Warum alle Eltern peinlich sind

Warum sind alle Eltern peinlich? Für pubertierende Kinder gibt es nichts Schlimmeres als vor anderen blamiert zu werden. Ausgerechnet Eltern können das besonders gut.


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Alle Eltern sind peinlich


So hart es auch klingt: Eltern können tun, was sie wollen, Kinder werden es peinlich finden. Im Auto mitsingen? Bei Besuch ins Zimmer kommen und die Freunde nach der Familie oder nur dem Befinden fragen? Zahnstocher benutzen? Jemand anderen zurechtweisen? Sich beim Lehrer beschweren? An der Kleidung rummäkeln oder beim Shoppen in die Umkleidekabine schauen? Oje! Manchen Kindern ist es sogar peinlich, dass Eltern das Handy mit dem Zeigefinger statt mit dem Daumen bedienen. Und als Kind von den Eltern mit dem Auto vor Zeugen abgesetzt zu werden, kann quasi an Rufmord grenzen. Aber da Kinder nun mal nicht vom Himmel fallen und auch nicht Auto fahren dürfen, lässt es sich nun mal nicht vermeiden, sie ab und zu durch die Gegend zu kutschieren. Und das ist genau das Dilemma, von dem wir hier sprechen: Es ist so gut wie unvermeidbar, dass sich Kinder für die Eltern schämen und Eltern peinlich finden. 

Mutter küsst Sohn

Küssen verboten! Heute noch Kuscheln vorm Fernseher, morgen ist eine Berührung schon zu viel. Kinder erleben ein Wechselbad der Gefühle.


© iStock
Die Abgrenzung von den Eltern beginnt im Grundschulalter

Viele Eltern wissen nicht so recht, wie sie sich gegenüber ihren Kindern, die jetzt weder Kleinkind noch jugendlich sind, verhalten sollen, und die meisten sind lieber zu fürsorglich, als dass sie sich zu wenig kümmern. Vielen Kindern ist das lästig, sie sind keine Babys mehr und wollen keinesfalls wie ein kleines Kind behandelt werden. Hinzu kommt: Im Grundschulalter beginnen Kinder einerseits, sich von den Eltern abzugrenzen, haben aber andererseits noch nicht genügend Selbstsicherheit, das elterliche Verhalten aus der Distanz zu betrachten. Und daher sind die Eltern einfach peinlich. 
Gelassen bleiben!
Da hilft Eltern nur eines: Bleiben Sie gelassen. Denn selbstverständlich lieben Ihre Kinder Sie weiterhin. Sie bauen in diesem Alter aber eine Fassade auf, um cool und selbstsicher zu wirken, und da kommen ihnen elterliche „Fehltritte“ wie Sabotage am eigenen Image vor. Eine Mutter, die das Schulbrot hinterher bringt, das Kind vorm Schultor absetzt und auch noch ein Küsschen gibt, wird als Zeichen von Unselbstständigkeit gedeutet – und eben das wollen Kinder um jeden Preis vermeiden.

Knifflige Situationen für "peinliche Eltern"
  • 1 / 5
    Küssen verboten

    Zumindest vor anderen, wenn die Kinder das nicht möchten. Zwar kuscheln und schmusen Grundschulkinder noch gerne, aber nur, wenn sie das wollen.

    Warum?

    Kinder empfinden es zunehmend als Schwäche, die Nähe der Eltern öffentlich zuzulassen. Körperliche Distanz ist für sie ein wichtiger Schritt zur eigenen Persönlichkeit.

    Was tun?

    Bieten Sie Ihren Kindern Körperkontakt Zärtlichkeitenan, drängen Sie ihn aber nie auf. Viele Kinder stören Zärtlichkeiten ohnehin nur in der Öffentlichkeit – achten Sie diese Grenze. Signalisieren Sie stets, dass Sie zum Kuscheln zur Verfügung stehen, akzeptieren Sie aber, dass das Kind jetzt den Zeitpunkt für bestimmt. Abschiedsszenen zum Beispiel können genauso gut zu Hause stattfinden.

  • 2 / 5
    Nicht kritisieren

    Mama erzählt am Mittagstisch ihren Freunden, dass sie leider ihre kurzen Beine an ihre Tochter weitervererbt hat, Papa ruft seinem Sohn beim Fußball lauthals vom Zuschauerrang Tipps zu. Kinder könnten in solchen Situationen im Boden versinken.

    Warum?

    Wer wird schon gerne auf seine Makel hingewiesen? Und das auch noch vor aller Ohren und Augen. Wenn ohnehin etwas nicht so klappt, wie man möchte, schwächen Hinweise von außen zusätzlich das Selbstwertgefühl. Es gilt: Der einzige, der über sportliche Leistungen meckern darf, ist der Trainer, und nur der Besitzer von kurzen Beinen, der krummen Nase oder der dicken Arme darf sich darüber beschweren.

    Was tun?

    Ganz einfach: Kritisieren Sie Ihre Kinder niemals in der Öffentlichkeit, selbst wenn Sie es gut meinen. Kinder brauchen Eltern, die stolz auf sie sind.

  • 3 / 5
    Verantwortung abgeben

    Ihr Kind hat nicht hinterherfahren und es ins Klassenzimmerdas Pausenbrot vergessen? Jetzt bloß bringen.

    Warum?

    Gluckerei der Eltern verstehen Kinder als Zeichen ihrer eigenen Schwäche und Unselbstständigkeit. Zudem ist die Sorge groß, von den Klassenkameraden als „Muttis Liebling“ verspottet zu werden.

    Was tun?

    Entspannen Sie sich, Ihr Kind wird schon nicht verhungern und Sie können sich die Rennerei sparen. Zudem lernt Ihr Kind dabei, dass es jetzt selbst Verantwortung übernehmen muss.

  • 4 / 5
    Gastgeber und Glucke sein

    Auch wenn Sie die Freunde Ihres Kindes noch aus ihrer Windelzeit kennen, verzichten Sie darauf, sie zu erziehen oder auszufragen. Die jungen Gäste sollen sich wohlfühlen.

    Warum?

    Kinder wollen genau wie wir gute Gastgeber sein, das Besuchskind soll sich wohlfühlen und nicht bevormundet oder zurechtgewiesen werden. Daher achten sie mit Argusaugen darauf, dass es danach nichts Schlechtes zu berichten hat und gerne wiederkommen möchte.

    Was tun?
    Behandeln Sie kleine Gäste wie Ihre eigenen Freunde, denen sagen Sie schließlich auch nicht, dass sie mal wieder zum Friseur gehen könnten oder wie sie die Serviette drapieren oder das Besteck benutzen sollen.

  • 5 / 5
    Normal bleiben

    Gehen Sie nicht in die Disco, in der Ihre Kinder tanzen. Kaufen Sie nicht dieselben Klamotten wie Ihre Tochter und imitieren Sie nicht den jugendlichen Slang Ihres 13-Jährigen.

    Warum?

    Anders auszusehen, andere Dinge zu mögen, andere Sachen zu wissen, eine Sprache zu nutzen, die Eltern nicht nachvollziehen können oder wollen – all das ist sehr wichtig, damit sich Kinder von uns lösen und selbst groß werden können. Zudem haben Kinder ein feines Gespür dafür, ob sich ihre Eltern wahrhaftig verhalten oder eine Rolle spielen, die nicht zu ihnen passt.

    Was tun?
    Sie müssen nicht zur grauen Maus mutieren, aber genießen Sie es, erwachsen und nicht mehr jugendlich zu sein. Stehen Sie zu Ihrem Leben und geben Sie damit Ihren Kindern Halt und Orientierung statt falscher Anbiederung an ihren Lebensstil. 



Loslassen und Halt geben
Kinder stoßen vor allem dort auf Schwierigkeiten und finden Eltern peinlich, wo sie versuchen, sich abzugrenzen und selbstständig zu werden. Das kann in der Familie aber einfach überwunden werden, wenn die Eltern die richtige Mischung aus Loslassen und Haltgeben hinbekommen. Das wird besonders dann wichtig, wenn die Pubertät voll zuschlägt: Genau dann brauchen Kinder einerseits Freiraum, um sich entwickeln zu können und ihre Rolle zu finden, und andererseits Grenzen, um nicht über das Ziel hinauszuschießen. Und damit sie das lernen, brauchen sie Verständnis und Respekt von ihren Eltern, die, wenn sie ganz ehrlich sind, sich auch bestimmt noch daran erinnern können, wie viel ihnen selbst in Hinblick auf die Eltern peinlich war.
Regeln für Eltern
Bei Besuch


•    Klopft an, bevor ihr in mein Zimmer kommt. Immer.
•    Kümmert euch nicht darum, ob wir vielleicht etwas brauchen –
     wir wissen uns selbst zu helfen.
•    Bitte fragt die Freunde nichts, das ist am besten.
•    Benehmt euch einfach ganz normal und seid nett.
•    Keine Witze, keine Storys, keine schlauen Sprüche.
•    Nennt weder euch noch uns beim Spitznamen.

Unterwegs

•    Singt im Auto nicht laut mit.
•    Im Restaurant: Beschwert euch nicht über das essen oder die Bedienung.
      Papa, Hände weg von Zahnstochern! Fragt bitte nie wieder nach Kindertellern.
•    Mama, mach bitte nicht an meinen Klamotten herum. Schon gar nicht, wenn
      andere dabei sind, und lass meine Frisur so, wie sie ist.

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Langsam ist es wohl soweit: Die Pubertät kündigt sich an. Warum Kinder in dieser Phase alles anstrengend, langweilig oder doof finden.



Interview mit Ulla Atzert, Autorin* und Mutter von zwei Jungs

* Ulla Atzert: "Homo pubertensis: Tipps zum störungsfreien Umgang mit Heranwachsenden", erschienen im Fischer Verlag

familie&co: Wann sind Eltern peinlich?


Ulla Atzert: Das ist ganz einfach: Sie müssen in unpassenden Momenten auftauchen. Einfach da zu sein, reicht völlig aus – das ist für pubertierende Kinder schlimm genug. Und da wir uns nun mal nicht in Luft auflösen können, ist es für Eltern unmöglich, nicht peinlich zu sein. Und selbst wenn Sie alles richtig machen, sich an alle Erziehungstipps und Ratschläge halten sollten, dann ist eben genau das peinlich.

Sie haben ein Buch über den Umgang mit Heranwachsenden geschrieben. Wie kamen Sie darauf?

Ich habe zwei Jungs, die heute 14 und 20 Jahre alt sind. Eines Tages habe ich für meinen Sohn einen Kontrabass ins Auto gehievt. Und dieses Ding ist wirklich schwer, also habe ich beim Anheben gestöhnt. Mein Sohn, die Hände in den Taschen, stand neben mir, sah mir zu und sagte: „Mama, kannst du auch so atmen, dass es nicht peinlich ist?“ Da habe ich gedacht, entweder ich raste jetzt aus oder ich schreibe den ganzen Kram auf. Ich habe mich für Letzteres entschieden. 


Junge schämt sich

"Du bist so peinlich!" Kinder können vieles noch nicht aus der Distanz betrachten, daher sind ihnen die Eltern peinlich.


© Thinkstock
Was finden Kinder peinlich?

Eine Hitliste. Nummer Eins: Mit der Mutter oder dem Vater auf dem Abschlussball tanzen zu müssen. Total schlimm. Ebenfalls auf Nummer Eins: Wenn Besuch da ist, ins Zimmer zu kommen. Genauso unmöglich: Den Nachwuchs „Hase“ rufen oder „Schatz“, wenn andere dabei sind. Nummer Zwei: Beim Shoppen reden. Kommentieren Sie weder Shirt noch Jeans, und öffnen Sie statt des Mundes nur den Geldbeutel. Nummer Drei: Hörbar über die Kinder sprechen, zum Beispiel mit der Oma am Telefon. Ich fasse zusammen: Nicht über sie reden, nicht mit ihnen weggehen, nicht nachfragen, nicht reinkommen und schon gar nicht mit ihnen tanzen.

Was sollen Eltern denn dann tun?

Wenn Sie zum Beispiel Ihr Kind von einer Party abholen: Einfach stumm vor der Tür stehen, bis das Kind auftaucht und es dann schweigend nach Hause fahren. Ein gutes Beispiel sind Klassenfahrten. Die meisten Kinder wollen außer Sichtweite abgesetzt werden und ziehen lieber drei Rollkoffer 200 Meter durch den Schnee, als vor dem Bus aus dem Wagen der Eltern zu steigen. Und niemals darf man dem Kind etwas hinterher bringen und rufen: „Hase, du hast etwas vergessen.“ Damit ruinieren Sie die ganze Klassenfahrt, alle Kinder werden die ganze Zeit rufen: „Hase, du hast etwas vergessen!“ und Ihr Kind versinkt im Boden.

Eltern sind also immer peinlich?


Ja! Alle Eltern. Immer. Kinder brauchen das, sie müssen sich abgrenzen von uns. Da können Eltern machen, was sie wollen. Ich habe schon mal gehört: „Alleine wie du guckst, ist peinlich.“ Was soll man da noch machen?

Wie sollen Eltern damit umgehen?

Mit Humor. Der ist wahnsinnig wichtig. Nehmen Sie so etwas nie persönlich und denken Sie daran: Die Kinder meinen nicht uns, sie meinen ihre entwicklungsbedingte Ratlosigkeit. Sie sind jetzt weder Fisch noch Fleisch, weder Kind noch erwachsen und wissen gar nicht, wohin mit sich. Da ist ihnen vieles unangenehm. Ganz wichtig: Sie wollen uns nicht verletzen, wirklich nicht! Sie wissen nur noch nicht, wie man sich „erwachsen“ verhält, nämlich einfühlsam und verantwortungsbewusst.

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