Kann man alle seine Kinder gleich lieben?

Alle seine Kinder gleich zu lieben, ist schwer. Warum das so ist und wann es zu einem Problem wird.


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Jedes Kind ist anders - und ändert sich mit der Zeit. Was wäre ungerechter als die Gleichbehandlung Ungleicher? Kleinere Kinder brauchen mehr Schmusestündchen als größere, für den einen ist Kuscheln das Größte, der andere schätzt die Vorzüge des Gesprächs und macht sich ganz steif, wenn man ihn mal umarmen will.

Fast alle Eltern fühlen sich in verschiedenen Phasen der Familiengeschichte einem Kind mehr verbunden.

Manche Papas, die sich scheuen, ein Baby zu wickeln, verlieben sich Hals über Kopf in die vierjährige Tochter. Und ziehen sich dann zurück, wenn die kindlich-unbefangene Zwölfjährige plötzlich zur weiblichen Schönheit heranreift. Unterschiedliche Gefühle und unterschiedliche Behandlung der Kinder sind völlig normal, natürlich und angemessen - wer würde auch schon mit einem Einjährigen reden wie mit einem Elfjährigen? 


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Kinder gleich lieben - wenn das schlechte Gewissen kommt


Doch meldet sich unweigerlich das schlechte Gewissen, wenn mal der eine, mal der andere der Geschwister mehr abkriegt. Viele Eltern fühlen sich schon schuldig, wenn sie eine spontane liebevolle Gefühlsaufwallung gegenüber einem ihrer Kinder bewegt, die sie bei dessen Bruder oder Schwester eben nicht so überkommt. Was tun? Ihm jetzt nicht über den Kopf streicheln? Die Kinder registrieren das Leuchten in den Augen von Mama oder Papa, wenn sich der heimliche Liebling nähert. Also das andere Geschwisterkind extrafest drücken? Die Küsschen gleich abzählen und die Schokolade mit der Briefwaage aufteilen?

Alle Kinder gleich lieben ist schwer.

Alle Kinder gleich lieben, ist schwer.


© Thinkstock
Es sind eher Sympathie, Verständnis, ähnliche Vorlieben und Abneigungen im Spiel, wenn die Beziehungen zu jedem einzelnen Kind verschieden sind. „Alle Idealisierungen schaden dem lebendigen Miteinander von Menschen“, sagt der Kindertherapeut und Autor Wolfgang Bergmann und rät zur Gelassenheit: „Weder haben Kinder ihre Eltern immer gleich lieb noch müssen Eltern Kinder immer gleich lieben. In seelisch gesunden Familien hört die untergründige Liebe nicht auf - auch wenn einen ein hyperaktives Kind mal ein halbes Jahr lang schier wahnsinnig macht.“

In Wirklichkeit wissen die Kinder ganz genau, wie es um die Liebe ihrer Eltern bestellt ist - egal, was die immer wieder beteuern. Sie haben feine Antennen für die Gefühle ihrer Eltern, und zwar die echten, nicht die behaupteten. Und wenn sie verunsichert sind, stellen sie diese Gefühle auf die Probe und verlangen lauthals danach, das gleiche wie der Bruder oder die Schwester zu bekommen. Aus Sicht der Kinder ist gerecht dasselbe wie gleich, aber echte Gleichheit kann manchmal auch ungerecht erscheinen. Jedes Geschwisterteil wird in eine andere Familie hineingeboren: Die Zahl der Familienmitglieder ändert sich, der Erziehungsstil der Eltern wandelt sich und die wirtschaftliche Situation ist bei der Ankunft jedes Kindes eine andere. Und schließlich sind ja auch die Kinder ganz verschieden. 

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Weshalb wir unsere Kinder oft nicht gleich lieben

Auch wenn die Eltern einst mit dem festen Vorsatz angetreten sind, alle Kinder gleich zu lieben, werden sie immer wieder resigniert feststellen, dass das gar nicht geht. Dem kleinen Lockenkopf mit den witzigen Einfällen fühlt sich der Vater näher, weil er selbst als Kind so war, in dem ernsthaften kleinen Mädchen erkennt die Mutter ihre eigene Art, die Welt zu betrachten, wieder. Das macht das Miteinander leichter, oder? Vielleicht reagieren Mutter und Tochter oder Sohn auf dieselbe Art von Humor und können sich ohne viele Worte verständigen. Das kann eine Leichtigkeit in die Beziehung bringen, die Gefühle von Liebe und Nähe am Fließen hält. Auch das Gegenteil kommt vor: Der schusselige Vater, der darüber schimpft, dass sein Sohn alles vergisst…. Die streitlustige Mutter, die im Gekeife ihrer Jüngsten nicht umhin kann, ihr eigenes Schimpfen wiederzuerkennen oder, noch schlimmer, das einer zänkischen Tante, die die ganze Familie einst tyrannisiert hat.

Wenn Eltern in ihren Kindern Eigenschaften wahrnehmen, die sie selbst an sich ablehnen, bremst das die Liebe manchmal ganz schön aus - wer erträgt schon, dass seine Fehler bei anderen wieder auftauchen? Da hilft nur, den Blick fest auf die (immer vorhandenen) guten Seiten des Kindes zu richten und sich bewusst zu machen, wie toll das Kind in anderer Hinsicht ist. 

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Jüngstes Kind zieht oft Sympathien an

Häufig können Vater und Mutter zu jenem Kind die beste Beziehung aufbauen, das die gleiche Stellung in der Geschwisterreihenfolge innehat wie sie selbst. Oft ist es das jüngste Kind, dem die Sympathie zufliegt. Oder ein instinktives Bedürfnis, das schwächere Kind zu schützen, führt dazu, dass die Mutter sich auf die Seite der kleinen Prinzessin schlägt und ihren großen Bruder, den Rummelboxer, streng abmahnt. Ob aus der Vorliebe zu einem Kind ein Problem wird, hängt davon ab, wie schwierig die Beziehung zu den anderen Kindern ist. Jede Liebe verändert sich - Elternliebe macht da keine Ausnahme. Aber Eltern gewinnen viel Spielraum für ihre eigenen Gefühle, wenn sie ihre Liebe zu den Kindern aus der Umklammerung einer auf Gleichheit festgelegten Bringschuld befreien können.

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