Mama, Papa, Papa, Kind: Polyamore Beziehungen

Es geht auch anders

Mama, Papa, Papa, Kind: Polyamore Beziehungen

Wenn sich Menschen dafür entscheiden, mit mehr als einer Person eine Beziehung einzugehen, heißt das Polyamorie. Wie diese polyamore Beziehungen funktionieren, was die Herausforderungen sind und wie das Ganze mit gemeinsamen Kindern ablaufen kann, erfährst du hier.

Kinder aus polyamoren Familien wachsen meistens ganz normal bei ihren Eltern auf.  Da diese aber noch weitere Beziehungen führen, kommen noch weitere, enge Bezugspersonen für die Kinder dazu.

Mutter, Vater, Kind: So sieht meist das erste Bild aus, das in den Gedanken aufploppt, wenn man sich eine Familie vorstellt. Doch das gesellschaftliche Bewusstsein hat sich in den letzten Jahren – zum Glück – immer weiter geöffnet. Andere Modelle, wie beispielsweise Mutter, Mutter, Kind oder Vater, Vater, Kind rücken immer weiter in das Bewusstsein und finden Akzeptanz von der breiten Masse. Doch wie sieht es aus mit einem Familienmodell à la: Mutter, Vater, Vater, Kind? Nein, hier hat sich tatsächlich keine versehentliche Dopplung eingeschlichen. Wir reden über polyamore Beziehungen.

Was sind polyamore Beziehungen?

Eine polyamore Beziehung bedeutet, dass mehrere Menschen gemeinsam eine Beziehung führen. Es handelt sich also nicht mehr um die typische, monogame Partnerschaft von zwei Menschen, sondern um drei, manchmal auch mehr Menschen, die eine gemeinsame Bindung eingehen. So kann es z. B. sein, dass ein Paar beschließt, ihre Beziehung zu erweitern, weil die Partnerin sich in einen weiteren Mann verliebt hat. So führt sie dann zu beiden Männern eine Beziehung, sie wissen dabei voneinander und finden das okay. Irgendwann verliebt sich vielleicht auch der Partner noch einmal und fängt mit einer weiteren Frau eine Liebesbeziehung an – im Einvernehmen mit seiner Partnerin. Das Ganze hat also nichts mit Fremdgehen oder Betrügen zutun – die Beteiligten wissen alle voneinander Bescheid und sind mit der Lebensform einverstanden. Polyamore Beziehungen sind auch nicht das Gleiche wie offene Beziehungen, bei denen Sex mit anderen zwar erlaubt ist, die “richtige” Beziehung sich aber nach wie vor zwischen zwei Menschen abspielt.

Bei polyamoren Beziehungen gelten meist die gleichen Regeln, wie in monogamen Beziehungen auch – Treue und Ehrlichkeit haben einen genauso hohen Stellenwert. Die Partnerinnen und Partner sind alle auf eine Ebene gestellt. Es gibt also keine “Nebenbeziehungen” oder Hierarchien – alle Beziehungen haben die gleiche Bedeutung. Wie viele Menschen in Deutschland offen gelebte Mehrfachbeziehungen führen, ist nicht bekannt. Polyamorie ist jedoch keine Neuerscheinung, sondern wurde schon vor langer Zeit von prominenten Persönlichkeiten gelebt: Unter anderem sind Schriftsteller Bertolt Brecht, Philosophin Simone de Beauvoir oder Physiker Erwin Schrödinger für ihre zeitglichen Mehrfachbeziehungen bekannt.

Eine Mehrfachheirat ist für polyamor lebende Menschen in Deutschland nicht erlaubt. In vielen afrikanischen Ländern sind Ehen mit mehr als zwei Menschen jedoch erlaubt, auch in einigen Ländern im Nahen Osten wie in Saudi Arabien und im Iran sowie im asiatischen Kulturraum z. B. in Indien und Indonesien, sind Vielehen möglich.

Leben in einer polyamoren Beziehung: Ein Vollzeitjob

Sich immer wieder neu verlieben zu können, ohne andere Beziehungen loszulassen, klingt in der Theorie für viele Menschen erstmal schön. Doch wie lebt es sich in einem solchen Beziehungsmodell? Die WDR-Doku “Mama, Papa und die Anderen” gibt darüber Auskunft. Darin sieht man den Alltag im Leben der beiden Protagonisten Sascha und Sandra sowie ihrer beiden Kinder, die gemeinsam in Bonn leben. Als ihre Ehe kriselt, beide aber die Beziehung nicht beenden wollen, entscheiden sie sich, Polyamorie auszuprobieren. So beginnt Susanne die Beziehung zu Rainer, der in Berlin in einer polyamoren Wohngemeinschaft lebt und somit also auch noch Beziehungen mit anderen Frauen führt. Auch Sascha fängt zusätzlich eine Beziehung zu einer anderen Frau an, er bezeichnet das neue Modell als Freiheit, man darf sich neu verlieben, ohne alles andere verlieren zu müssen.

Doch ganz so leicht scheint es nicht. Die Doku zeigt die vielen Herausforderungen, vor denen polyamor lebende Menschen stehen. Es ist viel Arbeit, alle Partner müssen sehr intensiv miteinander kommunizieren, besonders dann, wenn eine weitere Person in das Beziehungskonstrukt hinzukommt. Vor allem aber wird deutlich, wie anstrengend Polyamorie auf zeitlicher Ebene ist, die Protagonisten bezeichnen es als Vollzeitjob.

Gerade für Susanne, die zwischen Bonn und Berlin für ihre Beziehungen hin- und her pendelt und dazu noch zwei Kinder hat, scheint das Modell zeitlich eine große Herausforderung zu sein. Als sie sich in einen weiteren Mann verliebt und ihrem Mann Sascha das doch zu viel wird, beschließt sie, ganz nach Berlin zu ziehen. Ob die Beziehung zu Sascha das aushält, bleibt offen.

Kinder in polyamoren Beziehungen

Für die beiden Kinder von Susanne scheint das Leben mit ihren polyamoren Eltern zeitweise gar nicht so einfach zu sein. Sie äußern in der Doku ihre Angst, dass sich ihre “Kerneltern” irgendwann trennen, dass ein anderer Partner irgendwann doch die Oberhand gewinnt. Auch der Umzug nach Berlin aufgrund der neuen Beziehungen ihrer Mutter ist kein leichter Schritt. Die ältere Tochter tut sich sehr schwer damit, Stadt, Schule und Freundeskreis plötzlich hinter sich lassen zu müssen.

Generell scheint das Aufwachsen in einer polyamoren Familie jedoch keineswegs anders, als in gewöhnlichen Konstellationen: So übernehmen die Eltern ganz normal die Hauptverantwortung für ihre Kinder, gewöhnlich wohnen sie auch zusammen. Der Unterschied ist nur, dass ihre Eltern eben noch weitere Beziehungen führen, sie also noch weitere, enge Bezugspersonen haben.

Jeder nach seiner Fasson

In der WDR-Doku äußert sich einer der Protagonisten sehr kritisch gegenüber festen, dauerhaften Beziehungen zwischen zwei Menschen. Er stellt die Frage, wieso diese Menschen nicht das tun, was sie wirklich wollen (womit er mehrfache Beziehungen meint) und sich so enorm in ihren Freiheiten einschränken. Doch woher will er wissen, was andere Menschen wirklich wollen? Auf der anderen Seite stellen sich Verfechterinnen und Verfechter der Monogamie hin und postulieren, dass Liebe nur etwas ist, das zwischen zwei Menschen funktionieren kann. Aber woher wollen sie wissen, was andere Menschen wirklich wollen?

Egal, wie man zu Polyamorie oder Monogamie steht – letztlich sollte doch jeder das Beziehungsmodell für sich wählen, das sich für sie oder ihn am besten anfühlt. Ob das die dauerhafte Beziehung zu nur einer Person ist oder zu mehreren, sollte jeder für sich entscheiden. Und niemand sollte über andere urteilen. Liebe ist nunmal das schönste Gefühl auf der Welt! Daher sollte es jeder auch so genießen dürfen, wie es sich für ihn am schönsten anfühlt.

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