Stress bei Kindern: Symptome, Ursachen und Hilfe

Zeitdruck, Erwartungsdruck, Leistungsdruck. Das sind die zentralen Faktoren, die Kinder unter Stress setzen. Mit körperlichen und psychischen Folgen. So können Eltern gegensteuern.


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Woher kommt der Stress? Ursachen bei Kindern


Wir Erwachsenen fühlen uns häufig gestresst. Seit wir Eltern sind noch ein bisschen mehr. Irgendwie scheint Stress zu unserem Leben dazuzugehören, mal mehr, mal weniger. Aber Kinder und Stress? Das sind erstmal zwei Dinge, die eigentlich nicht in Berührung kommen sollten. Leider ist der Stress aber mittlerweile auch in den Kinderzimmern angekommen. Die Idealvorstellung von unbeschwert spielenden, tobenden, die Zeit vergessenden – und dabei so herrlichen entspannten Kindern bröckelt immer mehr.
Ungefähr jedes sechste Kind (18 Prozent) und jeder fünfte Jugendliche (19 Prozent) in Deutschland leidet unter deutlich hohem Stress. Zu diesem Ergebnis kam die Universität Bielefeld in ihrer Studie "Burn-Out im Kinderzimmer: Wie gestresst sind Kinder und Jugendliche in Deutschland?". 
Woher kommt der Stress? Ursachen bei Kindern
Wenig freie Zeit ohne "Verpflichtungen", Termindruck und der Wunsch, die Erwartungen der Eltern immer zu erfüllen, das sind nach der Stress-Studie 2015* die wichtigsten Ursachen für einen hohen Stresslevel bei Kindern. Eltern nehmen den Stress des Sprösslings oft nicht als solchen wahr. Nur 20 Prozent der Eltern von Kindern mit hohem Stresslevel befürchten, ihr Kind eventuell zu überfordern. Professor Dr. Holger Ziegler von der Uni Bielefeld zieht nach der Studie ein trauriges Fazit: "Der insgesamt bedeutsamste Faktor für kindlichen Stress dürfte auf Leistung und mehr noch auf Erfolg orientierte Erziehungspraxis sein." Was nicht automatisch heißt, dass Eltern an allem "Schuld" sind. Schulischer Leistungsdruck, mediale Reizüberflutung und vieles mehr tun ihr Übriges, aus gelegentlichen Belastungssituationen Dauerstress zu machen. Und der ist ungesund.
Was können wir gegen den Stress unserer Kinder tun?
Der erste Schritt: Den Stress wahrnehmen. Die meisten Eltern sind sich gar nicht bewusst, dass ihr Kind unter Stress leidet. Zumal Kinder nicht über Stress klagen – das Wort kennen sie nur von Mama, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt. Oder von Papa, wenn morgens wieder alle bummeln und die Zeit davon läuft. Kinder sagen nicht "heute war’s aber stressig!", sondern sind vielleicht einfach gereizt, ständig am Nörgeln, müde.

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➤ Tipp: Werfen Sie mal – ganz entspannt, aber selbstkritisch– einen Blick auf den Alltag in Ihrer Familie: Ist der Start in den Tag geprägt vom Blick auf die Uhr? Schnell noch das Pausenbrot machen, während die Kinder beim Frühstück sitzen. Dann schnell noch die Wäsche aufhängen, so lange die Kinder beim Zähne putzen sind. Und dann aber nichts wie weg, die Kleine in den Kindergarten bringen, den Großen an der Schule absetzen. Häufig ist der Stress bei der ganzen Familie als ungebetener Besucher zu Gast. An den Nachmittagen stehen häufig zu viele Aktivitäten auf dem Programm. Nicht selten läuft dann auch der Ausklang des Tages nicht ab wie geplant: Die Zeit fürs gemütliche Vorlesen und Kuscheln wird auf morgen getagt – es ist schon wieder sooo spät und höchste Zeit fürs Bett.
"Eltern wollen immer das Beste für ihre Kinder. Wichtig ist, dass sie dabei ein Feingefühl dafür entwickeln, was Kinder wirklich brauchen und sie nicht überfordern. Ich erlebe die Eltern selbst enorm unter gesellschaftlichen Druck. Sie wollen allen Anforderungen gerecht werden. Dies übertragen sie dann auch auf ihre Kinder. Somit entsteht eine Stressspirale, die für Kinder fatale Folgen haben kann", so Familienberaterin Katia Saalfrank.

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Was tun gegen den Stress?

Ein Patentrezept gibt es - wie so oft - leider nicht. Wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind gestresst ist, forschen Sie nach den Ursachen. Selbstkritisch, aber ohne sich an allem die Schuld zu geben. Denn meistens sind es verschiedene Faktoren, die im Zusammenspiel den Stresspegel bei Kindern in die Höhe treiben. Wir haben ein paar grundlegende Fragen & Tipps zusammengetragen:


Stress bei Kindern- Was tun?

Mädchen neigen bei Stress zu Verschlossenheit


© Thinkstock
Entschleunigung heißt das Zauberwort. Schauen Sie sich den "Terminplan" Ihres Kindes kritisch an: Ist er zu voll? Sportunterricht, Forscherkurs, Musikstunden, bei den Größeren vielleicht noch Nachhilfe – häufig bleiben Kindern nur wenige Stunden Zeit in der Woche, die sie frei und selbstbestimmt gestalten können. Nehmen Sie alle Aktivitäten unter die Lupe – und sorgen Sie für genug Freiraum!

➤ Sprechen Sie mit Ihren Kindern über die nachmittäglichen Aktivitäten und auch über die gemeinsamen Ausflüge am Wochenende: Was macht den Kindern Spaß? Und was ist nur Pflichterfüllung? Welche Freizeitaktivitäten haben Sie initiiert, mit der Motivation Ihrem Kind etwas Gutes zu tun? Wagen Sie danach den Versuch, Ihrem Kind die Wochenplanung für ein paar Wochen zu überlassen. Interessanter Hintergrund: Nahezu 90 Prozent der gestressten Kinder klagen über Termine, die ihnen eigentlich gar keinen Spaß machen. 89 Prozent der Kinder mit hohem Stress äußern den Wunsch, mehr Zeit für Dinge zu haben, die ihnen Spaß bereiten, so die Ergebnisse der Studie der Universität Bielefeld.

➤ Hat Ihr Kind genügend freie Zeit, um sich vielleicht auch mal zu langweilen? Auch wenn keine Aktivitäten am Nachmittag anstehen, sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind nicht jeden Nachmittag eine andere Verabredung mit Freunden hat. Und wenn es über Langeweile jammert: Sorgen Sie nicht gleich mit Basteltipps, Rechenblättern etc. für Ablenkung. Ihr Kind soll selbst Ideen entwickeln – und lernen, die Langeweile und das süße, manchmal auch bittere, Nichtstun eine Weile auszuhalten.

Belastungen gehören zum Leben dazu. Wichtig für Kinder ist, dass sie lernen, mit diesen Situationen umzugehen. Und dabei können wir Eltern unseren Kindern helfen. Indem wir ihnen beispielsweise Strategien zeigen, wie sie ihr Kinderzimmer effektiv aufräumen, in dem wir ihnen Vorschläge machen, wie sie sich mit dem besten Freund wieder vertragen können und indem wir mit ihnen viel über Dinge des Alltags reden.

➤ Wie sieht es im Umfeld aus: Gibt es Schulprobleme, Schul- und Versagensangst? Fragen Sie im Zweifel bei Lehrern und Erziehern nach.

➤ Hinterfragen Sie sich selbst: Wie gehen SIE mit Stress um? Gibt es im Alltag viel Hektik, Streit oder gar ernstere finanzielle Probleme? Halten Sie Ihren eigenen Stress nach Möglichkeit von Ihrem Kind fern – und leben Sie ihm eine große Portion Gelassenheit vor. Diese Strategie hilft übrigens auch Ihnen im Umgang mit Stress.

Ruhe und Rituale: ausreichend Schlaf, feste Rituale wie z.B. gemeinsame Mahlzeiten, Vorlesen beim Zubett-Gehen etc. schaffen einen Rahmen, der Kinder Orientierung bietet.

➤ Hilfreich können auch Antistress-Coachings und das Lernen von Entspannungstechniken sein, wie sie von vielen Krankenkassen angeboten werden. Das Ziel: Kinder lernen, mit Belastungen umzugehen und sie zu "managen". Fragen Sie gezielt bei Ihrer Krankenkasse danach. 
Was passiert bei Stress im Körper?
Der Körper produziert bei Stress verstärkt die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin, die sich über das Blut im ganzen Körper verteilen. Das bewirkt einen schnelleren Herzschlag und eine erhöhte Aufmerksamkeit, der ganze Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt und ist bereit, Höchstleitungen zu erbringen. Die Muskeln spannen sich an, der Atem geht schneller. Der Körper verteilt außerdem seine Flüssigkeit anders: Man merkt es an feuchten Händen und einem trockenen Mund. Folgt nach der Anspannung eine Erholungsphase, wird die Energie wieder abgebaut und der Körper ist im Gleichgewicht. "Unser Körper ist auf Anspannung und Entspannung programmiert", erklärt Diplom-Psychologin Heike Oberlack-Nieß. „Bei ständiger Anspannung ohne Entspannung entstehen Stress-Symptome.“
Körperliche und psychische Stress-Symptome
Die negativen Folgen bei Kindern und Jugendlichen sind enorm, gestresste Kinder entwickeln Depressionen und Versagensängste und haben ein erheblich erhöhtes Aggressionspotential. "Die häufigsten Stress-Symptome sind Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Gereiztheit und eine verringerte Fähigkeit, mit Niederlagen umzugehen“, erklärt Prof. Michael Schulte-Markwort, Leiter der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.

Und körperlich? Kopf- und Bauchschmerzen zählen zu den häufigsten Stress-Symptomen.
Aber auch Herzklopfen, Verspannungen, Unruhe und ein trockener Mund können Symptome von Stress sein. Der Körper zeigt es, wenn er sich auf "Alarmstufe Stress" einstellt. Kann er sich danach entspannen, ist das kein Problem. "Stress ist eine biologische Fluchtreaktion des Körpers“, so Schulte-Markwort.

Dabei gilt: Je kleiner das Kind, desto körperlicher reagiert es auf Stress, also etwa mit Bauch- und Kopfschmerzen. Später kommen ein erhöhter Angstpegel und Anspannung bis zur Depression hinzu, wobei Mädchen sich eher verschließen und Jungen zur Aggressivität neigen.  

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* Burn-Out im Kinderzimmer: Wie gestresst sind Kinder und Jugendliche in Deutschland?“ Eine Studie der Bepanthen-Kinderförderung in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld



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