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Bindungstypen: Was uns Eltern die Bindungstheorie lehrt

Sichere Bindung

Bindungstypen: Was uns Eltern die Bindungstheorie lehrt

Sicher gebundene Kinder haben es so viel einfacher und sind keinesfalls verwöhnt. Das möchten wir hier gleich zu Beginn klar stellen, dann hier lag bis ins 20. Jahrhundert ein Missverständnis vor: Man ging davon aus, dass Kinder schon von Tag eins Lernen müssten, dass nicht alle nach ihrer Nase tanzen und sie auch einfach mal schreien müssen. Aber dann kam die Bindungsforschung, entwickelte Bindungstypen und klärte dieses Missverständnis auf.

Was besagt die Bindungstheorie?

Die Bindungsforschung ist eine vergleichsweise junge Disziplin in der Forschung und etablierte sich im 20. Jahrhundert. Vorreiter waren John Bowlby und Mary Ainsworth. Sie fanden heraus, dass gerade das erste Lebensjahr elementar für eine sichere Bindung des Kindes sind. John Bowlby bewies, dass sich das Verhalten zwischen Baby und Bezugsperson gegenseitig bedingen und sich so Urvertrauen entwickelt.

Babys können im ersten Lebensjahr nur auf eine Weise zeigen, dass es ihnen nicht gut geht: Sie weinen oder schreien. Reagieren die Eltern sofort und versuchen ihre Bedürfnisse zu befriedigen, entwickelt das Baby Vertrauen in seine Bezugspersonen und darüber auch in sich. Und genau das ist es doch, was wir alle wollen oder? Dass unsere Kinder Vertrauen in sich haben. Sie sind zudem zu 100 Prozent auf uns Eltern angewiesen, denn sie können sich ihre Bedürfnisse noch nicht selbst erfüllen.

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Umso schlimmer ist dann die Erfahrung, wenn die Bezugspersonen nicht reagieren. Die Kinder entwickeln dann kein Vertrauen in ihre Bezugspersonen und in sich. Sie haben gelernt, dass ihre Bedürfnisse nicht wichtig sind. Nur wenn sich die Kinder sicher fühlt, beginnen sie, ihre Umwelt zu erkunden und trauen sich Dinge zu.

Nach Mary Ainsworths Theorie bilden die Bezugspersonen eben jene “sichere Basis” die ein Kind dringend braucht, um sich frei entfalten zu können. Sicher gebundene Kinder haben gelernt, dass sie jederzeit zur sicheren Basis zurückkehren können.

Welche Bindungstypen gibt es?

Mary Ainsworth erforschte die Mutter-Kind-Bindung in einem Experiment. Kinder zwischen 12 und 18 Monaten betraten mit ihrer Mutter einen Raum. Die Mutter las dann ein Buch, während die Kinder begannen zu spielen.

Eine fremde Frau betrat den Raum und interagierte mit dem Kind, die Mutter verließ den Raum und kam nach kurzer Zeit zurück. Die Mutter trennte sich dann nochmals von ihrem Kind, während die fremde Frau beim Kind blieb.

Die Reaktion der Kinder war sehr unterschiedlich. Die Wissenschaftlerin unterteilte die Kinder in vier Gruppen bzw. vier Bindungstypen, entsprechend ihrer Reaktion:

1. Bindungstyp A: die unsichere vermeidende Bindung

Als die Mutter den Raum verließ, spielten die Kinder unberührt weiter. Auch die Rückkehr der Mutter nahmen sie gleichgültig hin. Als Außenstehender hat man dann den Eindruck, dass diese Kinder eben besonders selbstbewusst sind. Häufig erscheinen gerade diese Kleinen besonders “pflegeleicht”, sind früh selbstständig und haben ein ruhiges Temperament.

Das ist aber eine Fehlinterpretation: Die Kinder sind nicht sicher gebunden. Sie haben ihre Gefühle nicht offen gezeigt und haben ein negatives Selbstbild entwickelt. Dies resultiert wahrscheinlich daher, dass ihre Eltern in den ersten Monaten nicht zuverlässig auf ihre Bedürfnisse reagiert haben.

Wichtig zu wissen ist, dass schon die Allerkleinsten sich in ihrem Verhalten anpassen, wenn sie merken, dass die Bezugsperson beispielsweise ihr Schreien nicht aushält. Schon Babys haben das Grundbedürfnis nach Nähe, Sicherheit und Geborgenheit und versuchen sich das auch zu erfüllen, eben indem sie ihr Verhalten anpassen. Erst wenn dieses Grundbedürfnis ausreichend gestillt ist, entwickeln sie Autonomie.

2. Bindungstyp B: die sichere Bindung

Diese Kinder schreien oder weinen, wenn sie alleine gelassen werden. Sie freuen sich und sind erleichtert, wenn die Mutter zurückkehrt. Dann wenden sie sich wieder ihrem Spiel zu.

Sie vertrauen ihren Bezugspersonen und haben Verlässlichkeit erfahren. Sie können sich frei entfalten, weil sie eben keine Angst haben. Ein Zeichen für eine gute Mutter-Kind-Beziehung ist es also, wenn das Kind sich schnell wieder beruhigen kann und dann sich auch wieder von der Mutter löst.

3. Bindungstyp C: die unsicher-ambivalente Bindung

Diese Kinder versuchen die Trennung zu verhindern. Sie zeigen sich ängstlich, verunsichert und passiv. Auch nachdem die Mutter wieder da war, konnten sich die Kinder nicht entspannen und suchten die Nähe.

Sie haben gelernt, dass sie sich nicht auf die Bindungsperson verlassen können, denn mal reagierten diese auf das Kind und manchmal eben nicht oder lehnten es sogar ab.

4. Bindungstyp D: die unsicher-desorganisierte Bindung

Diese Kinder reagieren sehr ambivalent und teilweise widersprüchlich auf die Rückkehr der Mutter. Sie zeigen Stimmungsschwankungen, reagieren konfus oder teilweise mit Aggression gegenüber der Mutter.

Es ist davon auszugehen, dass die Kleinen bereits traumatisierende Erlebnisse hatten und diese nicht verarbeitet haben.

 

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Auch wenn die Forscherin das Experiment mit Müttern durchführte, sind Väter genauso wichtige Bindungspersonen und auch bei der Trennung von ihnen ließe sich ähnliches feststellen.

Unsichere Bindung: Welche Folgen kann das haben?

Ganz allgemein gesagt: Kinder, die keine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen aufweisen, können eine Bindungsstörung entwickeln, ähnlich wie beispielsweise die Aufmerksamkeit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Die Kinder können häufig mit Stress nicht umgehen und fallen auf der Gefühlsebene von einem Extrem ins andere. Weitere Probleme kommen hinzu:

  • fehlendes Selbstvertrauen und Vertrauen in andere Personen
  • Probleme Beziehungen zu führen
  • fehlende Affektkontrolle
  • Neigung zu psychische Erkrankungen (z. B. Depression, Suchtverhalten)

Bis ein Kind Störungen im Bindungsverhalten aufweist, muss viel zusammen kommen. Häufig liegt auch eine Traumatisierung vor. Ihr müsst euch also keine Vorwürfe machen, wenn ihr mal nicht sofort auf euer Kind reagieren könnt. Habt ihr dennoch Sorgen: Anlaufstelle ist der Kinderarzt, der dann ggf. eine Psychotherapie verschreibt.

Quellen: Heilpraktiker Markus Breitenberger zu Bindungstypen, Kita Medien GmbH zu Bindungstypen

Sarah Plück
Das sagtSarah Plück:

Ein Plädoyer für die Bedürfnisse unserer Kinder!

Das erste Lebensjahr ist so wichtig für das Urvertrauen. Wie häufig haben wir alle wahrscheinlich schon “Lass es doch einfach mal schreien. Es muss ja lernen, dass du nicht immer gleich springst.” gehört. Da stellen sich mir die Nackenhaare hoch. Babys wollen uns doch mit ihrem Verhalten nicht ärgern oder manipulieren.

Und eins ist sicher: Das Kind lernt noch früh genug, dass wir nicht immer “springen” können. Bei uns haben sich diese Situationen automatisch ergeben, beispielsweise wenn man unter der Dusche ist. Ansonsten versuchen wir nach wie vor auf die Bedürfnisse unseres Sohnes im hohem Maße einzugehen. Was gibt es frustrierendes, als zu merken, dass Mama oder Papa helfen könnten, es aber nicht tun?!

Und im übrigen fand die Bindungsforschung auch heraus: Kita-Eingewöhnung kann nur klappen, wenn die Eltern die “sichere Basis” sind.

Bildquelle: Gettyimages/miodrag ignjatovic

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