Sternenkinder: Wenn das Leben viel zu früh endet

Kaum begann ihr Leben, ist es schon wieder zu Ende. Sternenkinder sind Kinder, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben. Trauer, Trost – und alle Rechte, die Eltern haben.


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Sternenkinder


© iStock
Wenn Kinder im Bauch der Mutter oder kurz nach der Geburt sterben, ist das für Eltern ein schwerer Schicksalsschlag, ein zutiefst erschütterndes Ereignis, das die Welt ins Wanken bringt. Mit dem kleinen Menschen zusammen stirbt seine ganze Zukunft. Viele Wünsche, Träume und Hoffnungen sind mit einem Mal nichtig. Von einer Stunde auf die andere ist alles anders. Diese Babys, die das Leben nicht kennenlernen durften, werden Sternenkinder genannt: Sie haben den Himmel gesehen, bevor sie das Licht der Welt erblickt haben. Ihr Besuch auf der Erde war kurz – jetzt leuchten sie am Himmel.

Hilfe von Freunden, Bekannten, der Familie


Über Sternenkinder wird wenig gesprochen. Nicht-Betroffene sind unsicher, ihnen fehlen die Worte. Sie wissen nicht, wie sie mit dem, was eigentlich nicht sein darf, umgehen sollen, welche Worte und welchen Trost sie den Eltern aussprechen sollen. Meist gehen Bekannte, Freunde und auch die Familie schnell wieder zum Alltag über. Eltern von Sternenkindern fühlen sich auch ohne Kind als Eltern, ihre Trauer dauert lange. Für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar. Die tiefe Bindung, die die Eltern zu ihrem ungeborenen Baby haben, können sie nicht nachvollziehen, ihnen fehlt die Bindung zu dem viel zu kurzen Leben. "Ihr seid ja noch jung, ihr könnt ja noch ein Kind bekommen". "Wer weiß, wofür es gut war!" – Bemerkungen, die eigentlich gut gemeint sind, tun den Eltern im Herzen weh. Fragt man Sterneneltern, was sie sich von ihrer Umgebung wünschen, dann sind es ganz einfache Dinge: Zuhören. In den Arm nehmen. Und über das Baby sprechen. Wieder und immer wieder. Auch Fragen sind erlaubt. Wie sollte euer Kind heißen? War es ein Junge oder Mädchen? Dürfen wir eine Kerze für euer Kind anzünden? Ansonsten ist Dasein das wichtigste. Wenn die Eltern das Gefühl haben, dass Freunde für sie da sind, sich kümmern, vielleicht mal einen Topf Suppe vorbei bringen, dann hilft das in der ersten Trauer.

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Normalerweise ist die Geburt ein freudiges Ereignis. Eine stille Geburt ist das Gegenteil: der Abschied vom eigenen Kind.


Carla* erzählt vom Abschied von ihrem Kind

„Den Namen für unser Kind wussten wir schon gleich nach dem ersten Schwangerschaftstest: Tizian. Oder Tiziana. Je nachdem, ob es ein Junge oder Mädchen wird. Der Name bedeutet Freude. Riesengroß war sie, unsere Freude auf unser Baby. Lange hatten wir auf ein Kind gehofft, endlich war es soweit! Die ersten Wochen der Schwangerschaft verliefen völlig unkompliziert, ich merkte kaum, dass ich schwanger war, freute mich aber sehr über den Bauch, der immer dicker wurde. In der 23. Woche war ich bei der Routineuntersuchung bei meiner Frauenärztin. Wir scherzten noch über den errechneten Geburtstermin, den ersten April, plötzlich wurde sie still. Und in genau dieser Sekunde wusste ich es schon, etwas Furchtbares war geschehen. Einige Untersuchungen folgten, aber es war schnell klar: Mein Kind, tot. Gestorben in meinem Bauch. Was hab ich falsch gemacht? Hab ich irgendwelche Anzeichen übersehen? Natürlich nicht. Aber ich suchte verzweifelt nach einer Erklärung für das Nichtvorstellbare. Die Ärztin hatte keine parat, sagte nur „das passiert manchmal, Sie haben nichts falsch gemacht!"

Zum Glück war Felix schnell da und wir fuhren auf den Rat meiner Ärztin gleich ins Krankenhaus. Alles, was dann kam, war einfach nur furchtbar. Ich bekam eine wehenauslösende Spritze und hab dann nach acht Stunden Wehen mein Kind zur Welt gebracht. Ein Mädchen. Tiziana. Als ich sie im Arm hielt, war plötzlich für einen kleinen Moment alles wunderbar. Ich war total überwältigt: Sie war so klein, so zart. Einfach wunderschön. Und ganz friedlich. Da wusste ich: Sie war in
meinem Bauch einfach eingeschlafen, sie hat nicht gelitten. Das große Heulen kam erst nach einer Weile. Wir hatten uns doch so auf dich gefreut, kleine Tizi!

Unser großes Glück war, dass meine Hebamme sich rührend um uns gekümmert und viele Dinge arrangiert hat. Wenn einem das Kind genommen wird, kann man nicht mehr denken. Alles ist plötzlich so unwichtig. Unsere Hebamme hat uns geraten, uns Zeit für den Abschied von Tizi zu nehmen. Wir haben Handabdrücke u
nd schöne Fotos gemacht. Darüber bin ich heute total froh. In ganz schwarzen Stunden sind sie so wertvoll wie ein Schatz. Schließlich sind sie das Einzige, was wir von unserem Kind haben. Die ersten Tage nach der Geburt waren ansonsten der absolute Horror. Alles schmerzte höllisch. Der Körper – und noch viel mehr meine Seele. Ich fühlte mich total leer, als würde der wesentliche Teil meines Körpers fehlen. 

Intuitiv spürte ich, dass ich über den Verlust nur hinweg komme, wenn ich rede. Mit meinem Mann. Und mit Freunden. Ich hab auch gleich eine Selbsthilfegruppe gefunden, mit vielen netten Menschen, mit denen ich anfangs viel geweint und erzählt habe. Viele meiner neuen Bekannten aus der Gruppe sprechen nur mit an
deren Betroffenen über ihren Verlust. Ich bin da anders, ich erzähle viel von meiner Tochter. Unsere Tochter war zwar nur kurz da, aber sie war da. Und das Schöne ist: Sie wird auch immer da sein. Auf ihre Weise.

Wenn man mit anderen spricht, ist es erstaunlich, wie viele andere Mütter, ebenfalls ihr Kind verloren haben. Zum Teil natürlich in einem viel früheren Stadium der Schwangerschaft. Das ist zwar traurig, aber es schweißt zusammen.“


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Wo werden Sternenkinder beerdigt?

Sie heißen "Garten der Sternenkinder", "Sternenwiese" oder "Land der Engelskinder". Für einen Friedhof sind die Grabflächen erstaunlich bunt und fröhlich. Die Holzkreuze sind mit Farben bemalt, auf den Gräbern sind Teddys, bunte Girlanden und Spielzeug platziert. "Kurz nach Tizianas Tod kam ich oft hier her. Hier fühlte ich mich meiner Tochter am nächsten. Immer wieder hab ich Kleinigkeiten mitgebracht, die ich ihr so gerne selbst geschenkt hätte." Inzwischen trauert Carla anders, die Besuche auf dem Friedhof sind seltener geworden. Wenn sie das Grab besucht, ist aber immer Lena dabei, Tizianas kleine Schwester. Die so ein bisschen verstehen lernt, dass sie eigentlich eine große Schwester hätte. Und hat. Denn der Dreijährigen gefällt die Idee, dass ihre Schwester ein Stern am Himmel ist.

Vor allem in den ersten Monaten ist es wichtig, einen Ort für die Trauer zu haben. Am Grab können die Eltern mit ihrem Kind sprechen, eine Kerze anzünden, beten. Manchen hilft das, die Trauer im Alltag irgendwann ein bisschen zur Seite zu schieben und Normalität zu leben.
Wo finden Eltern von Sternenkinder Trost und Hilfe?
Die Trauer kommt meist in Wellen. Ein Trost, wenn auch ein schwacher: Mit der Zeit wird die Trauer nachlassen. Die meisten Eltern von Sternenkinder bestätigen aber - ganz weg gehen wird die Trauer nie. Egal, wie viele Geschwisterkinder in der Familie gesund und munter auf die Welt kommen. Beim Abschied vom eigenen Kind helfen:

➤ Das Baby kennenlernen:
Kommt ein Baby in der Klinik tot zur Welt, bekommen die Eltern die Möglichkeit, ihr Kind in aller Ruhe anzuschauen, kennenzulernen und Abschied zu nehmen. Wer das nicht direkt nach der Geburt möchte, hat auch in den Tagen danach noch die Möglichkeit. Die meisten Eltern haben zwar Angst vor dem Moment, ihr totes Kind, das vielleicht mit einer Behinderung zur Welt kam, anzuschauen und in den Arm zu nehmen. Diese Angst ist unbegründet. Ganz im Gegenteil: Das Kennenlernen ist ein wichtiger Teil des Abschiednehmens.

➤ Ein Name für das Baby.
Wenn das Baby früh stirbt, steht oft noch kein Name fest. Einen Namen für das eigene Kind auszuwählen hilft in der Verarbeitung der Trauer. Damit wird auch klar: Das ist ein kleiner Mensch, der da gestorben ist. Man kann von ihm erzählen, seinen Namen auf das Kreuz am Grab schreiben, eine Karte an die Angehörigen und Freund verschicken etc.

Abschiedsrituale sind wichtig. Dazu gehört die Beerdigung. Kinder von Freunden oder aus der Familie können den kleinen Sarg bemalen. Oder am Grab Luftballons mit guten Wünschen steigen lassen. Auch ein Brief an den totgeborenen Sohn oder die Tochter, der dem Sternenkind mit auf den Weg gegeben wird, ist eine Idee, die Eltern helfen kann. Manche Eltern geben ihrem Kind auch ein Kuscheltier oder einen Glücksbringer mit auf seinen letzten Weg.

Erinnerungen konservieren. Es gibt Fotografen, die – meist ehrenamtlich und mit viel Herzblut und Engagement – Sternenkinder fotografieren. Die Ergebnisse sind schöne Fotos, denen man häufig den Tod gar nicht ansieht und die eine wertvolle Erinnerung für die Familie sind. Auch das schon gekaufte Stofftier, die Spieluhr von der Patentante oder ein Kleidungsstück aus der Kreißsaal-Tasche sind Erinnerungen, die man nicht wegwerfen, sondern aufbewahren sollte. Ein Fußabdruck oder eine kleine Locke sind ebenfalls schöne Erinnerungen für die Ewigkeit.

Der Kontakt zu anderen Eltern mit Sternenkindern hilft. Sie verstehen die Gefühle und Gedanken am besten, denn sie wissen selbst, wie es sich anfühlt, sein Kind zu verlieren. Auf Facebook und Internet gibt es zahlreiche Foren, Gruppen und Verweise auf Selbsthilfegruppen, die sich im „wahren Leben“ treffen.

➤ Rituale. Ein schönes Foto im Flur oder eine Kerze vor der Haustür, die jeden Abend wenn’s dunkel wird angezündet wird, helfen die Trauer zu bewältigen.
Lesen Sie weiter
➤➤ Welche Angebote gibt es für die Eltern von Sternenkindern? Und welche Rechte die Eltern? Informationen zur Beerdigung, Eintragung, Segnung und Mutterschutz.


* Name von der Redaktion geändert.


 




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