Wieviel Fernsehen ist gut fürs Kind?

Wir haben uns auf die Suche nach einer Antwort gemacht - und uns mit dem Familien- und Kommunikationsberater Jan-Uwe Rogge unterhalten. So finden Sie ein gutes Maß für den Fernsehkonsum in der Familie. Plus: Hörbücher als Alternative zum Fernsehen.


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"Bei der Fernseherziehung kommt es darauf an, mit Kindern gemeinsam Absprachen zu treffen und dort Grenzen zu setzen, wo Kinder maßlos werden", rät Familien- und Kommunikationsberater Jan-Uwe Rogge. Patentrezepte zur Fernseherziehung gibt es nicht. Diese Prinzipien sollen Ihnen helfen, Ihren ganz persönlichen Erziehungsstil zu finden:

Motive erkennen:
Kinder schauen an regnerischen Wochenenden gern mehr fern. Und wird dies nicht zum Dauerzustand, ist gegen diese „Glotztage“ auch nichts einzuwenden. Wenn das Fernsehen aber ständig zur Flucht benutzt wird, weil es dem Kind an anderen Freizeitalternativen mangelt, dann sind schon kurze Fernsehzeiten zu viel.

Prioritäten setzen:
Kinder brauchen Spiele, Unmittelbarkeit, Bewegung und den Kontakt mit Gleichaltrigen. Fernsehen muss sich dem normalen Tagesablauf des Kindes unterordnen - und nicht umgekehrt.

Krisen erkennen:
Wenn Kinder ständig sehr viel fernsehen möchten, dann deuten Sie dies als Hilferuf. Flucht in die Glitzerwelt des TV, Isolation mittels Medien ist meist ein Hinweis auf eine unbefriedigende Lebenssituation.

Nicht strafen und belohnen:
Verbote helfen wenig, sie führen zu Machtkämpfen und heimlichem Fernsehen. TV sollte weder als Belohnung noch zur Bestrafung verwendet werden, dadurch gewinnt es nur an Bedeutung.

Gemeinsam glotzen:
Kinder sollten nach Möglichkeit nicht allein fernsehen. Sie wünschen sich vor allem Gleichaltrige als TV-Partner. Besonders Mütter werden als Aufpasser erlebt. Vermeiden Sie Moralpredigten - Sie müssen nicht jede Sendung toll finden, für die sich Ihre Kinder begeistern.

Spannung abbauen:
Kinder sehen anders fern als Erwachsene. Sie versuchen, das Gesehene durch Mimik und Gestik zu verarbeiten. Deshalb sollte man Kinder nicht zum Stillsitzen beim Fernsehen anhalten. Sie brauchen die Dynamik, um Spannung abzubauen.

Standort auswählen:
Der Fernsehapparat sollte möglichst nicht Mittelpunkt der Wohnung sein. Das signalisiert, dass er nebensächlich ist, und ermöglicht gleichzeitig, eine Sendung zu genießen, ohne andere zu stören.

Fernsehen besprechen:
Kinder müssen Filme verarbeiten. Sie brauchen sie nicht auszufragen, aber seien Sie offen, wenn sie über das Gesehene sprechen wollen.
Alternative zum Fernsehen: Hörspiele
Wir haben uns mit der Germanistikprofessorin Dr. Jutta Wermke von der Universität Osnabrück über Hörspiele für Kinder unterhalten:

Ersetzen Hörbücher das Vorlesen?
Nein. Hörspiele und Hörbücher haben eigene Qualitäten, indem sie durch professionelle Sprecher vorgetragen werden und Geräuschkulissen hörbar machen. Die lesende oder erzählende Bezugsperson hat ihrerseits ein Plus, weil sie unterbrechen kann, auf Fragen eingeht, erklärt und persönliche Beziehungsqualität anbietet. Deshalb ist die Kombination wichtig: Kinder können ausgewählte Medienangebote allein hören, und es ist gut, wenn sie daneben auch „live-Lesungen“ von Eltern erleben.

Können Kinder auch zu viel Hörspiele hören?
Natürlich, genauso wie sie auch zu viel fernsehen, zu viel lesen, zu viel essen können. Problematisch ist alles, was ausschließlich betrieben wird. Aber Eltern brauchen sich nicht alarmiert zu fühlen, wenn ihr Kind phasenweise seine Lieblings-CD oder eine bestimmte Stelle daraus andauernd hört. Das geht genauso vorüber wie die Sucht nach dem letzten Hit. Aber es ist wichtig, Kindern solche Eigenheiten zu lassen - auch wenn man als Erwachsener nicht jede Lautstärke ertragen muss. Denn die CDs bieten gute Identifikationsmöglichkeiten und sorgen zugleich für Gesprächsstoff unter Gleichaltrigen.

Kann man mit Hörbüchern Kinder auch zum Lesen anregen?
Ja, zum Beispiel indem man zu einer besonders geliebten CD das Buch schenkt. Oder man kann gemeinsam mit Kindern das Buch und die entsprechende CD vergleichen, etwa unterschiedliche Interpretationen der Sprecher oder Kürzungen. Wobei der Vergleich nicht immer zugunsten des Buches ausfallen muss.

Wie können Eltern die Qualität von Hörspielen erkennen?
Ähnlich wie bei Büchern können gewisse Rückschlüsse aus dem Verlag oder der beteiligten Sendeanstalt gezogen werden. Die Auswahl der Sprecher, die Sorgfalt der Aufmachung, die Ausführlichkeit des Booklets geben Auskunft. Der Rat des Buchhändlers und der Bibliothekarin können weiterhelfen. Unverzichtbar bleibt aber der eigene Ohreneindruck. Eltern sollten dem Lieblingsmedium ihrer Kinder so viel Aufmerksamkeit widmen, dass sie sich selbst gelegentlich anhören, was sie verschenken wollen.

Welche Fähigkeiten werden bei Kindern durch das Hören von Hörspielen gefördert?
Hörspiele sind in der Tat mehr als nur „Lesehilfe“. Sie schulen das Hören, während sonst in der Erziehung und Schule überwiegend das Sehen gefördert wird. Kinder lernen anhand von Hörspielen zum Beispiel, Orte aufgrund einer Geräuschkulisse zu identifizieren und den Symbolwert von Klängen und Geräuschen zu deuten. Sie lernen, kreativ zu hören. Die Fähigkeit zuzuhören ist ein wichtiger Teil von Medienkompetenz, zum Beispiel indem man die Funktion von Filmmusik erkennt oder das Gesprächsverhalten in Talkshows einschätzen kann. Hörbücher lehren Kinder Geduld, Konzentration, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung, wie sie auch in Gesprächen gefordert sind.