Gefährlicher Trend: Schlafmittel für Kinder

Mediziner beobachten einen gefährlichen Trend: Immer häufiger geben Eltern ihren Kleinkindern Schlafmittel, damit die Nächte ruhiger werden. Eltern sind sich der Gefahr der "Zaubersäfte" oft nicht bewusst. Ein gefährlicher Irrtum.


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Schlafmittel für Kinder

Ein Zaubermittel, das beim Schlafen hilft, das ist der Wunsch vieler Eltern.


© iStock
Kinder und Schlafen – häufig ist das eine Kombination, die einfach nicht funktionieren will. Verständlich, dass Eltern da irgendwann mit den Nerven am Ende sind und bereit sind, alles auszuprobieren, was Hilfe verspricht. Immer öfter greifen sie in ihrer Verzweiflung zu nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten, die schnellen Schlaf versprechen. Nun warnt die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml vor dem schnellen und unüberlegten Griff zum Schlafsaft. Huml betont: "Diesen gefährlichen Trend, den Kinderärzte und Wissenschaftler derzeit beobachten, müssen wir stoppen! Als zweifache Mutter weiß ich, wie kräftezehrend Nächte ohne ausreichend Schlaf sein können. Aber klar ist auch: Alle Babys schreien in den ersten Monaten. Nur so kann ein Baby mitteilen, ob es zum Beispiel Hunger hat oder sich nach Nähe sehnt."

Schlafmittel für Kinder: Nur auf den ersten Blick harmlos


Das Problem: Viele der frei verkäuflichen "Zaubermittel" kommen ganz harmlos daher und dürfen laut den Beipackzetteln sogar schon Säuglingen verabreicht werden. Die suggerieren, dass man nicht viel falsch machen, wenn man dem Junior hin und wieder ein paar Tropfen verabreicht, um auch selbst endlich mal wieder eine Nacht durchzuschlafen.

Ein Wirkstoff, der in diesem Zusammenhang in zahlreichen Internet-Foren immer wieder auftaucht, ist Doxylamin - ein veraltetes Antihistaminikum (Allergiemittel), das die Nebenwirkung hat, müde zu machen. Ein anderes Mittel, das bei verzweifelten Eltern als Geheimtipp kursiert, sind Zäpfchen gegen Übelkeit, die dank des Wirkstoffs Dimenhydrinat "ganz nebenbei" wunderbar müde machen. Und immer mehr Eltern greifen zu diesen Mitteln, damit die Kleinen problemlos ein- und durchschlafen. Nicht ahnend, dass diese Selbstmedikation gefährlich ist und die Medikamente nicht so harmlos sind wie sie auf den ersten Blick scheinen. Die Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter (KASK) der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin hat schon vor einiger Zeit vor den Gefahren gewarnt und eine Rezeptpflicht gefordert.

➤ Hier können Sie den Artikel im Ärzteblatt nachlesen

Diese Mittel haben aber schwere Nebenwirkungen, warnt Huml, die selbst ausgebildete Ärztin ist: "Besonders gefährlich ist, dass diese Mittel auch psychisch abhängig machen und innere Organe wie Leber und Niere schädigen können." Fachleuten zufolge besteht aufgrund des sehr empfindlichen zentralen Nervensystems bei Kindern unter drei Jahren infolge einer Überdosierung auch ein erhöhtes Risiko für Atemstörungen bis hin zum Atemstillstand.

Kinderärzte sind sich einig: In den allermeisten Fällen benötigen Kinder kein Schlafmittel. Es ist völlig normal, dass sie einen anderen Schlaf-Wach-Rhythmus haben als Erwachsene. Wer mit Schlafmitteln "nachhilft", greift in diesen natürlichen Rhythmus ein, das Kind schläft unnatürlich tief. Das Schlafproblem wird damit nicht behoben, sondern verschlimmert sich mit der Zeit. Natürliche Mechanismen wie Erholung, Lernen und die Verarbeitung von Erlebnissen, die in den unterschiedlichen Schlafphasen stattfinden, werden erschwert.
Pflanzliche und homöopathische Schlafmittel: Keine Alternative

"Auch pflanzliche oder homöopathische Präparate sind keine Alternative", betont Dr. Hermann Josef Kahl, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. "Der Ansatz, das Schlafproblem mit Medikamenten – egal welchen – therapieren zu wollen, ist falsch. Nicht die Kinder sind das Problem, die holen sich den benötigten Schlaf schon irgendwann. Die überlasteten Eltern sind das Problem!". Die Eltern, in erster Linie die überstrapazierten Mamas, brauchen ihren Schlaf, vor allem den in der Nacht: "Die Mütter müssen ihre Erschöpfung loswerden. Da empfehlen wir in der Regel den gnadenlosen Einsatz der Verwandtschaft." Für die Papas, Omas, Opas und Patentanten heißt das: Jetzt ist Euer Einsatz gefragt!

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Was tun, wenn Kinder nicht schlafen wollen?

Wenn sich Eltern mit ihrem schlecht einschlafenden oder durchschlafenden Kind überfordert fühlen, ist es wichtig, dass sie sich Unterstützung holen. Melanie Huml unterstreicht: "Wir dürfen Eltern, die aufgrund durchwachter Nächte mit ihren Kleinkindern überfordert sind, nicht alleinlassen. Häufig scheuen sie sich davor, über ihre Sorgen zu sprechen - aus Angst, von ihrem Umfeld als unfähig abgestempelt zu werden. Wir müssen ihnen das Gefühl nehmen, als Eltern versagt zu haben. Kompetente und individuelle Hilfe finden betroffene Eltern von Säuglingen bei ihren Hebammen. Aber auch Kinderärzte, Psychologen und die in ganz Bayern verbreiteten 'Schreiambulanzen' können überforderte Mütter und Väter unterstützen - und zwar ganz ohne Medikamente. Babys und Kleinkinder, die nachts nicht schlafen können, brauchen keine Medikamente, sondern sie brauchen Unterstützung, um sich wieder zu beruhigen."

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Was Kleinkindern definitiv hilft, abends zur Ruhe kommen und damit besser einzuschlafen, sind feste Abend-Rituale. Wenn Ihr Kind weiß, was als nächstes passiert, gibt ihm das viel Sicherheit. Und damit Ruhe. Wie dieses Abend-Ritual aussehen soll, dürfen Sie für Ihre Familie natürlich ganz individuell entscheiden. Zwei Punkte sind hierbei ganz wichtig:
Nehmen Sie sich genug Zeit fürs Kuscheln, Vorlesen, zur Ruhe kommen. Die Regeln und der Ablauf sollten dabei immer gleich und nicht diskutierfähig sein.
Auch Sie sollten die Zeit genießen! Das heißt: Vergessen Sie die vielen To do's, die noch auf Sie warten - und lassen Sie sich in dieser halben Stunde ganz auf Ihr Kind ein.



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