Warum Kinder Märchen brauchen

Kinder lieben Märchen und sind fasziniert von der fantastischen Zauberwelt. Märchen sind aber nicht nur unterhaltsam, sondern auch in der Erziehung bedeutend.


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Warum Kinder Märchen brauchen


Es gibt eine ganze Reihe weiterer Gründe, die für frühes Erzählen und Vermitteln der alten Mythen, Sagen und Legenden, für die fantastische Traumwelt der Märchen sprechen. Und handfeste Argumente dafür liefern, Kindern frühzeitig Märchen vorzulesen bzw. Märchen-Bilderbücher mit ihnen anzuschauen. Einen wichtigen Grund nennt die Pädagogin und professionelle Märchenerzählerin Sabine Lutkat: „Märchen spiegeln das ,zauberhafte' Denken wider, das jedem Kind eigen ist - das Kind behilft sich bei Dingen, die es rational nicht erklären kann, mit magischen Vorstellungen.“

Und  das Kind findet sich von Anfang an erstaunlich gut zurecht in der Märchenwelt, in der alles möglich scheint, die beseelt und voller Wunder ist. In der sich ein Tisch ganz von selbst deckt, Sterne als Goldstücke vom Himmel fallen und die vom Wolf bereits verschlungene Beute unversehrt wieder zum Vorschein kommt. Märchen sind Magie - und entsprechen genau der kindlichen Fantasie. „Jeder von uns ist ein Königskind und trägt eine unsichtbare Krone. Das Märchen sagt uns: ,Geh, mach dich auf den Weg, du wirst erwartet'“, erklärt Sabine Lutkat die Botschaft, die kleine Kinder zwar nicht so konkret benennen können, gleichwohl aber deutlich spüren. Denn es gehört zur Entwicklung der kindlichen Identität, sich selbst im Mittelpunkt zu sehen. Entsprechend leicht fällt es ihnen, sich in die zauberhaften Abenteurer hinein zuversetzen.

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Märchen liefern Kindern Orientierung

Was ist mit den oft drastisch dargestellten Abbildern von Gut und Böse? Werden kleine Kinder nicht abgeschreckt, wenn die Hexe im Ofen verbrennt, der Wolf mit Wackersteinen im Bauch im Brunnen ersäuft und Schneewittchens Stiefmutter in glühenden Schuhen tanzen muss, bis sie tot umfällt?

Vor diesem Hintergrund ist eine gewisse Drastik nur logisch. Totaler Sieg des Guten, totale Niederlage des Bösen. Dieser Gegensatz bietet außerdem eine ganz eindeutige Orientierung - als „Modell für die wichtige Unterscheidung von Gut und Böse“, ergänzt Sabine Lutkat. Dies ist umso wichtiger, weil die Kinderseele „das Böse“ durchaus wahrnimmt: Es zeigt sich in Form von inneren Ängsten, etwa vor dem plötzlichen Verschwinden der Eltern oder dem Auftauchen einer nicht näher definierten „fremden Macht“. Diese Ängste zu überwinden gelingt noch nicht durch logisches Denken oder vernünftige Argumente - wohl aber durch die klare Struktur von Märchen. Hier findet das Übel seine konkrete Darstellung in heimtückischen Hexen und bösen Wölfen, furchtbaren Riesen und gemeinen Zwergen: Darauf können auch schon ganz kleine Kinder diffuse Ängste projizieren - und mit dem „märchenhaften“ Sieg über das Böse auch überwinden.

Märchen sind Mutmachgeschichten“, fasst Sabine Lutkat zusammen. Der Sieg des Guten bedeutet aber noch viel mehr: Schließlich vermittelt er Zuversicht und Vertrauen in die eigene Stärke, ganz so, wie es die meisten Eltern ganz automatisch tun. Dann erfüllen sie ähnlich wie der Märchenheld ihre Rolle als Identifikationsfigur. Hab keine Angst, vertraue den guten Kräften, die dir nahestehen - und deinen eigenen Fähigkeiten: Das also ist die Botschaft der Helden, etwa des Tapferen Schneiderleins und des Jungen, der auszog, das Fürchten zu lernen - aber auch der Bremer Stadtmusikanten oder des Igels und seiner Frau, die den stolzen Hasen mit List im Wettlauf bezwingen. Wo nötig, gesellen sich die unterschiedlichsten Helfer hinzu, die dem Guten zur Seite stehen und dem kleinen Zuhörer vermitteln: Du bist nicht allein. Da gibt es Tauben, die Aschenputtels Linsen sortieren, die sieben Zwerge, die das ohnmächtige Schneewittchen retten, und den Jäger, der dem bösen Wolf den Bauch aufschlitzt. Starke Bilder, deren Botschaft Kinder schon um das dritte Lebensjahr herum durchaus verstehen können.

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Kleine Kinder lernen Abstraktion durch Märchen

Dabei ist es erstaunlich, dass die Kleinen Kinder in diesem Alter sogar schon zu einem bestimmten Maß an Abstraktion fähig sind: So ist jungen Kindern durchaus bewusst, dass der böse Wolf aus dem Märchen keine reale Bedrohung darstellt. „Den gibt's ja nicht in echt“, sagen sie, wenn man sie danach fragt. So bieten Märchen einerseits den nötigen Abstand, um Unheimliches zu abstrahieren, andererseits für Kinder eine breite Plattform zum Träumen. Dies umso mehr, als in aller Regel Befreiung und Erlösung winken: Dornröschen erwacht in dem Märchen nach 100 Jahren und heiratet ihren Prinzen, das „Hässliche Entlein“ wird zum prächtigen Schwan, der Froschkönig wird nicht etwa an der Wand zerschmettert, sondern verwandelt sich in einen prächtigen Königssohn.

Doch nicht nur das bildhafte Element von Märchen spielt eine große Rolle: Je kleiner die Zuhörer sind, desto mehr lieben sie die Atmosphäre des Vorlesens an sich. Unter einer Decke an Mama, Papa oder Oma gekuschelt auf eine märchenhafte Reise gehen - solche frühkindlichen Erlebnisse stärken das Urvertrauen und bleiben oft ein Leben lang in Erinnerung. Anfangs empfehlen sich jedoch noch nicht die dicken Gebrüder-Grimm-Wälzer, sondern hochwertige Bilderbücher, die die Märchen zusammenfassen und optisch erklären, ohne sie zu verfälschen.

Geschwistern wird Märchen vorgelesen


© Thinkstock
Märchen führen Kinder in die Welt der Literatur ein

So sind Märchen auch der ideale Steigbügelhalter für die frühzeitige Konfrontation kleiner Kinder mit Literatur: Wer von klein auf mit Büchern aufwächst, betrachtet sie als selbstverständlichen Lebensbegleiter, und wem frühzeitig vorgelesen wird, der wird später in aller Regel auch selbst gerne lesen. Dabei erweisen sich gerade Märchenbücher auch als sprachlich besonders geeignet: An die Klarheit des Grimmschen Vokabulars reicht kaum ein Nachfolgewerk heran - weit über die typischen Begrifflichkeiten des Märchens hinaus stehen sie für die Schönheit unserer Muttersprache.

Und die pädagogischen Botschaften? Auch die gibt es, doch sind sie in Märchen eher die Ausnahme und werden gerade von kleineren Kindern noch nicht bewusst aufgenommen und verstanden. Zwar lässt sich etwa aus dem Märchen „Frau Holle“ der Leitsatz „Übernimm Verantwortung“ ableiten, aus dem „König Drosselbart“ etwa „Sei nicht hochmütig“ und aus dem Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ der Rat „Sei nicht gierig“. Doch charakteristisch sind solche Tipps durchs Hintertürchen für Märchen nicht: „Märchen sind nicht moralisch und auch keine konkreten Handlungsanweisungen“, erklärt die Märchenerzählerin Sabine Lutkat, „sie sind vielmehr bildhafte Geschichten für menschliche Erfahrungen.“

Geschichten, die übrigens nicht immer nur vorgelesen werden müssen: Kinder lieben auch das freie Erzählen durch die Eltern. So ist ein Märchen jedes Mal wieder ein klein wenig anders und lässt noch mehr Raum für Fantasie und sprachliche Entdeckungen.

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