Beschneidung – Glaubensfrage oder Notwendigkeit?

Kleinkind

Beschneidung – Glaubensfrage oder Notwendigkeit?

In manchen Kulturen ist es Brauch, dass die Jungen beschnitten werden. Es gibt aber nicht nur religiöse Gründe für eine Beschneidung. Wann ist der Eingriff aus medizinischer Sicht notwendig oder angeraten?

Weltweit ist etwa jeder vierte Mann beschnitten, nicht immer als Folge von Brauchtum und Religion. Eine Zirkumzision, so der medizinische Fachbegriff, kann auch aus hygienischen, ästhetischen oder gesundheitlichen Gründen notwendig sein.

Nach jüdischem Brauch werden Säuglinge bereits kurz nach der Geburt beschnitten

Beschneidung aus religiösen oder kulturellen Gründen

Eine Zirkumzision, so der medizinisch korrekte Begriff, zählt für Juden und Moslems nach wie vor zu den religiösen Pflichten. Die Beschneidung nach jüdischem Brauch heißt Brit Mila und wird traditionell am achten Tag nach der Entbindung vollzogen. Selbst nicht strenggläubige Juden sehen darin ein Gebot und einen wichtigen Bestandteil ihrer jüdischen Identität. Chitan ist der arabische Begriff für die traditionelle religiöse Beschneidung. Im Koran wird sie zwar nicht explizit erwähnt; sie wird jedoch als eine überlieferte Norm angesehen, die es zu befolgen gilt. Die Zirkumzision im Islam wird bis zum 14. Lebensjahr durchgeführt. In Afrika und auf den Philippinen ist die Beschneidung von Jungen eine kulturelle Angelegenheit und alte Tradition. Unbeschnittene gelten dort nicht als Mann, und Frauen halten unbeschnittene Männer für unrein.

Beschneidung: Der Ursprung ist unbekannt

Welchen Ursprung der Brauch des Beschneidungsrituals hat, ist nicht mehr aufklärbar. Man weiß jedoch, dass das Entfernen der Vorhaut schon im alten Ägypten praktiziert wurde. Die älteste bekannte Darstellung einer Beschneidung durch einen Priester auf einem altägyptischen Relief datiert um 2300 v. Chr.. Warum damals Männer beschnitten wurden, ist nicht bekannt. Doch hat der Brauch des Beschneidungsrituals bis heute Bestand und ist in vielen Kulturen eine jahrtausendealte Tradition.

Beschneidung: Was passiert dabei?  

Bei einer Zirkumzision wird die Penisvorhaut, die normalerweise die Eichel, also die Penisspitze umschließt, teilweise oder vollständig entfernt. Wird die Beschneidung aus medizinischen Gründen durchgeführt, erfolgt der Eingriff ambulant und unter Vollnarkose - heutzutage ein Routineeingriff für einen erfahrenen Arzt. Zwischen zwei Klemmen wird die Vorhaut hochgezogen und unten sowie oben eingeschnitten. Die beiden Vorhautblätter darum herum werden so weit wie nötig entfernt und dann vernäht. Schmerzhaftes Fädenziehen ist nicht notwendig; die Fäden lösen sich nach etwa zwei Wochen von selbst auf.

Eine enge Vorhaut bei Babys und Kleinkindern ist normal

Eine Vorhautverklebung zwischen innerem Vorhautblatt und Eichel ist im Säuglings- und frühen Kindesalter völlig normal. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt ist das sogar bei 96% aller Jungen der Fall, und bei der überwiegenden Mehrheit löst sich die Vorhautverklebung im Alter von drei bis fünf Jahren von selbst. Lediglich ein Prozent der 16- bis 17-Jährigen leidet unter einer Vorhautverengung, die behandelt werden muss. Du solltest bei deinem kleinen Jungen auf keinen Fall jemals versuchen, die Vorhaut gewaltsam zurückzuschieben. Sonst kann die Eichel durch den engen Ring der Vorhaut abgeschnürt werden.

Beschneidung aus medizinischer Notwendigkeit

Aus medizinischer Sicht gibt es drei Fälle, in denen eine Zirkumzision sinnvoll sein kann oder sogar dringend notwendig ist.

  1. Vorhautverengung, auch als Phimose bekannt

  2. Paraphimose, auch “Spanischer Kragen“ genannt

  3. Häufige, sich wiederholende Entzündungen

Vorhautverengung, medizinisch Phimose
Wenn Jungen eine zu enge Vorhaut haben, wird das teilweise schon im Vorschulalter entdeckt und behandelt. Weil das in den ersten Lebensjahren meistens keine Schmerzen verursacht, wird eine Vorhautverengung häufiger aber auch erst in der Pubertät bei den ersten Erektionen erkannt. Eine Beschneidung kann dann eine Lösung sein, um Schmerzen, Hautrisse oder Entzündungen zu verhindern. Wann das notwendig wird und ob überhaupt, solltet ihr mit einem Arzt abklären; er muss die Diagnose stellen. Wenn euer Sohn dann operiert werden soll, muss nicht nur er, sondern müsst auch ihr als Eltern eure Zustimmung geben.

Das sind die Anzeichen für eine Phimose:

  • Der Harnstrahl kann beim Wasserlassen durch die verengte Vorhaut schwächer oder verdreht sein.

  • Die zu enge Vorhaut wölbt sich während des Wasserlassens ballonartig auf.

  • Nach längerem Zurückstreifen einer zu engen Vorhaut über die Eichel zeigt sich ein ödemartiger Schnürring (Paraphimose). Dadurch kann die Vorhaut nicht wieder über die Eichel gezogen werden. Eine Paraphimose ist ein medizinischer Notfall und muss sofort behandelt werden.

Paraphimose
Die sogenannte Paraphimose, wenn die Vorhaut sich nicht wieder über die Eichel ziehen lässt, ist sehr schmerzhaft. Die Vorhaut schnürt dabei die Spitze des Penis ab. Mediziner nennen das Erscheinungsbild daher "spanischer Kragen". Der Penis schwillt an und verfärbt sich. Eine Paraphimose gilt als Notfall – ohne rasche Behandlung drohen schwere Schäden an der Eichel, sie kann sich entzünden und das Gewebe kann absterben. Wenn sich die Vorhaut auf normalem Weg nicht wieder in ihre Ursprungsposition zurückschieben lässt, empfiehlt sich oft eine Zirkumzision.

Wiederkehrende Entzündungen
Wenn sich der Bereich der Vorhaut, die Eichel selber oder auch die Harnwege immer wieder entzünden, kann ebenfalls eine Beschneidung Abhilfe schaffen.

Beschneidung als Schutz und Vorbeugung

Vor allem in afrikanischen Ländern gilt die Zirkumzision als wirksame Prophylaxe gegen HIV. 2007 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Beschneidung der Vorhaut in den Katalog der Präventionsmaßnahmen aufgenommen. Eine Studie aus Kenia und Uganda belegt diese Erkenntnis. Die Ergebnisse einer großen, sorgfältig überwachten und nach dem Zufallsprinzip durchgeführten klinischen Untersuchung bestätigen definitiv, dass eine medizinisch durchgeführte Beschneidung das Risiko einer HIV-Ansteckung deutlich senkt. Zum einen bei den Männern natürlich – zugleich damit aber auch bei den Frauen, mit denen sie zusammenkommen. Der Grund der wirkungsvollen Prophylaxe ist die Tatsache, dass die HI-Viren über die Innenseite der Vorhaut vordringen. Ein grundsätzlicher und vollständiger Schutz gegen eine HIV-Infektion ist eine Beschneidung jedoch natürlich nicht.

Beschneidung mit fatalen Folgen

Vergessen werden dürfen dabei nicht die Nachrichten, die in jüngster Vergangenheit für Schlagzeilen gesorgt haben, Fälle von Beschneidungen mit tödlichem Ausgang:

  • Im März 2019 ist in Italien ein wenige Wochen alter Junge zu Hause illegal beschnitten worden und dabei gestorben.

  • Ein Zweijähriger ist Ende 2018, ebenfalls in Italien, bei einer Beschneidung gestorben, sein Bruder erlitt schwere Verletzungen. Der Mann, der den Eingriff vorgenommen hat, wurde festgenommen.

  • 7500 Euro Schmerzensgeld bekommt ein Junge aus Berlin, weil sein Vater ihn von zwei Nichtmedizinern beschneiden ließ - zu Hause auf dem Küchentisch.

Beschneidung in Deutschland in der öffentlichen Diskussion

Solche Nachrichten bleiben natürlich nicht ohne Reaktion. Ärzte und Kinderschutzverbände kritisieren vehement, dass männliche Säuglinge und Jungen in Deutschland aus religiösen Gründen beschnitten werden. Und die Debatte birgt erheblichen politischen Zündstoff bei diametral entgegengesetzten Meinungen. Hier die UN-Kinderrechtskonvention, nach der alle den Menschen schädlichen Bräuche abzuschaffen sind; dort die Befürworter jahrtausendealter, tief verwurzelter religiöser Traditionen.

Eine andere Frage ist es dagegen, wenn euer Sohn, wie beschrieben, gesundheitliche Probleme mit seiner verengten Vorhaut hat. Da kann euch aber sicher euer Arzt raten, was für ihn das Beste ist.

Bildquelle:

Getty Images

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