Starke Eltern, starke Kinder

Kinder brauchen beides: Wurzeln und Flügel. Was für die Eltern-Kind-Beziehung außerdem wichtig ist.


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VI. Teilhabe und Ermutigung
Indes: Hinfallen muss sein – denn nur so lernt man das Aufstehen! Sobald Kinder spüren, dass sie ernst genommen werden, sind sie auch ernsthaft. Dann denken sie nach, treffen Entscheidungen – und sind stolz wie Bolle, wenn ihre Stimme gehört oder ihre Idee umgesetzt wird. Die Erfahrung, etwas bewirken zu können, unterfüttert ein positives Selbstbild. Dass Kinder ihren eigenen Kopf haben und oftmals nicht so reagieren, wie wir Erwachsenen es gerne hätten, müssen wir aushalten. Der Lohn: Kinder, die Freiräume haben und nutzen, sind meist auch kooperativer und sozialer eingestellt. Wer bevormundet und gegängelt wird, verweigert sich eher. Und das oft nur, um sich ein letztes Quäntchen Autonomie zu erhalten.

Aus einem von Wissenschaftlern begleiteten Spielprojekt an Wiener Grundschulen weiß man, dass freies Spielen nicht nur das Selbstvertrauen und die Selbstachtung von Kindern fördert, sondern auch deren kognitive Entwicklung begünstigt. Noch in der neunten Klasse waren die an dem Projekt beteiligten Kinder sprachlich versierter, sozial kompetenter und kreativer als ihre weniger autonom aufgewachsenen Mitschüler.
VII. Selbstverständnis und Identität
Um die Förderung von Selbstverständnis und Identität geht es auch dem jüngst von der Stiftung Bildung Gesellschaft ausgezeichneten Grundschulprojekt „…, ganz schön stark!!“ Schon seit 2001 stärkt ein Expertenteam des Instituts für Gesundheitsförderung und Pädagogische Psychologie über Rollenspiele, Bewegungsübungen und Fantasiereisen die Persönlichkeitsentwicklung und die sozialen Kompetenzen der Kinder an rund 80 Bremer Grundschulen. Bei einem dieser Spiele schlüpft Trainerin Tanja Wilkens in die Rolle eines Monsters, das die Mädchen und Jungen bekämpfen sollen. Natürlich geht es dann richtig wild und laut zu – was im Sinne einer bewussten Selbst- und Fremdwahrnehmung durchaus erwünscht ist. 


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Wie weit geht normales Verhalten bei Kindern – und wann werden ihre Eigenheiten kritisch? Antworten auf eine oft gestellte Frage junger Eltern.


VIII. Selbstreflexion und Selbstbewusstsein
Tanja Wilkens nennt einen weiteren Grund für solche Spiele: „Für uns ist es ganz wichtig, zu unterstreichen, dass es keine ‚schlechten‘ Gefühle gibt. In Kitas und Schulen ist es oft so, dass Aggression und Wut weggedrückt werden. Dabei sollten Kinder wissen: ,Wut haben ist okay!‘. Entscheidend ist, wie ich damit umgehe. Wenn ich wütend bin, kann ich eben nicht herumlaufen und dem Nächstbesten eine reinhauen … Man tut es oft schnell ab, wenn ein Kind sich aufregt oder Angst hat. Aber eigentlich muss man genau dann sehr gut zuhören.“Nur so, meint Tanja Wilkens, erfahren die Erwachsenen, welche Themen oder Probleme die Kinder gerade beschäftigen. Die Kinder wiederum erleben durch diese Spiele und nachfolgende Gespräche, wie man auch unangenehme und vermeintlich übermächtige Gefühle erkennen und in Worte fassen kann. Damit verlieren beängstigende Emotionen ihre Macht und Kinder lernen, sie zu kontrollieren.
IX. Starke Eltern
Nicht zuletzt brauchen Kinder Vorbilder – und die dürfen ruhig auch mal unsicher sein. Wenn Eltern zugeben, dass sie einen Fehler gemacht haben oder nicht mehr weiterwissen, kann das ein Zeichen von Stärke und Offenheit sein. Wichtig ist letztlich, dass Kinder das beruhigende Gefühl haben: Mama und Papa regeln das – nicht indem sie sich gegen Widrigkeiten panzern, sondern indem sie aktiv an sich und den Problemen arbeiten.

Mit solchen Eltern können Kinder durchstarten – und entwickeln dann genau die Stärke, die sie brauchen, um in unserer immer komplexer werdenden Welt nicht die Orientierung zu verlieren.

Drei Fähigkeiten, die Eltern – und damit auch ihre Kinder – stark machen
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    Interview mit Hans Berwanger, Familienpsychologe, Erziehungsberater und Mitautor des Ratgebers „Die Eltern-Schule – Kinder fürs Leben stark machen“

    familie&co: Was macht Eltern stark?

    Starke Eltern brauchen drei Fähigkeiten: Die erste ist „sanfte Liebe“. Sie ermöglicht eine sichere und enge Verbundenheit. Die Grundaussage, die das Kind spüren sollte, lautet: „Ich hab dich lieb, so wie du bist. Schön, dass es dich gibt!“ Und: „Ich bin für dich da.“ Wichtig ist auch, mit dem Kind einfühlsam über seine Erlebnisse zu sprechen. Wenn es etwa hinfällt, sollte man nicht auch noch schimpfen. Sanfte Liebe fühlt mit und tröstet: „Oh du Armes! Bist hingefallen, hast dir wehgetan. Heile, heile Segen.“

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    familie&co: Warum ist das so wichtig?

    Diese Form des mitfühlenden Feedbacks – schneller Trost und schnelle Beruhigung anstatt Dramatisierung – hat eine große Bedeutung für die Entwicklung psychischer Stärke, auch Resilienz genannt. Auf diese Weise lernen Kinder, sich später auch ohne die Eltern selbst zu beruhigen. Die zweite Fähigkeit, die man braucht: „standfeste Liebe“. Das bedeutet, dass Eltern Grenzen und Regeln durchsetzen können. Auch ohne sich bei Konfliktsituationen aufzuregen. Als Elterncoach arbeite ich darauf hin, dass sie sich seelisch gegen ihre Stressauslöser impfen.

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    familie&co: Wie funktioniert das?

    Am besten, wenn man gut drauf ist: Dann sucht man sich einen ruhigen Platz und stellt sich vor, welche Eskalationsgefahr als nächstes anstehen könnte. Das spielt man dann in Ruhe durch. Dabei lässt sich gut überlegen, wie die Situation durch eine kleine Änderung im Verhalten besser bewältigt werden könnte. Etwa indem man ganz leise flüstert, statt immer lauter zu werden oder die Stimme tiefer legt und kurze, einfache Anweisungen gibt. Gut ist auch, in die Knie zu gehen, um Blickkontakt herzustellen. Es gibt viele Möglichkeiten.

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    familie&co: Und die dritte Fähigkeit?

    Eltern müssen ihre Kinder inspirieren, anregen und begeistern können, also für Erlebnisse mit allen Sinnen sorgen. Etwa im Wald auf einem Baumstamm balancieren, einen Ausflug zum Hochseilgarten, eine Fahrradtour machen. Oder das Kind daran teilhaben lassen, wie man einen Fahrradschlauch repariert. Zeigen, wie es geht. Und sich auch von den Kindern Dinge zeigen lassen, die man selber nicht kennt oder kann. Dann können sie etwas zurückgeben, fühlen sich anerkannt und spüren, dass man sie ernst nimmt.



Buchtipps zum Thema
Die Eltern-Schule. Kinder stark fürs Leben machen von Andrea Bischoff / Hans Berwanger, erschienen bei Piper - 14 elementare Lektionen in Sachen kompetenter Erziehung.

Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie von Jesper Juul, erschienen bei Beltz - Das neue Buch des „Familienflüsterers“ handelt von einem zeitgemäßen Autoritätsverständnis

Starke Kinder. Gezielt und fantasievoll: Methoden für selbstbewusste und ausgeglichene Kinder von Ingeborg Saval, erschienen beiThieme - Jede Menge Ratschläge, Geschichten und Zaubersprüche.


(von Sylvia Meise / erschienen in der familie&co 08/2016)


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familie&co ab 30. November frisch am Kiosk. Dieses Mal mit diesen Themen.