Kompliment, mein Kind! - Kinder richtig loben

Wie loben Eltern eigentlich richtig? Und sollten sie es tatsächlich nur dann tun, wenn etwas besonders gut gelaufen ist? Wann aufrichtiges Lob angebracht ist – und wie Kinder davon profitieren.


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Eines Tages hat er ihn sich einfach geholt – in der Schwimmhalle, während ich in eine Beckenrand-Plauderei vertieft war: Mein Sechsjähriger zog Bahn um Bahn, und erst als er sich dann noch vom Sprungbrett stürzte, ging mir auf, dass eine Verschwörung im Gang war. Aber da war es zu spät für mütterlichen Rat: Schon hatte sich Mathis seinen Freischwimmer erkämpft. Da stand er nun und tropfte, hatte einen Aufnäher in der Hand und Stolz in den Augen.

Lob aus vollem Herzen


Das Lob, das ich meinem Sohn dafür aussprach – es kam spontan und war vielleicht ein wenig überschwänglich. Aber was für eine großartige Überraschung, was für eine schöne Leistung, noch dazu getragen von dem Mut, von Mamas langer Leine zu gehen und so lang dichtzuhalten! Mit Lob sollten wir Eltern in einem solchen Fall nicht hinterm Berg halten – wenn unsere Kinder uns stolz und froh machen, sollen sie das erfahren.

Denn wer etwas geschafft hat, der hat einen guten Instinkt dafür, dass jetzt einmal Staunen, Dankesagen oder auch einfach Schulterklopfen an der Reihe wäre. Und so hatte auch Mathis nichts Eiligeres zu tun, als ein Handy auszuleihen und seinen Vater anzurufen, um ihn schon mal in die rechte Feierstimmung zu versetzen. 

Eltern loben Kind

"Gut gemacht!"


© iStock
Auch Eigenlob muss sein

Wenn wir über das Loben nachdenken, dürfen wir Eltern von heute uns erst mal selber loben. Es gab eine Zeit, da mussten Kampagnen veranstaltet werden, mit Plakaten und Aufklebern: „Hast du heute dein Kind schon gelobt?“ Offenbar taten die Leute das nicht so gern. Noch meine Großeltern fanden, es könne dem kindlichen Charakter schaden, wenn zu viel freundliche Worte auf ihn einströmten, obwohl Erziehungswissenschaftler seit über hundert Jahren lehren, dass Lob gut ist – für jedes Kind.

Tatsächlich erinnern sich nur 26 Prozent der heutigen Rentner, dass sie als Kinder viel gelobt wurden, wie eine Untersuchung des Forums „Familie stark machen“ zeigt. Bei den 16- bis 29-jährigen sind es schon 51 Prozent, und bei den Kindern von heute sind es noch mehr. Je jünger sie sind, desto mehr Bestärkung erfahren sie. Im Durchschnitt jedenfalls.

Wirklich gerecht geht es dabei allerdings noch nicht zu: Mädchen ernten Untersuchungen zufolge deutlich mehr Lob als Jungs. Nicht erfreulich, aber wahr. Noch etwas zeigt die „Familie stark machen“-Studie: Diejenigen, die sich an von Herzen kommenden Zuspruch und elterliche Anerkennung in ihrer Kindheit erinnern, haben viel häufiger ein sehr gutes Verhältnis zu ihren eigenen Kindern, auch wenn die schon lange aus dem Haus sind. Und der Zusammenhalt ihrer Familien ist ganz allgemein stärker: Sich Gutes sagen, sich gegenseitig anerkennen und Kinder mit guten Worten stark machen, das ist offenbar ein Turbo-Dünger für Verstand und Seele. Und für das Glück der ganzen Familie. 

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Viel hilft eben nicht viel

Nur muss es „echtes Lob“ sein, lehrt die Motivationspsychologie. Das bedeutet: richtig dosiert und glaubwürdig. Es ist zwar gut, wenn wir unseren Kindern sagen, welche Charaktereigenschaften wir an ihnen toll finden. Aber diese Form von Lob, die sich nicht an speziellen Situationen festmacht, hat auch ihre Tücken.

Carol Dweck, Psychologin an der kalifornischen Stanford- University, hat sich lange mit diesem Thema befasst. Und sie rät mit Nachdruck davon ab, unser Lob so zu gestalten wie der Redner auf einen Jubilar: „Mein Schatz, du bist so intelligent, so superintelligent.“.  Ein solches Lob macht sich an „statischen Persönlichkeitseigenschaften“ fest, nicht an Erreichtem oder guten Taten. Und es kann, das zeigen die Studien der Professorin, sogar dazu führen, dass die Dauer-Beschmeichelten am Ende denken, alles müsse ihnen zufallen, da sie doch so ausnehmend klug sind – und in der Folge jeder echten Hürde lieber ausweichen.

Das Argument hat etwas für sich, sagt der gesunde Menschenverstand – denn was würden wir wohl lieber hören wollen: „Mein Sohn, hundertprozentig wirst du ein Basketball-Champion werden. Mühelos. Da gibt es nicht den geringsten Zweifel!“ Oder doch lieber: „Heute hast du großartig gekämpft. Und du hast den Ball abgegeben, weil dein Partner besser stand, statt ihn selbst zu werfen. Klasse. So kannst du es weit bringen!“

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Das ist Lob! Kinder sehen das genauso. Jan (12) und Ben (10), den beiden großen von drei Brüdern, fällt allerlei ein, für das sie gern ein anerkennendes Wort hören. Fürs Entspanntbleiben etwa: „Wenn unser kleiner Bruder Tim uns ärgert und wir ihn nicht zurückärgern“, sagt Jan. Für Triumphe: „Meine Eins in Mathe“, meint Ben. Und, man staune, sogar für clevere Missgeschicke: „Einen meiner Lehrer finde ich richtig toll – wenn man mal einen Fehler macht, lobt er einen, weil er darauf zurückkommen kann und wir gemeinsam die richtige Lösung finden“, sagt Jan.

Neben Lob gehört aber auch Kritik zur Erziehung dazu. Tipps, wie Sie Ihrem Kind am besten erklären können, dass etwas besser laufen könnte:

Kinder konstruktiv kritisieren
  • 1 / 5

    Kritik will helfen - es geht nicht darum, Dampf abzulassen, sondern darum, etwas für die Zukunft zu lernen. Also erst ein wenig abkühlen, dann miteinander reden.

  • 2 / 5

    Kritik soll annehmbar sein - sie ist das Spiegelbild des Lobes. Also sollte sie sich auf konkrete Fehler und begrenzte Anlässe konzentrieren und sich nicht gegen Charakter und Persönlichkeit richten. „Du wirst es nie begreifen“ und Ähnliches unbedingt vermeiden.

  • 3 / 5

    Kritik muss fair sein - und Kinder müssen kleine Ärgernisse von schwerwiegenden Fehlern klar unterscheiden lernen. Deshalb weder über Mikro-Dummheiten schulterzuckend hinweggehen, noch sie zu Staatsaffären aufblähen.

  • 4 / 5

    Kritik braucht Ruhe - wenn der Haussegen einmal arg in Schieflage geraten ist, lässt sich das im ersten Affekt kaum diskutieren. Unser Kind könnte die Schotten dicht machen, weil es sich schämt. Das ist ein guter moralischer Impuls, aber es ist keine gute Idee, seinen Stolz genau in diesem Moment noch weiter zu mindern. Lieber warten, bis die Denkblockade vorbei ist.

  • 5 / 5

    Kritik braucht Konsequenzen - am Ende vereinbaren wir gemeinsam, wie es beim nächsten Mal besser werden soll.



Lob gibt Feedback
So nämlich funktioniert die „düngende“ Wirkung des Lobes: Die Keime und Knospen sind schon drin in unseren Kindern. Sie möchten lernen, verstehen, sich in der Gemeinschaft mit anderen entfalten. Aber sie wollen auch wissen: Wie mache ich das? Findet ihr das gut, interessiert euch, was ich tue?

Darauf achten zum Beispiel Gerhild und Frank, die Eltern von Charlotte (9), Carla (6) und Elise (3). Gerhild sagt: „Ich mag es, wenn die Kinder unaufgefordert etwas machen – Teilen, aufeinander Rücksicht nehmen. Oder wenn Elise etwas noch nicht kann, und Charlotte geht hin und sagt: ‚Ich zeig’ dir das jetzt mal.‘ Diese Art von Sozialverhalten lobe ich am meisten – denke ich zumindest. Auch die Überwindung, dass die Kinder etwas tun, was sie nicht so gern machen. Aber vor allem lobt man natürlich Dinge, über die man sich freut.“
Geduld zahlt sich aus
Professor Gerald Hüther, der bekannte Göttinger Hirnforscher, hebt hervor: „Die entscheidenden Lernprozesse geschehen dadurch, dass man sie als eigene Erfahrung machen konnte“ – deshalb ist es besonders hilfreich, Lob und Ermutigung für selbstständiges Problemlösen zu geben. Und vor das Lob die Geduld zu stellen: Es kann leicht passieren, dass wir fünf Minuten zu früh aufgeben und beim Rechnen, Bauen oder Diskutieren allzu rasch mit unserer Lösung herüberkommen. Das bringt Kinder um Lob- und Lernchancen.

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Also: Lieber das Kind machen und experimentieren lassen. Und auch für Schritte auf dem richtigen Weg loben, das ist entscheidend, sagt Hüther: „Was wir mit unserem Lob bewirken möchten, ist doch, dass unser Kind das Gefühl hat, stolz auf sich sein zu können und auf das, was es geleistet hat. Wenn Kinder nur stolz darauf sind, dass sie eine größere Belohnung bekommen haben, wäre etwas schief gelaufen.“ Und so bildet sich auch ein Schatz an „Geschafft-Geschichten“, Beispiele aus dem Leben, an die wir uns erinnern können, um uns auch in neuen Situationen optimistisch zurechtzufinden.
Lob gibt Kindern Kraft

Die Quelle solch fruchtbaren Lobens ist Vertrauen: darauf zu setzen, dass unsere Kinder einen Weg zur Selbstständigkeit gehen, auf dem sie von einem inneren Orientierungssinn zuverlässig geleitet werden. Klar, wir stellen Verkehrsschilder an diesem Weg auf. Und unsere guten Worte, unser von Herzen kommendes Lob, das sind quasi die Tankstellen, an denen die Kinder sich immer wieder Kraft, Stolz und Freude holen für den neuen Tag.

(von Silke Umbach / erschienen in der familie&co 10/2016)


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