Zahlen lernen: Eins, zwei drei - Ich zähle!

Wie lernen Kita-Kinder, mit Zahlen umzugehen? Indem sie spielerisch erkennen, dass zu jeder Zahl eine Menge gehört. Mal eine große, mal eine kleine.


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Zahlen braucht man immer und überall

Das Fach Mathemetik hatte ich in der Schule abgewählt, sobald sich die erste Möglichkeit bot. Hurra, nie wieder Zahlenkram, dachte ich naiv. Um kurz darauf zu merken, dass man den Zahlen nicht entkommen kann. In der Berufsausbildung oder beim Studium, bei Steuer-, Versicherungs-, Bankdingen oder auch nur beim täglichen Einkauf: Überall geht es ums Zählen und Rechnen. Und Weggucken nützt nichts: Die Zahlen wollen sich verstanden fühlen – ob wir Lust auf sie haben oder nicht. Damit daraus eine lebenslange Freundschaft entstehen kann, ist es wichtig, sich schon früh mit ihnen zu beschäftigen. Denn niemandem ist eine Abneigung gegen Zahlen angeboren. Ganz im Gegenteil: Alle Kinder zeigen ein Interesse für Zahlen, schon Kleinkinder lieben das Zählen.

Junge liegt zwischen Zahlen


© iStock
Die Welt der Zahlen will aktiv entdeckt werden

Doch anders als beim Sprechen- oder Laufenlernen, baut sich diese Begabung nicht von selbst aus: Wenn es keine spielerischen Anreize gibt, die den Kindern Lust auf mehr machen, verkümmert das Interesse an den Zahlen irgendwann. Die Herausforderung liegt also bei Eltern und Erziehern: Damit die mathematischen Anlagen der Kleinen später in der Schule aufblühen können, ist es von Vorteil, die Neugier auf die Welt der Zahlen schon im Kindergarten spielerisch zu fördern. Und mit dem Zählen geht es los! 
Zu klein für Zahlen? Das gibt’s gar nicht!
Eins, zwei, drei – was kommt danach? Ab etwa dem 2. Lebensjahr fangen Kinder an zu zählen. Eine Studie der britischen Royal Society bewies sogar: Schon Einjährige begreifen, dass es einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen gesprochenen Zahlen und einer bestimmten Anzahl von Gegenständen gibt. Natürlich können sie diese Erkenntnis noch nicht in Worte fassen. Aber die Kleinen ahnen: Zahlen haben etwas mit „viel“ oder „wenig“ zu tun. Wie es genau funktioniert, das finden sie in den nächsten Monaten und Jahren heraus. Den Erzieherinnen und Erziehern in der Kindertagesstätte kommt dabei eine wichtige Aufgabe zu: Die Kinder sollen erstes Zählen lernen – aber die Zahlenreihe nicht bloß auswendig lernen wie etwa einen Liedtext. Und um das Wesen der Zahlen zu verstehen, sollte es tatsächlich etwas zu „begreifen“ geben: etwas, das die Zahlen sinnlich erfahrbar macht.

„Zahlen lassen sich nur begreifen, wenn man ihre Größe begreift“, erklärt Noemi Dolber, Leiterin des internationalen Kindergartens Mafalda im Hamburger Stadtteil Sankt Pauli. Sie und ihr Team binden diese Erkenntnis in ihre tägliche Arbeit ein. Ein Beispiel: Im Morgenkreis zählen die Kinder jeden Tag, wie viele von ihnen heute anwesend sind. Dafür stehen dann zuerst die Jungs auf und alle Kinder zählen: Wie viele stehen dort? Aha, acht. Danach stehen die Mädchen auf. Es sind vier. Die Kinder erkennen auf einen Blick, dass 4 weniger ist als 8. Und sie stellen fest, dass die Jungs und die Mädchen zusammen eine noch höhere Zahl ergeben. Dies ist nur eine von vielen Gelegenheiten, bei denen deutlich wird: Zahlen sind mehr als nur ein Wort. Sie bilden eine aufregende, eigene Welt – und es macht Spaß, sich an diese Welt heranzutasten und sie zu erforschen!
Zahlenerziehung gehört zur Frühförderung
Das Gehirn von Kleinkindern ist unglaublich aufnahmebereit und lernfähig. Gehirnbahnen, die in jungen Jahren angelegt werden, erleichtern das Lernen im gesamten späteren Leben. Heißt das also, man sollte schon Kleinkinder mit möglichst viel Wissen füttern? Nein, denn es geht hier nicht um abrufbare Fakten. Es geht darum, dass kleine Kinder vielseitige Erfahrungen machen können und Anreize bekommen, die unterschiedlichsten Dinge auszuprobieren. Das Gehirn ist an jedem Handgriff, an jedem Gefühl und an jeder Bewegung beteiligt. Es bildet Vernetzungen, auf die sich später aufbauen lässt.

Auf diese Weise wirkt etwa die musikalische Früherziehung: Wenn ein- oder zweimal pro Woche eine Musikpädagogin mit den Kindern singt, tanzt, trommelt und Rhythmusspiele spielt, stärkt das die grundlegenden musikalischen Fähigkeiten der Jungs und Mädchen, sie werden sich später selbstverständlicher an Instrumente und ans Singen herantrauen. So ähnlich ist es mit der mathematischen Früherziehung: Sie soll kein Schulwissen vermitteln, indem schon in der Kita Rechnen geübt wird. Sie stellt vielmehr spielerisch die Weichen dafür, dass Kinder später keine Scheu vor dem Rechnen haben – sondern es als interessantes Spiel sehen, weil Zahlen ihre Freunde geworden sind. 

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Zahlenfreunde werden zu Zahlenverstehern

Mathematische Früherziehung versteht sich also ausdrücklich als eine spielerische Angelegenheit. Viele Kitas, wie auch der Hamburger Kindergarten Mafalda, orientieren sich bei ihrer Arbeit an der wissenschaftlichen Methode des „Zahlenlandes“, die Professor Gerhard Preiß als Professor für Didaktik der Mathematik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg entwickelt hat (www.zahlenland.info). Der Ansatz: „Wer Kindern frühzeitig Gelegenheiten bietet, die Welt der Mathematik anschaulich und geometrisch zu erkunden, schafft eine Basis, auf der sich die unterschiedlichen mathematischen Begabungen der Kinder später entfalten können.“

Was in der Theorie so sachlich klingt, steckt in der Praxis voller Spaß, denn die Methode nutzt den natürlichen Entdeckerdrang der Kinder. Die Welt der Zahlen wird mit Erlebnissen verbunden, die die Fantasie der Kinder anregen und zu ihren Interessen passen: Durch Bewegungsspiele mit Laufen, Hüpfen, Stufen- steigen, durch Rätsel und Geschichten zu Pflanzen und Tieren, durch lustige Lieder und Abzählreime wird den Kleinen die Welt der Zahlen ganzheitlich und mit allen Sinnen nahegebracht. 

Zahlen spielerisch lernen


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Was hat Stufensteigen mit Mathe zu tun?

Beim Zählenlernen sollen Kinder mit ihren Sinnen erkennen, dass hohe Zahlen „mehr“ sind als niedrige Zahlen. Sie sollen es mit ihren eigenen Augen sehen, mit den Ohren hören oder mit Händen und Füßen ertasten. Im Kindergarten Mafalda wird dafür auch die kleine Treppe genutzt, die zu den Garderoben führt: Auf jeder Stufe steht eine Zahl. Eine 1 auf der untersten, eine 10 auf der obersten. Die Jungs und Mädchen lieben es, die Zahlen beim Hinaufsteigen zu lesen, und sie erleben dabei: Stufe 9 ist ja mächtig weit oben – während Stufe 1 fast gar nichts ist! Auch ein mit Kastanien, Körnern oder Perlen gefülltes Säckchen hilft, Mengen zu begreifen. Wenn ein Kind die Aufgabe bekommt: „Hole viele heraus!“, dann merkt es: Für hohe Zahlen muss es seine Hand weit öffnen und möglichst groß machen. Wenn es hingegen nur eine herausholen soll, macht es die Hand klein und greift mit spitzen Fingern in den Sack hinein.

Kinder, die auf solche Weise zählen lernen, begreifen die Zahlen im wortwörtlichen Sinne. Das ist die beste Voraussetzung, um sich auch später mit Freude in der Welt der Zahlen zu bewegen. Denn sich schon in der Kita für Zahlen zu begeistern, das rechnet sich fürs ganze Leben!

(von Almut Wenge / erschienen in der familie&co 01/2017)

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