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Exklusiv-Interview

Evelyn Weigert im Interview: "Dieses ganze Kinderthema ist total sensibel"

Interview Evelyn Weigert Unter Eltern

Evelyn Weigert ist Moderatorin, Podcasterin, Autorin und ... Mutter. Wie wir alle wuppt sie tausend Dinge. Gemeinsam mit anderen prominenten Eltern diskutiert sie in ihrer Talkshow "Unter Eltern" über all das, was Familien eben so bewegt. Grund genug für uns mal nachzufragen, wie ihr Alltag mit zwei kleinen Kindern eigentlich aussieht, warum ein gutes Netzwerk aus Freund*innen so wichtig ist und eine Paartherapie eine Familie retten kann.

"Unter Eltern - Jetzt reden wir" könnt ihr in der ARD Mediathek abrufen. In insgesamt sechs 45-minütigen Folgen redet Evelyn Weigert mit je drei prominenten Eltern über die Themen Wohnen, Konsumwahn, Ernährung, Familienurlaub, Nachhaltigkeit und Mode. Zu Gast sind unter anderem Tom Beck, Nina Moghaddam, Sönke Möhrin, André Dietz, Sonya Kraus, Charlotte Weise, Isabell Horn, Leila Lowfire, Milka Loff Fernandes oder Peer Kusmagk.

Interview mit Evelyn Weigert

Evelyn, Du sagst in einem Einspieler zu “Unter Eltern”, dass es darum geht, ein gutes Vorbild für unsere Kinder zu sein. Was ist denn für dich ein gutes Vorbild?

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Evelyn Weigert: Ich finde, Vorbild sein geht schon bei Kleinigkeiten los. Dass wir unseren Kindern zum Beispiel klar machen, dass man den Wasserhahn während des Zähneputzens zudreht. Dass wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Wasser eine Ressource ist und man auf die Acht geben muss.

Ich erkläre meinen Kindern auch, dass man Müll nicht einfach auf die Straße wirft, dass der in einen Mülleimer gehört. Wir trennen auch den Müll. Das sind so Kleinigkeiten und das klingt natürlich auch banal. Aber dadurch kann man ja schon ein Bewusstsein schaffen.

Meine Kinder schmeißen zum Beispiel gerne Sachen in den Müll, die kommen sich dann voll cool vor. Das ist einfach so ein Ding bei uns. (lacht). Wir trennen unseren Müll und wenn ich da manchmal übermüdet was in den falschen Mülleimer werfe, dann wird das von meinem Mann wieder rausgefischt. Der wird da richtig sauer.

Ich bin jetzt mal ganz ehrlich: Ich ertappe mich selbst dabei, wenn ich richtig fertig bin, dann denke ich auch: Komm, ist egal. Aber es ist doch voll geil, wenn mir dann jemand sagt: Nee, Evelyn, das ist überhaupt nicht egal. Und das versuche ich natürlich bei meinen Kindern auch.

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Vorbild sein für Kinder

Das bedeutet, ihr seid im kleinen Vorbild, weil es das große Ganze dann ausmacht?

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Ja. Nehmen wir mal als Beispiel diese Kinderzeitschriften aus dem Supermarkt. Ganz ehrlich, ich verstehe total, dass die geil sind für Kinder. Aber ich erkläre meiner großen Tochter auch, dass man nur ganz kurz Spaß an diesem Spielzeugschrott hat, der da dabei ist. Bei uns heißen diese Zeitschriften Quatschzeitschriften. Weil alles, was da drin ist, Minuten nach dem Kauf in den Müll geschmissen wird. Es ist doch einfach nur Scheiße in Plastik verpackt. Und die Sachen gehen sofort kaputt. Ich habe das Gefühl, dass meine Tochter schon versteht, dass das Quatsch ist.

Aber das ist ja nicht bei allen Kindern so. Und da sind wir schon beim nächsten Punkt. Den Frust der eigenen Kinder, weil wir etwas verbieten, den müssen wir ja aushalten. Und nicht alle Eltern können oder wollen das. Wie siehst du das?

Ich muss gestehen: Ich verstehe das und ich ertappe mich manchmal selbst dabei, dass ich versuche, Situationen zu vermeiden, wo ich weiß, die könnten tragisch enden. Dazu muss ich sagen: Pick your Battles. Frust gehört dazu und es ist unheimlich wichtig, dass Kinder Frust erleben, weil das Leben manchmal einfach extrem frustrierend ist. Es ist auch für Kinder schon wichtig zu checken, dass man manchmal nicht bekommt, was man will, dass man manchmal wütend ist. Aber ich finde, man kann da als Eltern auch gewieft mit umgehen.

Bei uns ist die Regel beim Einkaufen zum Beispiel, dass sich jedes Kind eine Sache aussuchen darf. Das ist von vornherein klar und ich finde das auch OK, wenn die Kinder sich dann zum Beispiel nen Smoothie aussuchen oder eine Tüte Gummibärchen, die wir dann über 3 Wochen verteilt craven. Das ist doch ein spielerisches Heranführen. Immer nur Verbote und „Nein, das darfst du nicht“ zu sagen, das checkt ein Kind, glaube ich noch nicht. Da ist es doch besser zu sagen: Man kann sich nicht alles aussuchen, was man mag, aber du darfst dir eine Sache aussuchen und cool ist.

Was ich auch wichtig finde: Kinder nicht zu überrumpeln. Wir gucken zum Beispiel relativ wenig fern, aber ich sage dann meinem Kind während der einen Folge „Pettersson“ zweimal: „Es ist jetzt gleich vorbei“, einfach, damit sie sich darauf einstellen kann. Und das funktioniert hier auch wirklich gut.

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In einer Folge von „Unter Eltern“ berichtet Nina Moghaddam ja über ein kleines Problem, dass sie in ihrer Familie hat und André Dietz will ihr mit einem Rat á la „Hast du schon mal …“ helfen. Aber wann ist ein Ratschlag unter Eltern denn hilfreich und gut und wann hält man lieber den Mund?

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Ich glaube, man muss voll drauf aufpassen, in welcher Situation ein Mensch gerade ist. Wenn jemand sowieso schon total im Arsch ist und keinen Ausweg mehr sieht, und dann kommt man da mit ungefragten Ratschlägen, die vielleicht noch mega judgy verstanden werden können, um die Ecke, das ist total gefährlich. Aber ich finde schon, dass man über Sachen reden muss und darf. Aber man muss eben immer aufpassen, was es gerade für ein Moment ist. Passt der Rat denn gerade? Kann derjenige den annehmen? Und wie sage ich denn eigentlich, was ich sagen will?

Ich finde es wichtig, nicht zu sagen: „Du musst“ oder „Mach das mal so!“, sondern vielleicht lieber „Wir machen das so und so“ oder „Wir hatten das auch schon ganz oft und haben das und das gemacht“. Einfach aufpassen, wie man was sagt. Das sollte man in der Partnerschaft ja auch machen. Wenn dein Partner seine Socken überall rumliegen lässt, dann ist es besser nicht sagen: „Du lässt immer deinen ganzen Scheiß hier rumliegen und du du du“, sondern eher „Das ist jetzt echt nervig, ich hab gerade die ganze Wohnung aufgeräumt und jetzt liegen die Socken wieder da. Ich würde mich freuen, wenn du die wegräumen würdest“.

Ich glaube, manchmal ist man so in seinem Frust oder auch so am Ende, dass man es irgendwie nicht mehr schafft, freundlich zu bleiben. Aber wenn man mal ein Bewusstsein dafür bekommen hat, wie Kommunikation auch laufen kann, dann bleibt man da dran und dann ist es auch gar nicht mehr so schwer.

Aber wenn es um die eigenen Kinder geht, dann wird das mit der Kommunikation ja gleich noch mal schwieriger.

Ja, ganz ehrlich, dieses ganze Kinderthema ist total sensibel. Das ist im Freundeskreis ja immer ein Thema, dass die da Sachen anders machen als man selbst. Ich liebe meine Freunde über alles, aber manchmal denke ich mir: Ich finde das megascheiße, was ihr da gerade macht. Wir reden da auch drüber, aber ich merke, wie krass sensibel da alle sind. Das sind manchmal so Gespräche auf ganz dünnem Eis. Aber ich glaube, wenn man sich da ein bisschen öffnet und zeigt: Niemand ist perfekt, dann kann man da auch ganz viel draus ziehen.

Kinder sind verschieden

Ich glaube, das ist sowieso die Grundlage von allem. Wir alle versuchen unser Bestes und es gibt nicht die „One size fits all“-Lösung. Dafür sind doch unsere Kinder auch viel zu unterschiedlich. Es gibt doch nicht die eine Methode, die bei allen funktioniert, unsere Kinder sind doch keine Schablonen.

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Ja, voll. Das ist auf jeden Fall auch ein Punkt. Jedes Kind ist wirklich einfach anders drauf.

Ich glaube, das ist der Vorteil von Eltern mit mehreren Kindern. Die wissen irgendwann sehr genau: Jedes Kind ist einzigartig. Und haben dann vielleicht auch eher das Verständnis dafür, wenn andere Familien Dinge anders machen.

Ja, aber das ist megaschwer. Weil es ja auch einfach so eine Herzenssache ist, Erziehung und wie man mit seinen Kindern sein will. Ich glaube, man kann und muss auch nicht immer alles verstehen, was andere machen. Man muss es akzeptieren und tolerieren. Ich finde es ehrlich gesagt auch nicht menschlich, immer alles bei allen toll zu finden. Aber es zu akzeptieren und zu sagen: „Ok, das ist deren Situation und die machen das jetzt so und das ist in Ordnung“. Denn es geht mich am Ende auch nix an, außer ich werde nach einem Rat gefragt.

Andrea Zschocher

Das Gras auf der anderen Seite ...

Wie oft habt ihr das Gefühl, dass es bei allen anderen gerade besser läuft als bei euch? Die Kinder sind vermeintlich besser erzogen, das Wohnzimmer aufgeräumter, die Beziehung besser? Wir sehen immer das, was wir sehen wollen. Und natürlich vergleichen wir immer das, was gerade bei uns nicht so gut läuft. Aber Vergleiche bringen einfach nichts, außer Frust für uns selbst.

Ich merke aber auch immer wieder: Wenn ich offen mit allem umgehe, also auch mal darüber schreibe, was gerade nicht gut läuft, öffnen sich andere auch. Und zusammen ist man weniger allein. Deswegen klappt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht leichter, deswegen ist der Streit mit den (Schweiger-)Eltern nicht vergessen oder die Waschmaschine befüllt, aber man kann sich getragen fühlen von dem Gefühl: Niemand ist perfekt und das ist vollkommen ok so.

Das Gefühl, dass offene Kommunikation vieles erleichtert, hatte ich übrigens auch im Gespräch mit Evelyn. Wir haben uns beide dazu beglückwünscht, dass währenddessen keins unserer Kinder aus der Betreuung abgeholt werden musste. The struggle is real für uns alle!

Andrea Zschocher

Deine Sendung heißt „Unter Eltern“. Worüber reden wir denn unter Eltern zu viel und worüber vielleicht auch zu wenig?

Ich bin wirklich happy mit meinem Freundeskreis. Ich habe das große Glück, von Leuten umgeben zu sein, die megaoffen mit ihrer Scheiße umgehen. Das ist so schön, weil ich mich einfach so abgeholt fühle. Ich habe nie das Gefühl, ich bin allein mit meinem Shit.

Auch was das Thema Partnerschaft angeht. Das verändert sich mit Kindern ja einfach so krass. Da sind alle so ehrlich und lassen die Hose runter. Am Ende kennt das doch jeder. Dann kann man gemeinsam drüber lachen. Ich glaube eh, mit Humor kann man viel mehr bewegen als mit dem ganzen Frust, den man da manchmal vor sich herschiebt. Also ich habe da echt Glück.

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Aber das Glück hat ja nicht jede*r. Es gibt ja viele Eltern, die sich sehr allein fühlen und niemanden zum Reden haben.

Ja, und genau deswegen, glaube ich, geht das mit der Doku auch so krass ab. Weil so viele Leute da draußen eben nicht das Privileg haben, mit Leuten zusammen zu sein, die ehrlich sind, auch mal die Hose runterlassen. Ich merke das auch an den vielen Nachrichten, die ich bekomme. Die Leute schreiben mir, wie gut es ihnen tut zu sehen, dass es bei uns auch ganz normal ist. Klar, viele Leute machen einen auf geil und es ist ja manchmal auch geil und jede*r ist irgendwie geil, aber nicht immer und nicht jeden Tag. Manchmal ist es halt auch einfach scheiße.

Natürlich ist es das. Aber oft zeigen Menschen nur so eine konstante Mittellinie. Mein Leben zum Beispiel hat viel Ausschläge nach oben und nach unten, aber darüber reden wir viel weniger als über die konstante Mittellinie.

Also ich bin krass schwarz-weiß, ich kann damit nicht dienen. Ich habe, wie du, krasse Ausschläge nach oben und nach unten muss ich sagen.

Welches Elternthema brennt dir am meisten unter den Nägeln? Wo sagst du, müssen wir eigentlich noch viel mehr darüber reden?

Streit und Diskussionen in der Partnerschaft. Das ist so ein negativ behaftetes Thema. Ich habe mich selbst öfter dabei ertappt, dass ich dachte, wir sind voll die Loser, weil wir streiten und diskutieren. Freunde von mir, die Familie Roos, die haben vier Kinder und sind beide Paarcoaches und ich habe erst durch die gecheckt, dass das voll wichtig ist, zu streiten. Aber cool zu streiten. Es ist superwichtig für eine Beziehung und wenn man das richtig anstellt, dann kann das sogar bereichernd sein.

Alex [Evelyns Mann, Anm. d. Red.] und ich haben eine Paartherapie gemacht und das hat uns den Arsch gerettet. Wir bringen unser Auto in die Werkstatt, wir schmieren uns Cremes in Gesicht und pflegen alles, was uns wichtig ist. Aber von einer Paarbeziehung erwarten wir, dass sie einfach immer funktioniert und immer toll ist. Ich finde: Eine Paartherapie ist Pflege. Man hat so ein Bild im Kopf, dass man da erst hingeht, wenn es ganz schlimm ist. Aber wir haben das gemacht, weil wir uns so krass lieben. Uns war klar: Diese Familie ist alles, was wir immer wollten. Und das müssen wir pflegen.

Mehr über Evelyns Erfahrungen mit der Paartherapie findet ihr auch in der ARD-Mediathek, wenn ihr ihre Doku „Oh Baby! Sowas von Mama“ anschaut.

Mutter-Tochter-Beziehung: Welches Verhältnis hast du zu deiner Mutter?

Bildquelle: BR

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