76 Tage Schlafentzug - ich bin so müde

Nadja ist Mama und Nadja ist müde. Sehr müde. Für #insidemom erzählt sie uns die Wahrheit über den chronischen Schlafentzug von Eltern. Eine Wahrheit, die sie selbst gerne viel früher gekannt hätte.


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Ich bin müde. Mir fehlt Schlaf. Nein, nicht diese Zu-lang-gefeiert-Müdigkeit. Was mir an Schlaf fehlt, lässt sich nicht so leicht wieder reinholen. Einfach mal früher ins Bett gehen reicht da nicht.

Mein Problem ist: Ich schlafe nicht durch. Mütter und Väter kleiner Kinder wissen, wovon ich spreche. Die Schlafräuber sind überall und meistens in meinem Bett. Oder ich in ihrem. Ich bin seit fast fünf Jahren Mutter. Wenn ich – nur, um es mal zu überschlagen – annehme, dass mir seitdem etwas ein Stunde Schlaf pro Nacht geraubt wird, so sind das mehr als 1800 Stunden in fünf Jahren. Insgesamt fehlen mir mindestens 76 Tage Schlaf. Und das ist eine gutmütige Rechnung, denn in vielen Nächten wird mehr als eine Stunde von meinem Schlafkonto abgezogen. Und was übrig bleibt, ist alles andere als erholsam.

Es beginnt ja schon in der Schwangerschaft. Dauer-Müdigkeit ist im Preis inbegriffen, von Anfang an. In der zweiten Schwangerschaft schlief ich regelmäßig beim Spielen auf dem Kinderzimmer-Boden ein. Um von meiner damals zweijährigen Tochter jedes Mal wieder wachgerüttelt zu werden. Im Prinzip ist es mit der Vereinigung von Eizelle und Spermium mit dem Durchschlafen vorbei. Denn hat sich der Embryo erstmal eingenistet und beginnt zu wachsen, drückt er auch auf die Blase. Seltsamerweise scheinen nur wenige Zentimeter kleine Ungeborene das genauso zu können wie reife Babys kurz vor der Geburt. Für die werdende Mutter bedeutet das: Sie schleppt sich schlaftrunken zum Klo und wieder ins Bett, nicht selten fünf Mal pro Nacht. Oder dem Nachwuchs passt nicht, wie Mama im Bett liegt. Also tritt er ihr so lange in die Rippen, bis sie sich entnervt auf die andere Seite wuchtet. Wer schon einmal hochschwanger war, weiß, wie lange das dauert. Manchmal fühlen sich ungeborene Babys auch gerade zu Action herausgefordert, wenn die Mutter schläft. Was ihr sehr schnell nicht mehr gelingt, wenn im Bauch Party angesagt ist.

Schließlich ist das Baby da. Schlafmangel gehört sozusagen zum Willkommens-Paket, alle jungen Eltern stellen sich darauf ein. Und ja, in den ersten Wochen haben mein Mann und ich den Schlafentzug auch wie eine Trophäe vor uns her getragen. Nur wer die ganze Nacht mit dem Baby im Arm und „La-le-lu“ singend durch die dunkle Wohnung geschlichen ist, gehört in die Liga der außergewöhnlichen jungen Eltern. Anfangs suggerieren einem Glücksgefühle und Hormonüberschwang noch, man könnte bis an sein Lebensende mit ein paar 30-Minuten-Einheiten Schlaf über den Tag kommen und müsste ansonsten ja sowieso stillen, wickeln, Kind durch die Wohnung tragen oder überprüfen, ob es noch atmet.

Mein Baby machte mich zum Zombie


Aus der Trophäe wird sehr schnell ein schwerer Pokal, der einem die Lider nach unten drückt und die Augenringe immer dunkler macht. Ich weiß, wovon ich spreche. Denn wie viele war ich nicht darauf vorbereitet, wie lange dieser Schlafentzug andauert und was er mit einem macht. Mich machte er zum Zombie.

Das Kind war inzwischen sechs Monate alt. Tagsüber schlief es nur im Kinderwagen und nur, wenn sich der auch bewegte. Ich schob es stundenlang durch die Stadt, mit einem Becher sehr starken Kaffee in der Hand und einer wachsenden Furcht vor roten Fußgängerampeln im Kopf. Nachts wachte das Kind ständig auf. Es zuckte einmal mit dem kleinen Zeh und schrie gleich wie am Spieß. Es war durch nichts zu beruhigen, außer durch stillen. Mir wurde plötzlich die Bedeutung des Wortes „auszehren“ bewusst.

Ich schleppte mich mit schweren Lidern durch den Tag, fahrig, vergesslich, meist grantig, manchmal aggressiv. Besonders aggressiv machte mich die Frage „Schläft es schon durch?“, das macht sie noch immer. Diese Frage stellen nur Menschen, die anschließend eine Durchschlaf-Geschichte zum Besten geben wollen. Aber ich will nicht wissen, dass C. dank Fläschchen schon mit sechs Wochen durchgeschlafen hat. Oder M.: Jede Nacht 12 Stunden, ganz friedlich, obwohl Stillkind!


„Ich schleppte mich mit schweren Lidern durch den Tag, fahrig, vergesslich, meist grantig, manchmal aggressiv. Besonders aggressiv machte mich die Frage „Schläft es schon durch?“, das macht sie noch immer. Diese Frage stellen nur Menschen, die anschließend eine Durchschlaf-Geschichte zum Besten geben wollen. Aber ich will das nicht wissen ...”

von Nadja Katzenberger

Dann die besorgten Kommentare der Großeltern: „Aber ihr habt doch auch mit drei Monaten durchgeschlafen...“ Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich vermute eher, nach 30 Jahren glättet die Erinnerung so einige Stellen. Was mir vielleicht eher geholfen hätte, wäre die nackte Wahrheit gewesen: „Macht euch nicht verrückt, die Nächte werden irgendwann besser, aber das dauert. Manchmal lange. Und sehr wahrscheinlich wird ununterbrochener Schlaf für euch in den nächsten Jahren ein kostbares Gut werden.“ Babys wachen nun mal oft auf und sie lernen nur langsam, ohne Stillstopp und mehrere Stunden am Stück zu schlafen. Das ist normal und braucht alles seine Zeit.

Was uns mit dem Schlaf aber gleich mitentzogen wurde, war die Geduld. Genervt und frustriert von den schlimmen Nächten probierten wir vieles. Sanftes „Schlafen statt Schreien“ (schnell entnervt abgebrochen), rigides Schlafprogramm (noch schneller abgebrochen), ausquartieren ins eigene Zimmer (zumindest für die erste Nachthälfte). Natürlich wurde es irgendwann besser. Ein bisschen zumindest. In guten Zeiten rannten wir (oder einer von uns) nur einmal pro Nacht ins Kinderzimmer, um die Wasserflasche zu reichen, das Kuscheltier zu suchen oder einfach Händchen zu halten bis zur nächsten Tiefschlafphase.

Und ja, es gab ein paar Nächte ohne einen Mucks. Die ich halb im Wahn verbrachte, weil ich mich fragte, ob mein Kind noch atmet. Diese guten Schlafenszeiten haben wir bis heute immer mal wieder. Sie halten höchstens bis zur nächsten Erkältung. Bis Hustenanfälle oder verstopfte Nasen die Nacht wieder zum Tag machen. Wahlweise auch die ausgelaufene Windel, das verschwundene Plüsch-Einhorn oder die verrutschte Bettdecke.
Doppelter Schlafentzug und kein Ende in Sicht

Ich weiß, dass es vielen Eltern so geht, auch wenn nicht alle darüber reden. Ich sehe die provisorischen Lager in den Kinderzimmern, die Extra-Matratze neben dem Gitterbett, das neue Jugendbett mit zweiter Matratze und Ausziehfunktion – „wenn später mal Freunde bei ihm übernachten wollen.“ Bis dahin schläft da halt jede Nacht der Papa. Mein Mann findet das mit der Ausziehfunktion übrigens eine gute Idee. Nachdem er den letzten Winter halb liegend, halb sitzend auf einem Sitzsack verbracht hat, die Hand durch die Gitter des Kinderbetts geschoben, wünscht er sich was Bequemeres.

Mittlerweile sind wir Eltern von zwei Kindern. Das bedeutet natürlich doppelte Liebe, aber auch doppelten Schlafentzug.
Meist habe ich ihn ganz gut im Griff, aber manchmal macht er mich einfach fertig. Dann bin ich den ganzen Tag schlecht gelaunt und reizbar, verwechsle oder vergesse Termine und kann mich kaum konzentrieren. Meinem Mann geht es ähnlich. Wir könnten natürlich früher ins Bett gehen, aber wann sollten wir uns dann in Ruhe unterhalten, Serien schauen oder die Steuer machen. Meistens schläft sowieso einer von uns ein, wenn er die Kinder ins Bett bringt. Es ist dann genauso falsch, diese Person zu wecken („Ich hab geschlafen!“) wie sie schlafen zu lassen („Ich wollte doch noch zum Sport!“).

Unser Schlaf-Arrangement folgt nun der Devise: „Für jeden so viel Schlaf wie möglich.“ Niemand soll mehr neben Gitterbetten oder auf Sitzsäcken kauern. Heult das kleine Kind, holen wir es ins Ehebett. Ruft das große, legt sich der Papa dazu. Die Idee vom Familienbett finde ich ganz schön, sie hat sich bei uns aber als unbrauchbar erwiesen. Im Kampf um Matratzen-Zentimeter und Mama- bzw. Papa-Nähe brachten die Geschwister uns alle um den Schlaf. Also zieht ein Kind nachts ins Elternbett und ein Elternteil ins Kinderzimmer. Natürlich kann das nicht ewig so weiter gehen. Andererseits weiß ich auch nicht, wie ich diesen Zustand ändern soll. Es würde sehr wahrscheinlich bedeuten, dass wir wieder nächtelang durch Gitterstäbe Händchen halten. Und wenn mich etwas aggressiver macht als der Schlafentzug an sich, dann ist es das: Nachts Stunden frierend im Schlafanzug und ohne Socken im Kinderzimmer stehen und auf die nächste Tiefschlafphase warten. Dann lieber einen Zweijährigen neben mir, der vom Zweimeterbett ungefähr 1,50 Meter für sich einnimmt.

Letztens, es war morgens um vier, wachte ich auf, weil meine Tochter weinte. Ich legte mich zu ihr, sie hatte schlecht geträumt, von bösen Feen. Ich flüsterte ihr zu, dass es ja auch gute Feen gäbe, von denen man sich was wünschen dürfe. „Mama, was würdest du dir von so einer guten Fee wünschen, wenn du einen Wunsch frei hättest?“, fragte meine Tochter schon im Halbschlaf. Mir war nach einer uneigennützigen Antwort wie „Mehr Kitas, mehr Erzieher“ oder „bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“ Aber je länger ich darüber nachdenke, mein größter Wunsch ist tatsächlich: Durchschlafen. Acht Stunden am Stück. Wo bleibt diese Fee?


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#insidemom: Nadja Katzenberger


Hier schreibt: Nadja Katzenberger


Hier schreibt Nadja Katzenberger, 36. Ich bin freie Journalistin und schreibe auf meinem Blog healthandthecity.de über Gesundheit, Medizin und auch mal darüber, warum ich einfach nicht auf Zucker verzichten kann.

Überall wird darüber gesprochen und geschrieben, wie Mütter sein sollen. Hier nicht. Hier steht, wie Mütter sind. Deshalb mache ich mit bei #insidemom.

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