Adieu Schulpflicht? Sind Homeschooling und Freilernen eine Alternative zur Schule?

Ein Leben ohne Schule – davon träumen sicherlich viele Schülerinnen und Schüler, wenn sie sich um acht Uhr morgens von Fach zu Fach schleppen. Doch was sind die Alternativen zu Grundschule, Gymnasium und Co.? Wir sind den Konzepten Homeschooling, Freilernen und Unschooling nachgegangen und verraten Ihnen, was dahinter steckt – und warum es in Deutschland nicht ganz so einfach ist, diese Konzepte umzusetzen.


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Schulpflicht

Sollte Deutschland die Schulpflicht abschaffen?


© iStock
Sofa statt Schulbank, Leben statt Lehrer, Erfahrungen statt Auswendiglernen: Die Kultusministerkonferenz schätzt, dass bundesweit 500 bis 1000 Kinder zu Hause unterrichtet werden. Das Prekäre an der Situation: Das dürften sie in den meisten Fällen eigentlich gar nicht. In Deutschland herrscht nämlich eine Schulpflicht. Trotzdem wird die Anzahl, der schulpflichtigen Kinder und Teenager, die dem Unterricht fern bleiben, immer größer. Immer mehr Eltern kritisieren das Schul- und Bildungssystem in Deutschland und möchten ihre Kinder nicht in den zermürbenden Apparat des institutionellen Lernens zwängen. Als Alternative sehen diese Eltern Homeschooling – also Hausunterricht – oder das sogenannte „Unschooling“ beziehungsweise Freilernen, das immer beliebter wird. Die Hintergründe:

Schulpflicht versus Bildungspflicht


In Deutschland herrscht eine Schulpflicht. Das heißt, dass Kinder ab einem bestimmten Alter gesetzlich dazu verpflichtet sind, eine Schule zu besuchen. Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, ist die Schulpflicht in den einzelnen Landesverfassungen geregelt. Deswegen unterscheiden sich die Einzelheiten der Schulpflicht – also Beginn und Dauer – auch von Land zu Land. In der Regel beginnt die Schulpflicht mit sechs Jahren und endet nach neun oder zehn Schulbesuchsjahren. Dieser Zeitraum beschreibt die Vollzeitschulpflicht; danach tritt die Berufsschulpflicht ein, welche meist bis zum 18. Lebensjahr geht und beispielsweise durch den Besuch der Sekundarstufe I oder II ersetzt werden kann.

In der Praxis bedeutet Schulpflicht, dass Kinder und Jugendliche eine zugelassene Schule – also eine deutsche öffentliche Schule oder eine Privatschule – besuchen müssen. Es ist nicht möglich, ein Kind beispielsweise an einer Schule eines benachbarten Bundes- oder Territoriallandes anzumelden. (Ausnahmeregelungen, zum Beispiel bei Diplomatenkindern, sind möglich, grundsätzlich aber selten). Bei Nichteinhalten der Schulpflicht droht den Erziehungsberechtigten – je nach Bundesland – Freiheitsstrafen bis zu sechs Monaten oder Geldstrafen bis zu 180 Tagessätzen.

Immer wieder werden Stimmen laut, auch in Deutschland statt einer Schulpflicht eine Bildungspflicht einzuführen, wie es sie in vielen Ländern, darunter die Schweiz, Österreich oder Frankreich, bereits gibt. Bildungspflicht heißt konkret, dass die Vermittlung von Wissen für Kinder nicht an den Besuch einer Schule gebunden ist. In vielen Ländern müssen allerdings Bildungsnachweise – in der Regel durch Leistungsprüfungen – erbracht werden.

Zum Thema Schulpflicht versus Bildungspflicht gibt es schon lange zwei entgegengesetzte Lager, die teilweise sehr scharfe Debatten führen. Viele sprechen sich entschlossen für die Schulpflicht aus, wie Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die davor warnt, die Schulpflicht aufzuweichen: „Das ist eine große demokratische Errungenschaft", sagt sie in einem Gespräch mit Spiegel Online. „Häufig stecken hinter dem Wunsch nach Heimunterricht radikalreligiöse Gruppen. Es kann nicht im Interesse einer Demokratie sein, diesem Ansinnen nachzukommen.“ Ihrer Meinung nach wird demokratische Teilhabe erst durch ein Mindestbildungsniveau ermöglicht.

Auch der Sozialisierungseffekt dürfe bei der Diskussion nicht vergessen werden: Schulen sind ein wichtiges Instrument, um Kinder mit Gleichaltrigen bekannt zu machen – sie helfen Kindern, ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden. Ilka Hoffmann erklärt in einem Interview mit der Welt: „Die Schule ist für Kinder und Jugendliche mehr als eine Lernanstalt. Sie ist auch ein sozialer Erfahrungsraum, der die Möglichkeit bietet, mit Gleichaltrigen aus verschiedenen sozialen Hintergründen und Kulturen zusammenzukommen.

Seit ihrer Einführung im Jahr 1919 wird die Schulpflicht in Deutschland aber auch immer wieder heftig kritisiert. So sei die Schulanwesenheitspflicht zu rigide und restriktiv und stelle einen Eingriff in die Rechte und Freiheiten von Eltern und Kindern dar. Kritiker sehen die Schulpflicht klar als Verstoß gegen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, in der festgeschrieben ist: „Eltern haben das vorrangige Recht, die Art der Bildung und Erziehung, die ihre Kinder erhalten sollen, zu wählen.“

Die Schulpflicht verletzte also nach Meinung derer Kritiker ein grundsätzliches Recht aller Eltern. Die Einführung der Bildungspflicht würde dem entgegenstehen und es auch in Deutschland möglich machen, Konzepten wie Homeschooling oder Unschooling umzusetzen.

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Homeschooling – Hausunterricht durch die Eltern

Eine Alternative zum regulären Schulunterricht, die von vielen Eltern (außerhalb Deutschlands) praktiziert wird, ist das sogenannte Homeschooling. Also klassischer Hausunterricht,  bei welchem die Kinder von den Eltern – oder andere Personen – und nicht in der Schule unterrichtet werden.

In der Praxis kann Hausunterricht sehr unterschiedlich aussehen. Dabei kann das Homeschooling sehr strukturiert und an den traditionellen Schulunterricht orientiert sein, aber auch sehr offen ausgelegt werden und in Richtung Unschooling und Freilernen gehen.

Da in Deutschland eine Schulpflicht besteht, kann nur in Sonderfällen Hausunterricht erteilt werden. Homeschooling wird nur für Schüler genehmigt, deren Eltern im Ausland arbeiten, oder für Kinder, die wegen Krankheiten und Behinderungen  nicht transportfähig sind. Bei diesem „Krankenunterricht“ wird allerdings auch der staatliche Lehrplan verfolgt und von examinierten Lehrkräften vermittelt.

Im Rest von Europa herrscht zwar in den meisten europäischen Ländern Bildungspflicht anstatt Schulpflicht, doch trotzdem ist Homeschooling auch dort nicht wirklich verbreitet. So bekommen in Frankreich laut Focus ungefähr 20.000 Kinder und in Großbritannien laut Angaben der BBC ungefähr 160.000 Kinder Hausunterricht. In den skandinavischen Ländern liegt die Zahl nur bei einigen Hundert.

In den USA hat Homeschooling seit den 80er Jahren eine wahre Wiederbelebung erfahren. 2009 wurden dort etwa 1,5 Millionen Kinder zu Hause unterrichtet.

Die Gründe, warum sich Eltern für Homeschooling entscheiden, sind vielfältig. Zu den meistgenannten Motiven zählen:

• Die Eltern empfinden das Schulsystem zu restriktiv und wollen ihr Kind nicht gegen seinen Willen in die Schule zwingen.
• Die Inhalte des Schulunterrichts widersprechen den pädagogischen Idealen oder Erziehungszielen der Eltern (zum Beispiel Ablehnung der Evolutionstheorie oder von Sexualkunde).
• Die Eltern wollen ihr Kind vor Mobbing und Gewalt schützen.
• Die Eltern lehnen – meist aus religiösen Gründen – das schulische Umfeld als Sozialisationsform ab.
• Die Eltern betrachten den Hausunterricht als bessere Bildungsmöglichkeit für ihr Kind.
• Die Eltern möchten ihr Kind vor dem (übersteigerten) Leistungsgedanken in Schulen schützen.

Vor allem in den USA gibt es einen großen Schulbuchmarkt, der im großen Umfang Material für den Hausunterricht bereitstellt. Diese Materialen enthalten in der Regel den gesamten Lehrplan für eine Schulstufe, inklusive Arbeitsblättern, Übungen und Tests.

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von Nicole Metz




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