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Fehlende Bindung

Vaterkomplex: Ein problematischer Begriff voller Sexismus und falscher Mythen neu erklärt

Wenn eine Frau "ungesunde" Beziehungen führt und sich von außen betrachtet immer wieder einen bestimmten Partnertyp sucht, hört man oft eher abwertend: Die hat einen Vaterkomplex. Dabei betrifft dieses Bindungsthema Männer genau so. Dieser veraltete Begriff ist sehr problematisch und mit vielen sexistischen Vorurteilen belegt. Wir haben mit Therapeutin Julia Henchen darüber gesprochen, was an dem Terminus so problematisch ist und warum er eigentlich Bindungskomplex heißen müsste.

Warum der Begriff "Vaterkomplex" irreführend ist

Als ich zum Vaterkomplex recherchierte, fand ich häufig dasselbe Narrativ wieder gegeben. Dass das hochproblematisch ist, darauf hat mich vor allem die Sexualtherapeutin Julia Henchen im Gespräch hingewiesen: In vielen Beiträgen zum Thema heißt es sinngemäß: Ein Vaterkomplex, der sogenannte Elektrakomplex, sei die sehr innige oder von großer Distanziertheit geprägte Beziehung zwischen Vater und Tochter.

Der Begriff taucht umgangssprachlich vor allem auf, wenn eine Frau z.B. häufiger deutlich ältere Partner hat: Dann wird ihr eher flapsig nachgesagt, sie hätte einen Vaterkomplex. Gemeint ist damit etwas spöttisch: Sie kompensiert ihre problematische Beziehung zu ihrem Vater mit ihren erwachsenen Liebesbeziehungen. Doch dieses Narrativ strotzt vor Sexismus und Mythen.

Der Elektrakomplex nach Carl Gustav Jung

Geprägt wurde der Ausdruck "Elektrakomplex" von Psychoanalytiker Carl Gustav Jung ca. 1913. Damit meinte er die sehr starke Bindung einer Tochter an ihren Vater, die gleichzeitig die Mutter ablehnte. Dieser Begriff galt als das Gegenstück zu Sigmund Freuds stark kritisiertem Ödipuskomplex, bei dem der Sohn seine Mutter sexuell begehren würde. Die Definition dieser Begrifflichkeiten entstammen einer rein männlich geprägten Psychoanalyse, die weibliche Sexualität als "dunklen Kontinent" sah.

Die Therapeutin betont, dass diese Begrifflichkeiten aus der Zeit dieser patriarchalisch geprägten Frühphase der Psychoanalyse heute widerlegt sind: "Darin steckt einfach sehr viel Sexismus." Sie könnte sich auch vorstellen, dass das, worauf diese Begrifflichkeit hinaus will, eine Wissenschaftlerin schon viel früher herausgefunden hat. Es sei häufig so in der Psychoanalyse gewesen, dass Männer für bestimmte Begriffsdefinitionen bekannt wurden, die Frauen schon deutlich eher entdeckten. Es wurde jedoch nie bekannt. Bis heute hält sich das einseitige sexistische Narrativ.

Umdefinition: Hinter dem "Vaterkomplex" steckt eher ein Bindungstrauma

Das Wort "Vaterkomplex" geht davon aus, dass es die Frau ist, die ein Problem hat. Ihr wird die Schuld zugewiesen. Dabei ginge es eigentlich darum, so die systemische Therapeutin, dass die Väter oder Eltern (denn es betrifft eben nicht nur die Väter) in der Beziehung zum Kind nicht anwesend waren.

Eine Art Vaterkomplex entsteht durch die fehlende Bindung eines Vaters an die Kinder. Das Problem liegt eigentlich bei den Vätern und nicht bei den Kindern.

Julia Henchen

Doch wie bei so vielen Themen wird hier der Frau eine Art "Schuld" und "Opferrolle" zugewiesen. Der Begriff führt jedoch in die Irre: Er müsste eher Bindungstrauma heißen bzw. geht es darum, dass Eltern eine fehlende Bindung zum Kind hatten. Und nicht nur diese: "Das kann auch eine Abwesenheit oder fehlende Bindung von beiden Eltern oder Bindungspersonen sein, die nicht Mutter oder Vater sind. Auch wer bei der Oma oder dem Opa aufwächst, kann ein Bindungstrauma erleben bzw. eine Bindungsproblematik haben. Das betrifft definitiv nicht nur Frauen." so Julia Henchen.

Früher waren es tatsächlich eher die Väter, die abwesend waren, einmal weil sie arbeiteten und es üblich war, dass sie sich aus der Kindererziehung heraushielten. Daher die Betonung auf den männlichen Elternteil. Doch der Begriff könnte genau so auch "Mutterkomplex" heißen. Vor allem die Nachkriegs-Elterngeneration war häufig für ihre Kinder "emotional nicht erreichbar" wie es Frau Henchen formuliert. Die Kriegserlebnisse führten zu Traumata, die es ihnen sozusagen nicht möglich machten, die nötige Bindung zu ihren Kindern aufzubauen. Das betraf sowohl die Väter als auch die Mütter. Deren Kinder wiederum litten dann womöglich ebenfalls unter fehlender Bindung, weil sie von diesen traumatisierten Eltern ihre Erziehung erfuhren und dies wiederum in ihre eigene Bindung bzw. Bindungsunfähigkeit zu ihren Kindern einfloss.

Fehlende kindliche Bindung: Wenn Bezugspersonen abwesend sind

Wenn die Eltern emotional in den frühen Jahren nicht an ihre Kinder gebunden sind bzw. abwesend sind, können Bindungsthemen entstehen. Das passiere sowohl Männern als auch Frauen und hat definitiv nicht nur mit dem weiblichen Geschlecht zu tun. Viele Menschen, die Traumata erleben, würden häufig Liebesbeziehungen nutzen, um diese Themen zu kompensieren. Daher entstehe umgangssprachlich dieses Reden vom "Vaterkomplex" wenn jemand z.B. Beziehungen zu deutlich älteren Partnern führen würde. Julia Henchen ärgert, dass diese Begrifflichkeit einfach nur sexistisch ist und das Thema total verfehlt.

Durch fehlende kindliche Bindung kann sich ein Bindungstrauma entwickeln, d.h. wir kompensieren die fehlende Bindung durch Sexualität.

Julia Henchen

Problematische Vater-Tochter-Beziehung

Eine Vater-Tochter-Beziehung kann genauso problematisch sein wie die Beziehung zwischen Vater und Sohn, wenn der Vater nicht wirklich da ist. Hier liegt nicht einfach nur aufgrund des Geschlechts ein Problem vor, sondern es liegt teilweise daran, dass die Rollen der Geschlechter in früheren Generationen sehr viel genauer definiert waren und Väter eben häufig physisch abwesend oder emotional abwesend waren. Noch dazu gab es eine genauere Vorstellung wie eine Tochter sein sollte. Diese starren Geschlechterrollen lösen sich heute mehr und mehr auf und verändern die Vater-Kind-Beziehung.

Wie sich die Väterrolle im Laufe der Zeit verändert und was das für Auswirkungen auf moderne Vater-Tochter-Beziehungen hat, beschreibt Susann Sitzler sehr genau in ihrem Beziehungsbuch "Väter und Töchter". Darin analysiert sie nicht nur die eigene problematische Vater-Tochter-Beziehung aufgrund ihres früh abwesenden leiblichen Vaters nach der Trennung der Eltern. Sie spricht mit jetzigen jüngeren Vätern von Töchtern über deren Beziehung und was ihnen bei der Erziehung wichtig ist. In Kombination mit Erkenntnissen der Psychologie stellt Susann Sitzler fest:

Die Schnittmenge zwischen kindlicher und erwachsener Liebe ist seit jeher ein Kernbereich der Psychologie. Doch die Frage, wer wen warum liebt, enthält zu viel Magie, als dass sie sich zuverlässig erforschen ließe. Nicht jede Frau, die einen viel älteren Mann liebt, sucht in ihm ihren Vater".

Susann Sitzler, 'Väter und Töchter'

 

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Hilfe bei Bindungsängsten? Jede*r entscheidet selbst, ob er oder sie ein Problem hat

Zunächst einmal ist klar: Wer ungesunde Beziehungen führt, unter denen er oder sie leidet, kann sich Hilfe holen. Julia Henchen erwähnt, dass sie mit den meisten ihrer Klient*innen, die Fragen zum Thema Sexualität haben, letztlich immer beim Thema Bindung ist. Doch ob es mir mit diesen Beziehungen, die ich führe, schlecht geht, ist sehr individuell. Nicht immer muss sich auch bei einem abwesenden Elternteil eine Bindungsstörung entwickeln, unter der man leidet.

Wenn ich mich selbst oder andere nicht gefährde, ist erst mal alles gut. (...)Bindung ist ein riesengroßes Thema. Doch letztlich geht es für jede*n darum: Geht es mir gut, mit den Beziehungen, die ich führe oder eben nicht. Möchte ich daran etwas ändern und schaffe das nicht allein? Dann kann ich mir natürlich psychologische Hilfe suchen.

Julia Henchen

Sie betont zudem: Nicht immer muss es gleich eine Therapie sein, sondern manchmal hilft auch schon ein Coaching oder dass man sich einmal mit den Bindungstypen beschäftigt. Es geht letztlich darum, ein Verhaltensmuster zu erkennen und zu verstehen: "Ich führe ungesunde Beziehungen? Das könnte daran liegen, dass mir ungesunde Beziehungen vorgelebt wurden. Wenn ich das schon mal weiß, ist das bereits ein Teil der Lösung".

Der "Vaterkomplex" und die Schuldfrage

Was hier jedoch nicht weiterhilft, ist die Schuldfrage: In der Geschichte des Vaterkomplexes wird die Schuld auf die Seite der Frau geschoben: Sie habe hier ein Problem. Dabei ist das nicht nur falsch, wie wir gesehen haben, es führt auch nicht zur Lösung der Thematik. Die emotionale Abwesenheit von Eltern hat zumindest in der Nachkriegsgeneration etwas mit einer Abgestumpftheit der gesamten Generation zu tun.

Unsere Eltern haben wiederum von ihren Eltern etwas mitbekommen und diese wiederum von ihrer Elterngeneration. Daher ist keinem weitergeholfen, wenn man bei Bindungsthemen von "Schuld" spricht. Solche Begriffe wie "Vaterkomplex", die aus der Gründungsphase der Psychoanalyse stammen, sollten wir heutzutage mit Vorsicht und kritischem Auge betrachten und von ihren sexistischen Mythen befreien.

Katja Nauck

Tipp

Julia Henchel befasst sich neben der Paarbeziehung auch mit den Themen Aufklärung und frühkindliche Entwicklung. Wenn euch das auch interessiert, dann lest doch einmal, warum sie bekräftigt, dass Aufklärung schon vor der Grundschule beginnt.

Julia Henchen Sexualtherapeuthin und Coach
Julia Henchen ist systemische Therapeutin mit Schwerpunkt Sexualität und Trauma. Sie berät in ihrer Praxis (oder online) Einzelpersonen, Paare oder Familien bei Fragen bzw. Problemen zur Sexualität, Liebesbeziehung, Bindung, Erziehungsfragen, Aufklärung oder Familienkrisen. Außerdem ist sie Autorin des E-Books "Lustfaktor" und Co-Autorin im "Journal für deine Lust". Mehr über ihre Arbeit oder Publikationen findet ihr unter Lustfaktor.

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Quellen: Julia Henchen, C.G. Jung: Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie, (1913)

Bildquelle: Getty Images/Nadezhda1906 Foto von Julia Henchen: Kim Hoss

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