Sprachentwicklung bei Kindern und Babys: Gemeinsam sprechen lernen

Vom 1. bis zum 5. Lebensjahr

Sprachentwicklung bei Kindern und Babys: Gemeinsam sprechen lernen

Die Sprachentwicklung unserer Kinder beginnt direkt nach der Geburt. Wir erklären euch, welche sprachlichen Fortschritte euer Kind im ersten, zweiten, dritten und vierten Lebensjahr macht und wie ihr es beim Sprechenlernen unterstützen könnt.

Sprachentwicklung bei Kindern geht am besten im Dialog mit Mama und Papa (und Oma, Opa, Schwester, Bruder, Onkel, Tante, etc.)

Was ist am Sprechen lernen so schwierig? Ganz einfach: Alles! Das, was da an Tönen aus eurem Mund herausquillt, ist für euer Baby erst einmal nur ein langer Strom von Stimm-Geräuschen. Sie alle stammen aus einem Vorrat von 150 verschiedenen Lauten, aus denen alle Sprachen aufgebaut sind – wobei jede Sprache nur einen Teil davon benutzt.

Doch die hohe Kunst bei der Sprachentwicklung liegt woanders: Im Filtern, Sortieren und Erkennen der Sprache im für das Baby noch unverständlichen Töne-Wasserfall aus Mamas Mund. Es muss Sprache völlig neu entdecken: Wo fängt ein Wort an? Welche Wortarten gibt es? Wie werden sie zusammengesetzt? Was ist dabei erlaubt und verboten? Wie wird betont? Und schließlich: Was bedeutet ein Wort genau und wann kann man es benutzen? Das alles sind Fragen, die eurem Baby keiner beantwortet – bzw. ohne das Verständnis für Wörter versteht es eure Erklärung nicht. Und trotzdem wird euer Kind in den nächsten fünf Jahren all diese Rätsel beinahe perfekt gelöst haben und sprechen können. Was für eine Meisterleistung!

Die Voraussetzungen für die Sprachentwicklung von Kindern

Unser Hirn ist so eingerichtet, dass es das Sprechenlernen zwischen der Geburt und dem 4. Lebensjahr erwartet – danach lassen seine Fähigkeiten diesbezüglich stark nach. Um ihre Sprache zu entwickeln, brauchen Kinder verschiedene Voraussetzungen:
Sprechwerkzeuge als Grundvoraussetzung zum Sprechen
Für die Sprachentwicklung müssen zunächst einmal die organischen Voraussetzungen geschaffen sein. Denn zum Sprechen muss der Mensch bestimmte Mund- und Zungenbewegungen ausführen und er muss die anderen beteiligten Organe, wie die Zwerchfellmuskulatur und die Muskulatur der Stimmbänder, beherrschen. Auch für diesen Teil der Sprachentwicklung beginnt das Training bereits im Säuglingsalter. Selbst wenn es zunächst nur wichtig für die Nahrungsaufnahme scheint: Mit Saugen, Schlucken, Kauen oder Lecken machen sich die Babys gleichzeitig auch fit fürs Sprechenlernen. So trainieren sie nämlich Bewegung und Muskulatur.

Hören ist wichtig für die Sprachentwicklung

Ohne Hören kein Sprechen, bzw. ist es für ein Kind sehr viel schwieriger ohne Gehör seine Sprache zu entwickeln. Eure Kinder werden bei den U-Untersuchungen immer auf ihre Hörfähigkeit geprüft. Solltet ihr dennoch das Gefühl haben, dass euer Kind schlecht hört, weil es z. B. ohne Grund immer sehr laut spricht, sprecht euren Kinderarzt noch einmal darauf an und lasst gegebenenfalls separat checken, ob mit dem Gehört eures Kindes alles in Ordnung ist.

Ohne Dialog gerät die Sprachentwicklung von Kindern ins Stocken

Die zweite Voraussetzung, der Dialog, ist ebenso bedeutsam. Das Baby möchte mit seinen Liebsten beisammen sein, Mimik und Gestik beim Sprechen beobachten und im Wechsel Töne von sich geben. So lernt es rasch die emotionale Bedeutung von Sprache. Noch während des ersten Lebensjahres begreifen die Kleinsten, wie praktisch Sprechen ist – dass sie das Sprechen nutzen können, um andere Menschen dazu zu bringen, ihnen das zu geben, was sie brauchen und später auch das zu tun, was sie gerne möchten.

Die Sprachentwicklung beginnt direkt nach der Geburt

Bereits am vierten Lebenstag kann ein Säugling die Stimme seiner Mutter erkennen. Im Laufe der nächsten Wochen lernen unsere Babys nun in die Richtung zu gucken, aus der Geräusche kommen. Bald können sie diese auch unterscheiden und sich sogar auf bestimmte Laute konzentrieren. Dabei werden andere Geräusche, die an ihr Ohr dringen, unwichtig und einfach ausgefiltert. Dies ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg der Sprachentwicklung, denn nur so können später aus einer Vielzahl von Geräuschen einzelne Wörter herausgehört werden.

Sprachentwicklung von Babys im ersten Lebensjahr

Was das Baby selbst zu sagen hat, beginnt mit einem Gurren. Mit wenigen Wochen fängt es an, schnurrend-säuselnde Töne zu machen. Dieses erste Training seines Stimmapparates bereitet es auf das Selber-Sprechen vor: „Die Kinder experimentieren mit ihrer Stimme und der Sprechmuskulatur“, erklärt Dr. Monika Rausch, Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie: „Das tun sie eine Zeit lang, dann hören sie auf, und nach einer Pause beginnen sie von Neuem, Töne zu machen. Dann aber auf andere Art: Denn nun hören sie sich selbst zu und versuchen, ihr Sprechen zu kontrollieren.“

Ersten Gurren, dann Dada, dann Mama (oder Papa)

Bis zum Alter von etwa einem halben Jahr ist die Sprache eines Menschen international. Das erste Lallen klingt immer gleich, egal, ob ein Kind in Japan, Grönland, Russland oder Deutschland aufwächst. Erst dann beginnen Babys, die Laute ihrer Muttersprache zu imitieren – der erste Schritt zum Sprechen lernen.

Das berühmte „Dadada“ mit häufigen Silbenwiederholungen ist sehr typisch für die Zeit um den 8. Monat. Eltern sagt es, dass sich das Sprechen normal entwickelt. Denn das sogenannte „kanonische Lallen“ fehlt nur bei Kindern, die sich nicht selbst hören können. Dann sollte das Gehör noch einmal sehr genau untersucht werden.

Während das Baby für einige Wochen fleißig „gagaga“ und „bababa“ macht, reifen die ersten Wörter heran – im mentalen Lexikon, unserem inneren Vokabelspeicher, sind sie längst mit ihrer Bedeutung abgelegt. Um sie herauszubringen, muss aber noch jeden Tag geübt werden.

Im 10. oder 11. Monat können Babys dann kleine Handlungsanweisungen der Eltern verstehen – weil sie gelernt haben, bestimmten Begriffen, die sie hören, entsprechenden Dinge zuzuordnen. Sie kennen das richtige Wort für Ball und suchen zum Beispiel bei der Frage „Wo ist der Ball?“ mit ihren Augen nach diesem Gegenstand.

Hören und Sehen sind für die Sprachentwicklung von Babys wichtig. Euer Kind lernt so die passenden Lippenbewegungen zum gesprochenen Wort.

Sprachentwicklung: Das erste Wort

Welch ein Erfolg, euer Baby hat sein erstes Wort gesagt! Um den ersten Geburtstag herum ist dieser Moment bei den meisten Babys soweit. Darauf haben sich die Kleinen die letzten Monate hart vorbereitet. Denn bevor sie ihre ersten Laute und Worte bilden können, ist die  Sprachentwicklung schon in vollem Gange. Von Anfang an nämlich funktionieren die fünf Sinne des Babys – es hört, sieht, riecht, fühlt und schmeckt. Diese Fähigkeiten bilden allesamt Grundlagen, die das Kind für die Sprachentwicklung braucht.
In den ersten Lebensjahren erwerben Babys die entscheidenden Grundlagen für ihre Sprachentwicklung und ihre spätere Lese- und Schreibkompetenz.

Sprachentwicklung im 2. und 3. Lebensjahr

Im zweiten und dritten Lebensjahr kennt die Sprachentwicklung nur noch ein Gesetz: immer und immer schneller. Mit ungeheurer Geschwindigkeit wächst der Wortschatz, wobei das Verstehen dem Sprechen vorausgeht. Mit zwei Jahren ist euch euer Kind bei Geschwindigkeit und Genauigkeit, mit der es neue Wörter aus dem Strom der Sprache fischt, schon ebenbürtig.

Nach den ersten Zwei- und Dreiwortsätzen, die euer Kind von sich gegeben hat, scheint seine Sprachentwicklung häufig wieder ungenauer zu werden. Was ist da los? „Interessieren Sie sich in diesem Alter in erster Linie für das, was Ihr Kind zu sagen hat, und weniger dafür, wie es etwas sagt“, rät Logopädin Monika Rausch.
Der scheinbare Rückfall resultiert aus der immensen Geschwindigkeit, mit der gelernt und im Gehirn „verdrahtet“ wird. Typisch für Zweijährige sind auch die klassischen Kinderfehler wie der „Lufttablon“ – die Silben purzeln durcheinander. Richtig wiederholen ist dann in Ordnung, rigides Korrigieren bringt hingegen nichts: Später präzisieren sich die Wörter automatisch.

Die Sprachentwicklung bei Babys und Kleinkindern richtig fördern

Vorlesen, gemeinsames Singen oder Lieder hören – schon die Allerkleinsten profitieren davon. Ihr Gehör und Gedächtnis werden geschult, ihre Sprachfähigkeit wird gefördert. Wichtig ist, dass Eltern ihre Babys nicht überfordern und das Angebot der Entwicklung anpassen. Nur auf PLAY drücken reicht übrigens nicht: Für die Sprachentwicklung von Kindern ist es wichtig, dass wir Erwachsenen dabei mitmachen, mitsingen, vorlesen, erklären und zeigen. Denn unser Kinder brauchen auch den optischen Reiz unserer Lippenbewegungen, um selbst sprechen zu lernen.

Und nur durch stetiges Wiederholen der immer gleichen Wörter lernen die Kleinen die Zusammenhänge zwischen dem, was sie sehen, und dem, was sie hören. „Es entstehen neuronale Netzwerke im Gehirn“, erklärt der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort. „Dafür ist es notwendig, alle Sinne anzuregen, weil sie auf verschiedenen Orten im Gehirn liegen. Hören, Sehen, Fühlen, Tasten, Lutschen, all dies gehört dazu, damit Kinder sich gesund entwickeln. Also sind Bilder und Musik gleichwertig mit Sprache und Bewegung.“

Hilft es die Sprachentwicklung in diesem Alter gezielt zu unterstützen? Ja, aber nicht mit teuren Lernprogrammen, sondern mit viel Austausch im Dialog, Vorlesen und Nachfragen. Konkrete Tipps findet ihr bei unseren 8 Tipps zur Sprachförderung kleiner Plappermäulchen.

Sprachentwicklung von Kindern im 3. und 4. Lebensjahr

Bis zu diesem Zeitpunkt haben sich Sprache und Wortschatz eures Kindes rasant entwickelt: Zum zweiten Geburtstag spricht ein Kind im Durchschnitt 100 Wörter. Zwei Jahre später sind es bereits 2.000. Darüber hinaus verstehen Dreijährige schon den Sinn vieler Wörter, die sie noch gar nicht aussprechen können.
Der Satzbau entsteht fast ebenso flink wie ein Fertighaus: Aus einzelnen Begriffen im zweiten Lebensjahr werden im dritten und vierten Jahr Zwei- und Mehrwortsätze. Zum vierten Geburtstag bilden einige Kinder schon mehrkettige Haupt- und Nebensätze. Kein Grund zur Sorge, wenn euer Kind noch nicht soweit ist. Die Sprachentwicklung ist eine sehr individuelle Entwicklung und bis zum frühen Schulkind-Alter können die meisten Kinder, sofern keine Entwicklungsstörungen oder Behinderungen vorliegen, richtig sprechen.

Gemeinsam sprechen ist die perfekte Förderung für die Sprachenwicklung eures Kindes.

Sprachentwicklung ermöglicht den Weg zur Identität

An der Sprachentwicklung zeigt sich auch ein großer Sprung im Ich-Verständnis, denn im Laufe des dritten Lebensjahres wechselt das Kind von der dritten in die erste Person – jetzt ist es nicht mehr “Lina”, die ihre Puppe begehrt, sondern „ich“ bin es, die „meine“ Puppe haben will.
Und ebenfalls im dritten Jahr entdecken Kinder das Zauberwort, die Frage aller Fragen, die das Tor zu so vielen Geheimnissen der Welt aufstößt: „Warum?“. In dieser Zeit lernen auch wir Eltern unglaublich viel über die Welt. Wir lernen mit Hilfe unserer Kinder Dinge neu zu hinterfragen (Warum essen wir mit Messer und Gabel?) und zu entdecken (Warum gibt es den Wind?).

Sprechen ist Ausdruck

Sprache zu entdecken heißt auch, sie umfassend auszuprobieren. Dabei erkennen Kinder schnell, dass man mit Worten nicht nur Dinge benennen, sondern auch seine Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken kann. Und so reden und plappern sie oft den ganzen Tag – und bringen uns damit manchmal an den Rande eines Nervenzusammenbruchs oder in peinliche Situationen: ab jetzt hört immer jemand mit, auch wenn er zu unseren Füßen völlig unbeteiligt mit Bauklötzen spielt, während wir über Onkel Willi lästern. Die Gefahr, dass beim nächsten Familientreffen von unserem Kind ein Kommentar – natürlich direkt in Anwesenheit von Onkel Willi – kommt, ist sehr, sehr hoch. Also Vorsicht!

Sprachentwicklung im fünften Lebensjahr

Im Laufe des fünften Lebensjahres feilt das Kind an den letzten Feinheiten seiner Sprachentwicklung. Es lernt weiterhin neue Wörter – was hoffentlich nie aufhören wird, schließlich lernen auch wir Eltern immer noch neue Wörter – baut immer komplexere Sätze und kann je nach Sprachtalent schon richtige Debatten führen (besonders wenn es etwas will).
Mit etwa fünf Jahren ist die Sprachentwicklung eures Kindes dann im Groben abgeschlossen. Euer Kind kennt Ober- und Unterbegriffe, verschiedene Namen für einen Gegenstand, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Jetzt heißt es darauf aufbauen – mit ganz vielen Dialogen, Spielen, Büchern, Hörspielen und täglicher Kommunikation. Sprecht mit gutem Beispiel voran!

Bildquelle: Getty Images

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