gerechte Verteilung von oft unsichtbarer Arbeit, der Care- oder auch Fürsorge-Arbeit, immer wieder reden. Wer kauft die Geburtstagsgeschenke ein? Putzt sie das Klo oder er? Wer liest dem Kind eine Geschichte vor oder wer geht zum Kinderarzt? Kinderkurs am Nachmittag: Wer nimmt den Termin wahr? Und wer besorgt neue Klamotten, wenn die alten zu klein geworden sind?

80% der Care-Arbeit leisten Frauen

All diese Arbeiten sind, für sich genommen, nicht besonders groß. Aber sie summieren sich. Und fast all diese Aufgaben werden von Frauen übernommen. Unbezahlt, zusätzlich zum Arbeits- und Familienalltag. Das frustriert, auch deswegen, weil es nach wie vor als normal angesehen wird, dass Frauen sich kümmern. Weil eine gute Mutter das so macht, hörst vielleicht auch du immer mal wieder. Aber was ist den mit dem guten Papa? Muss der sich nicht kümmern?

Tipps für gerechte Fürsorge-Verteilung

Der erste Schritt, raus aus dem Ungleichgewicht, hin zu geteilter Fürsorge, ist ein Gespräch. Wer braucht was, um sich gleichberechtigt zu fühlen? Das ist nicht immer einfach, vor allem dann nicht, wenn du dich vielleicht seit Jahren ungerecht behandelt fühlst. Oder weil die Strukturen ganz festgefahren erscheinen. Die Verteilung von Fürsorge-Arbeit ist ein schleichender Prozess. Und so, wie ihr als Familie in die ungleiche Verteilung hineingerutscht seid, so kommt ihr da auch Schritt für Schritt heraus. Unsere Expertin Johanna Fröhlich Zapata hat im Interview ein paar Tipps für dich.

Equal Care Day

Der Equal Care Day wird seit 2016 veranstaltet und ist eine deutsche Initiative, die Menschen, Organisationen und Institutionen weltweit dazu aufruft, auf mangelnde Wertschätzung und unfaire Verteilung von Care-Arbeit aufmerksam zu machen. Ins Leben gerufen wurde der Equal Care Day von Almut Schnerring und Sascha Verlan, die mit ihrem Buch "Die Rosa-Hellblau-Falle" einen Nerv bei vielen Eltern getroffen haben.

Vielerorts wird der Equal Care Day in Form eines Aktionstages gefeiert. Gleichzeitig wird in Bonn eine Konferenz abgehalten, die von der Bundeszentrale für politische Bildung mitorganisiert wird.

 

Andrea Zschocher
Das sagtAndrea Zschocher:

Mein Fazit

Gerechte Fürsorge-Arbeit scheitert bei mir immer an kranken Kindern. Noch. Bei vielen anderen Punkten von Care-Arbeit sind wir als Paar tatsächlich sehr fair miteinander und ich muss diese Last nicht allein tragen. Es ist ein ständiges miteinander im Gespräch bleiben. Und ja, ich finde das sehr oft sehr anstregend. Aber am Ende hilft es nicht nur uns Eltern, ein gleichberechtigteres Familienleben zu führen, es hilft auch unseren Kindern. Denn für die hat es eine Vorbildfunktion wenn sie sehen, Papa räumt den Geschirrspüler aus und Mama repariert den platten Reifen.

Bildquelle: Mammut Studios/ Elias Danner, getty images / monkeybusinessimages

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