Mit einem Jahr in die Kita: Schadet der Frühstart in die Fremdbetreuung?

Ob die frühe Betreuung Kindern schadet oder nützt, wird aktuell wieder aufs Heftigste diskutiert. Mütter sind sich uneins, aber auch die Erziehungsexperten streiten. Während die eine Fraktion eine schlechte Bindungsfähigkeit der Kinder und zu viel Stress für die Kleinen fürchtet, ist sich die andere Seite sicher: Kinderkrippen machen schlau! Wir haben uns auf die Suche nach Fakten gemacht!


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Schadet (oder nutzt) ein zu früher Kita-Start unseren Kindern?




© iStock
Vor nicht allzu vielen Jahren galt es noch als selbstverständlich, dass Kleinkinder daheim von ihrer Mutter betreut wurden – um dann mit etwa drei Jahren in den Kindergarten zu gehen. Diese Zeiten sind vorbei! Inzwischen haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, und immer mehr Frauen beenden ihre Babypause früh. Die Skepsis, ob der Frühstart ins Kitaleben unseren Kindern aber nicht vielleicht doch schadet, ist geblieben.

Eltern, die ihr Kind schon früh - das heißt mit einem Jahr oder darunter - in die Kita geben, haben häufig keine andere Wahl: Der Chef drängelt, das Häuschen muss abbezahlt werden, nicht selten ist die Trennung vom Partner der Grund für einen Frühstart ins Kitaleben. Aber auch wenn keiner dieser Gründe zutrifft und Mama und Papa einfach beide wieder arbeiten wollen: der Weg zur Entscheidung für die richtige Betreuungsform (und -Zeit) zehrt an den Nerven. Zu viel haben wir gehört und gelesen über die anscheinend so schlechte Kita-Qualität, den Erzieherinnen-Mangel und die Probleme, die der frühe Kita-Start mit sich bringen soll. Eltern fürchten, dass es ihrem Kind schadet, wenn es schon früh in die Kita kommt, dabei viele Stunden ohne Mama und Papa verbringt. Sie fragen sich, ob der Stress in der fremden Umgebung nicht zu groß ist und der Nachwuchs dort zu wenig individuelle Zuwendung bekommt.
Was sagt die Entwicklungspsychologie?
In der Ratgeberliteratur ist zu lesen, wie wichtig die ersten 18 Lebensmonate für eine prägende Bindung sind. In dieser Zeit ist es immens wichtig, dass Kinder eine stabile und sichere Bindung erfahren. Was passiert nun aber, wenn nicht länger nur Mama und Papa für die emotionale Bindung zuständig sind, sondern eine Erzieherin in einer Kitagruppe mit vielen unterschiedlichen Kindern mit jeweils ganz eigenen Bedürfnissen? Entwicklungspsychologen sind sich einig: Normalerweise sind zwar Mutter und Vater die Hauptbezugspersonen – es kann und darf aber auch durchaus die Krippenerzieherin sein, die als zusätzliche Bezugsperson im Leben der Kleinen eine wichtige Rolle spielt. Klingt eigentlich logisch! Hieß es früher doch so schön, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Heute heißt das Dorf eben Kindertagesstätte!

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Wobei: Ganz von der Hand weisen lässt sich die Sorge der Eltern nicht. Problem ist nicht die Tatsache, dass Kinder heute schon früh fremdbetreut werden. Schwierig ist vielmehr die Situation in vielen Kitas: Wenn in der Gruppe die Betreuungskonstanz fehlt - sei es weil Erzieherinnen krank sind, umziehen, selbst schwanger werden oder den Job wechseln oder sei es, weil in einer Gruppe zu viele Teilzeitkräfte arbeiten, kann das für Kleinkinder in Stress ausarten. Gänzlich ignorieren und vermeiden lässt sich dieses Problem nicht. Hilfreich ist aber in jedem Fall ein kritischer Blick hinter die Kulissen der gewünschten Einrichtung (siehe unsere Tipps unten). Und die Überlegung, ob für Babys und Kleinstkinder die Betreuung bei einer Tagesmutter mit teilweise sehr kleinen Gruppen nicht vielleicht auch eine Lösung wäre. Das war es aber auch schon mit den Schwachstellen des Kitastarts für ganz kleine Kinder!
Es gibt viele Argumente, die FÜR einen Frühstart ins Kita-Leben sprechen:
Vier gute Gründe, warum Kinder schon früh in die Kita sollten
➤ Kinder profitieren von einem frühen Kita-Start: Die Mischung aus Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft fördert eine gesunde Entwicklung. Sie haben dort jede Menge Spielkameraden zum Spielen, sie lernen mit anderen Kindern zu teilen und auch mal kurz geduldig zu sein und zu warten.

➤ Studien haben gezeigt: Kita-Kinder sind sozial kompetenter und können sich besser durchsetzen. Und: Ihr Selbstbewusstsein ist größer als das von Kindern, die daheim betreut werden.

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Wenn größere Kinder dieselbe Gruppe besuchen, lernen die Kleineren viel einfach nur durchs Zuschauen und Beobachten.
 
➤ Daheim laufen Kleinkinder oft „nebenher“. Sie sind dabei, wenn Mama einkaufen geht, Essen kocht, putzt, bügelt und telefoniert. Die Zeit, die sie aber ausschließlich und aktiv mit ihrem Kind verbringt, ist erschreckend kurz. Der Kita-Alltag dagegen ist gefüllt mit Spielen, Singen, Basteln – lauter kindgerechten Aktionen, die Mama zu Hause gar nicht bieten kann

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Studien beweisen: Kita nutzt mehr als dass sie schadet

Der frühe Kita-Start schadet nicht - ganz im Gegenteil: Allermeist profitieren die Kleinen von einem frühen Kita-Start, das untermauern viele wissenschaftliche Studien! Hier eine (kleine) Übersicht der Ergebnisse, ausnahmslos handelt es sich hier um Untersuchungen renommierter Wissenschaflter und Experten.

● Kita-Kinder haber weniger psychische Störungen
Veit Roessner, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden, hat in einer Untersuchung von 4.000 Kindern (2016) nachgewiesen, dass Kinder, die schon im ersten und zweiten Lebensjahr fremdbetreut wurden, später seltener an psychischen Störungen leiden. Auf Stern.de erklärt Professor Roessner: „Bei Jungen und Mädchen hingegen, die erst mit drei oder vier Jahren in eine Kindertagesstätte kamen, war die Wahrscheinlichkeit für psychische Auffälligkeiten wie Hyperaktivität doppelt so hoch."
 
● Kita-Kinder haben später bessere schulische Leistungen
Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung (2016) zeigt, dass Kinder, die vor ihrem dritten Lebensjahr in die Kita kommen, bei der Schuleingangsuntersuchung besser abschneiden. Nicht nur ihre Sprachkompetenz und ihr Zahlenverhältnis sind besser, die Kinder verfügen auch über eine bessere Fein- und Grobmotorik. Zudem sind sie seltener übergewichtig.

● Kita-Kinder verfügen über eine bessere Sprachkompetenz
Eine Studie der London School of Economics und der Oxford University (2016) zeigt, dass Kinder, die ausschließlich von ihren Müttern betreut werden, über schlechtere Sprachkenntnisse und schlechtere motorische Fähigkeiten verfügen als Kinder, die in eine Kita gehen.
Tipps, damit der frühe Kita-Start gelingt
Achten Sie auf die Kita-Qualität!
Schauen Sie sich das Konzept und den Arbeitsalltag in den in Frage kommenden Kitas ganz genau an: Wie groß sind die Gruppen? Wie viele Kleinstkinder werden dort betreut? Wie viele Erzieherinnen sind insgesamt für die Gruppe zuständig? Je kleiner das Kind ist, umso wichtiger ist der Betreuungsschlüssel. In privaten Einrichtungen ist der häufig besser als in städtischen.
 
➤ Bezugsperson in der Kita
Kleine Kinder benötigen in jedem Fall eine direkte und konstante Bezugsperson, die sich liebevoll um das Kind kümmert.
 
➤ Planen Sie viel Zeit für die Eingewöhnung ein!
Vier Wochen sollten Sie Ihrem Kind (und sich) für einen behutsamen Start geben. Je langsamer die Betreuungszeit in der neuen Umgebung gesteigert wird, umso leichter wird die Eingewöhnung Ihrem Kind fallen. Meist fällt der Kita-Start mit den ersten Erkältungskrankheiten im Herbst zusammen - bedenken Sie bei Ihrer Planung, dass Ihr Kind in den ersten Wochen in der Kita sicher den ein oder anderen Infekt mit nach Hause bringen wird.
 
➤ Früh übt sich!
Eine gute Vorbereitung ist, wenn Papa, Oma oder die Patentante vor dem Kitastart schon regelmäßig auf das Kind aufpassen und es auch mal ins Bett bringen. Kinder, die sieben Tage die Woche immer ihre Mama um sich haben, tun sich schwerer mit der Abnabelung.
 
➤ Sorgen Sie für ruhige Nachmittage!
Der Kita-Alltag ist turbulent – am Nachmittag sollten Sie für einen guten Ausgleich sorgen: Wenig feste Termine und Spiel-Dates, dafür viel Ruhe und die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern. Wichtig sind Rituale wie ausgiebiges Kuscheln und das gemeinsame Essen - ein Stückchen ganz normaler, entspannter Kinderalltag!
 
Stehen Sie zu Ihrer Entscheidung
Mütter leiden oft unter ihrem schlechten Gewissen, weil sie ihre Kinder früh Fremden überlassen. Dieses schlechte Gewissen nutzt niemandem – am allerwenigsten Ihrem Kind. Freuen Sie sich stattdessen lieber über die vielen neue Dinge, die es in der Kita lernt, die ersten Freundschaften, die es dort knüpft und die vielen Erfahrungen, die Sie Ihrem Kind zu Hause niemals bieten könnten. Dazu kommt: Mütter, die arbeiten, sind (im Durchschnitt) nachweislich zufriedener als Mütter, die nur Kind und Haushalt als Aufgabe haben.

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Zum Weiterlesen

Wie viel Mutter braucht das Kind? Konrad Adenauer Stiftung: Publikation zum Runderladen
Wohlergehen von Kindern - erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Bericht zum Runterladen
➤ Kita, Krippe, Tagesmutter: Die beste Betreuung für glückliche Kinder und entspannte Eltern von Aylin Lenbett. Hier ist das Buch über Amazon.de erhältlich.

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