Vater gesucht! Ein Interview über das Co-Parenting

Wenn der richtige Partner fehlt, wird das Kinderkriegen zur Sackgasse. Und wenn man die Liebe dabei ausklammert? Jennifer Sutholt hat genau das gemacht: ein Interview über ein etwas anderes Familienmodell.


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Jennifer Sutholt wollte nicht mehr länger auf die Liebe warten, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Sie wollte jetzt Mama werden, sie war bereit. Doch die Möglichkeiten einer Singlefrau sind äußerst begrenzt. Unsere Gesetze schieben dem Wunsch nach einem Kind schnell den Riegel vor. Also doch darauf warten, bis der Richtige um die Ecke biegt?

Eltern sein ohne Liebe


Nein. Sutholt hat sich für das Konzept des Co-Parentings entschieden. Hinter dem Anglizismus verbirgt sich ein neues Familienmodell: Ein Mann und einen Frau vereinbaren gemeinsam ein Kind zu zeugen, es gemeinsam groß zu ziehen, eine Familie zu sein, aber ohne dass sie einander lieben. Auf dem Blog planningmathilda.com hat Sutholt ihren Weg dokumentiert. Im Dezember 2016 ist sie Mama geworden. Wir haben ihr ein paar Fragen zu ihrem ungewöhnlichen Familien-Leben gestellt.

familie.de: Warum genau haben Sie sich bewusst für das Co-Parenting entschieden?

 
Jennifer Sutholt: Die Entscheidung war ein ziemlich langer Prozess, das erste Mal kam mir die Idee mit Anfang 30, aber sowas ist ein riesiger Schritt und will gut überlegt sein. Es geht ja nicht darum, sich für eine bestimmte Hunderasse zu entscheiden, sondern über das Leben eines Menschen und wie man diesem das Beste bieten kann. Das sollte man sicher nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich habe jahrelang darüber nachgedacht, angefangen als sich abzeichnete, dass ich mit Partnern nicht besonders viel Glück habe. Ursprünglich wollte ich ja eine Samenspende, entweder von einem Freund, der dann im Hintergrund bleibt oder anonym.

Als mit 34 meine Beziehung an der Kinderfrage zerbrach, habe ich beschlossen zu handeln. Das Konzept des Co-Parenting fiel mir zufällig in den Schoß, gefiel mir aber sofort. Den Papa habe ich ja gleich mitgeliefert bekommen, da habe ich nicht lange gezögert. Tatsächlich hat es auch einige Vorteile. Er kommt an jedem Tag, den er nicht arbeitet, vorbei, bespaßt das Baby, während ich den Haushalt mache, koche, sportel oder einfach mal bade. Diesen Luxus hätte ich als Alleinerziehende nicht. Gleichzeitig habe ich mit dem Baby aber auch ganz viel Ruhe und kann mich voll auf sie konzentrieren, ohne noch andere Rollen wie Partnerin, Ehefrau, Geliebte einnehmen zu müssen. Hat auch Vorteile, da ist so manche Freundin neidisch.

Hätte es für Sie noch eine andere Alternative gegeben, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen?
 
Ich wollte eigentlich erst einen anonymen Samenspender nehmen. Aber ich finde, Kinder brauchen einen Vater oder zumindest eine zweite enge Bezugsperson. Sonst ist das Leben zu einseitig. Außerdem bedeutet mein Job, dass ich auch mal ein paar Tage weg bin und das ist schwer genug für ein kleines Kind. Da sollte es idealerweise von einer liebenden Person betreut werden. Meine Eltern lieben die Kleine abgöttisch, aber ich wollte sie nicht zwingen, sich nach mir richten zu müssen mit ihren Plänen. Jetzt kommen wir einer klassischen Konstellation so nah wie es eben geht, die Kleine wird also keine Nachteile haben.

Welche Reaktionen bekommen Sie von anderen, wenn Sie von Ihrer ungewöhnlichen Familiengeschichte erzählen?
 
Bisher gab es eigentlich nur positive Reaktionen. Ich habe schon immer alles irgendwie anders als normal gemacht, es passt also zu mir und hat niemanden wirklich überrascht. Die meisten haben sich ja mit so einem Konzept vorher nicht auseinander gesetzt, warum auch. Wenn man aber die Motivation und die ganze Idee näher erklärt, sind sie meistens zufrieden, wahrscheinlich weil sie merken, dass ich das Ganze so gut es geht durchdacht habe und es nicht nur eine fixe Idee ist, die auf dem Rücken des Kindes ausgetragen wird.
 
Gibt es auch kritische Stimmen und Vorwürfe, die Sie sich anhören müssen oder mussten? Und wie gehen Sie damit um?
 
Eine E-Mail habe ich bekommen, in der ein Mann mir sehr freundlich mitgeteilt hat, dass er mein Handeln egoistisch findet. Anhand seiner Argumente konnte ich sehen, dass er den Blog gar nicht gelesen hat und habe nicht reagiert, denn soviel Interesse hätte er meines Erachtens schon für die Sache aufbringen müssen. Ansonsten hat mir aber keiner gesagt, dass er das nicht gut findet. Viele meinten, dass sie selber nicht den Mut hätten oder das Konzept für sie nichts sei und das ist total okay.
 
Warum haben Sie sich dazu entschieden, mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und darüber zu bloggen?
 
Eben genau weil die Reaktionen vermehrt positiv waren. Und mir Bekannte gestanden haben, in derselben Zwickmühle zu sein (Kinderwunsch, Zeitdruck, kein Partner) und keinen Ausweg zu sehen als den Kinderwunsch abzuschreiben. So leicht wollte ich nicht aufgeben und dachte, es macht vielleicht anderen Frauen Mut zu wissen, dass es im Zweifel auch anders gehen kann. Allein schon das Wissen, dass es andere Konzepte gibt auf die man zurück greifen kann, entspannen mental ungemein.
 
Was war das schwierigste an der Partnerwahl? Es zählen ja doch andere Aspekte als für die Liebe?
 
Natürlich sucht man den Mann ganz anders aus. Charakterzüge, die man an einem Partner vielleicht langweilig finden würde, sind für einen engagierten Vater ganz wichtig. Der Papa meiner Kleinen ist ein ganz ruhiger Typ, der langsam und geduldig durchs Leben zieht, das genaue Gegenteil von mir. Als Vater perfekt, er freut sich schon darauf, stundenlang auf dem Spielplatz zu sitzen. Als Partner würde er gar nicht zu mir passen, aber als Vater ist er super.
Ich hatte ja auch das Glück, dass er von einer Bekannten vorausgewählt war - ein riesen Geschenk. Denn einem komplett Fremden so zu vertrauen ist sicher schwieriger. Da hätte ich die Kennenlernzeit deutlich verlängert.

Weil wir gerade von Liebe sprechen: Gab es denn nie einen Partner, mit dem Sie sich hätten vorstellen können gemeinsam Kinder zu haben?
 
Nein. Mit meinem Ex hätte ich es versucht, aber eben aus meinem Kinderwunsch heraus, nicht weil wir ein gutes Elternpaar abgegeben hätten. Er war ein wirklich guter Partner, aber er wäre nicht gerne Vater geworden. Zum Glück haben wir die Reißleine gezogen. Das war zwar sehr schade, aber für das Kind sicher besser. Sie hat jetzt einen tollen Papa statt einen, der das mir zuliebe gemacht hätte. Meine Wünsche hinter ihr Wohlbefinden zu stellen, fiel mir aber auch nicht schwer.
 
Früher oder später werden von Ihrer Tochter sicher Fragen dazu kommen, warum Mama und Papa kein Paar sind wie andere Eltern? Wie werden Sie ihr das erklären?
 
Genau so wie es ist, immer altersgerecht natürlich. Wir werden ihr sagen, dass wir sie uns so sehr gewünscht haben, dass wir eben einen anderen Weg gewählt haben. Das ist sicher positiver für ein Kind, als wenn man ihm erklären muss, warum Mama und Papa jetzt auf einmal getrennt leben. Sie wird es ja nicht anders kennen und sicherlich nicht als negativ empfinden. Sie wird von zwei Menschen sehr geliebt, ob diese partnerschaftlich oder freundschaftlich verbunden sind, finde ich gar nicht so wichtig.

Denken Sie, in Zukunft wird es noch viel mehr Familien wie Ihre geben?
 
Warum nicht? Kinder sind etwas Tolles und wenn sie geliebt werden, ist es doch egal wo sie herkommen. Die Realität ist ja schon so, dass so viele Kinder getrennte Eltern haben, die vielleicht am Anfang auch nicht das rosigste Verhältnis haben. Dass ein Kind hauptsächlich bei der Mama aufwächst, ist heute Gang und Gäbe. Wir haben uns quasi die Trennung gespart und leben von vornherein getrennt, dafür aber mit einem entspannten Umgang. Sie hat zwei liebende Eltern und eben zwei Kinderzimmer.


Frau Sutholt, vielen Dank für das offene Gespräch. Für mich persönlich klingt Ihr Weg zugegeben immer noch eher ungewöhnlich. Aber ich denke, er könnte für einige Frauen und Männer wirklich die Alternative sein, auf die sie schon lange gewartet haben. Ein Partner fürs ganze Leben, dieser Gedanke ist für viele und vielleicht besonders für jene viel diskutierte "Generation beziehungsunfähig" inzwischen überholt. Vielleicht ist dieses neue Co-Eltern-Patchworkleben wirklich ein notwendiges Zukunftsmodell. Ihnen und Ihrer Familie auf jeden Fall alles Gute.
Mehr Infos zum Thema

In nachfolgendem Artikel haben wir das Thema Co-Parenting noch einmal von verschiedenen Seiten beleuchtet. Unter anderem kommt hier ein Vater zu Wort, der dieses Co-Eltern-Leben schon seit gut zwei Jahren führt. Er erklärt, wie für ihn aus der fixen Idee Realität geworden ist und welche Alltagsprobleme es zu bewältigen gilt. Außerdem finden Sie hier nützliche Links zum Thema und seriöse Vermittlungs-Webseiten.

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jennifer Sutholt

Jennifer Sutholt


© privat


Jennifer Sutholt ist 35 Jahre alt und wohnt in Berlin. Mit anfang 30 hat sie angefangen, sich mit dem Konzept Co-Parenting zu befassen. Sie wollte nicht mehr länger auf die große Liebe warten, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Seit Anfang 2016 bloggt sie auf planningmathilda.com über ihren Weg zum Wunschkind. Im Dezember kam dann endlich Töchterchen Mathilda auf die Welt. Zusammen mit ihrem Co-Parnter sind Sutholt und Mathilda seitdem eine Familie.




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