„Ein Mädchen, bitte!“ – Die Sache mit dem Wunschgeschlecht

Mädchen oder Junge – eine Präferenz haben sicherlich viele werdende Eltern, doch letztendlich lässt sich die Natur da nicht beeinflussen. Oder doch? Künstliche Befruchtung und amerikanische Ärzte machen es möglich.


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„Am wichtigsten ist doch, dass es gesund ist“, das ist wohl der Satz, der am häufigsten fällt, wenn es um die Frage nach dem Geschlecht des Nachwuchses geht. Der Kern der Aussage stimmt so natürlich auch. Und doch: Ganz insgeheim haben viele von uns doch eine kleine Vorliebe, was das Geschlecht der eigenen Kinder angeht. Sei es, dass man bereits drei Söhne hat und sich deswegen jetzt ein kleines Mädchen wünscht. Sei es, dass man selbst ein junggebliebener Rabauke ist und sich deswegen einen kleinen Abenteurer wünscht. Oft sind es einfach kleine Präferenzen, die im Großen und Ganzen eh unerheblich sind, denn aussuchen kann man sich das Geschlecht des Nachwuchses eben nicht. Bis jetzt – und zumindest in Deutschland.

Wunschgeschlächt bestimmen


© iStock

Präimplantationsdiagnostik: Geschlecht nach Wunsch


In den USA und in wenigen anderen Ländern ermöglichen es Ärzte ihren Klienten, bei künstlichen Befruchtungen nach dem Geschlecht auszusieben. Die Planung des Geschlechts erfolgt also in vitro, das heißt mit Hilfe der Reagenzglas-Befruchtung.

Ein kleiner biologischer Einschub: Über das Geschlecht des Nachwuchses bestimmt in jedem Fall das Sperma des Mannes. Die Eizelle der Frau trägt nämlich immer ein X-Chromosom in sich. Je nach dem welche Samenzelle des Mannes die Eizelle befruchtet, verschmelzen Eizelle und Samen entweder zu einer XX- (also einer weiblichen) oder zu einer XY- (also einer männlichen) -Kombination. Die Wahrscheinlichkeit, einen Mädchen oder einen Jungen zu bekommen, liegt dabei übrigens nicht bei 50:50. Weltweit kommen mehr Jungen als Mädchen zu Welt – auch wenn der Unterschied eher geringfügig ist. Das Verhältnis entspricht 51 zu 49 Prozent. Grund dafür ist vor allem, dass mehr Jungen als Mädchen die neun Monate Schwangerschaft überleben.

Um das Geschlecht des Embryos bei einer künstlichen Befruchtung zu bestimmen, haben Forscher sogenannte Sortiermaschinen für Spermien entwickelt. Diese Maschinen können Spermien, die ein X-Chromosom tragen, von denen mit einem Y-Chromosom trennen. Das Ergebnis ist recht zuverlässig: Spermien mit weiblichen Erbgut können bereits mit einer Zuverlässigkeit von 93% erkannt und herausgefiltert werden. Männliche Spermien allerdings nur mit einer 73-prozentigen Wahrscheinlichkeit. Sortierungsmerkmal ist die um 2,8 Prozent höhere DNA-Menge der weiblichen Spermien.

Eine andere und die am weitesten verbreitete Methode greift etwas später im Prozess der In-Vitro-Behandlung ein: Es werden per In-vitro-Fertilisation mehrere Embryonen gezeugt. Danach wird im Vierzell- oder Achtzell-Stadium  jedem Embryo eine einzelne Zelle entnommen und genetisch untersucht, wie es auch bei anderen Arten der Präimplantationsdiagnostik der Fall ist, um z.B. Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder Glasknochenkrankheit auszuschließen. Unter dem Neonlicht-Mikroskop kommt dann das Geschlecht des Embryos zum Vorschein: die weiblichen Zellen leuchten rosarot und die männlichen hellblau.

Jeffrey Steinberg, einer der renommiertesten amerikanischen Reproduktionsmediziner und Arzt an den Fertility Institutes in Los Angeles und New York, garantiert seinen Kunden mit Hilfe dieser Methode ein Baby mit dem gewünschten Geschlecht – und macht damit ein Millionen-Geschäft. Pro Jahr sorgt der Mediziner so für rund 420 Babys mit Wunschgeschlecht. „Für viele Patienten gehört es zum Lifestyle, die Familie geschlechtlich auszubalancieren“, erzählt der Reproduktionsmediziner der Frankfurter Allgemeinen. Auf Englisch hat dieses „Ausbalancieren“ übrigens auch schon einen Namen: „family balancing“.

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In Deutschland verboten

In Deutschland ist die Trennung menschlicher Spermien nicht erlaubt. Und auch wenn die Präimplantationsdiagnostik (die auch nur in Ausnahmefällen erlaubt ist) schon zu Beginn einer Schwangerschaft, beziehungsweise schon vor dem Einsetzen des Embryos, die Geschlechtsbestimmung möglich machen würde, dürfen Mediziner vor der 12. SSW nicht sagen, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen wird. Bis also die Frist für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch abgelaufen ist, ist die Bekanntgabe des Geschlechts ausdrücklich verboten.

Viele deutsche Paare suchen deshalb den Weg ins Ausland oder probieren natürliche Methoden, um das Geschlecht ihres Nachwuchses zu beeinflussen.

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Es gibt sie wirklich: Methoden bzw. Umstände, die beeinflussen, ob Sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommen.


Die negativen Folgen der Geschlechtsselektion

Geschlechtsselektion ist unter anderem in Teilen der USA, in Zypern, in Mexiko, Thailand, der Ukraine und seit 2013 auch in der Schweiz legal.

In anderen Ländern wird die Geschlechtsselektion zum Urlaubsziel oder das Geschlecht wird auf illegale Weise bestimmt – wie es in Indien häufig der Fall ist. Seit 1994 ist es dort Medizinern eigentlich untersagt das Geschlecht eines Fötus der schwangeren Frau zu enthüllen. Trotzdem sind Abtreibungen weiblicher Föten in den letzten Jahren immer häufiger geworden. Genauso wie in China, wo die gezielte Reagenzglas-Befruchtung auf eine Ein-Kind-Politik traf. In beiden Ländern entwickelte sich bereits ein demografisches Ungleichgewicht. In beiden Ländern sind es weibliche Embryos, die häufiger abgetrieben werden. In beiden Ländern sind es immer noch Frauen, die gesellschaftlich benachteiligt und deshalb weniger „gewollt“ werden. In beiden Ländern herscht ein massiver Frauenmangel.

Dies hat zur Folge, dass sich rapide ein bedeutendes Ungleichgewicht in der Gesellschaft herausbildet. In Indien gibt es heutzutage beispielsweise etwa 50 Millionen mehr Männer als Frauen. Das bedeutet nicht nur, dass, wenn das aktuelle Niveau der Geschlechterselektion bestehen bleibt, fast 10 Prozent der indischen Männer im Alter von 50 Jahren bald alleinstehend sein werden, sondern auch dass heute schon Gewalt, Vergewaltigungen, Kinderehen und sexuelle Belästigungen rasant zunehmen.
Das Unplanbare planbar machen
Angesichts dieser Tatsachen stellt sich die Frage der ethischen Bedeutung der Geschlechtsselektion. Möchte man die Bevorzugung des einen Geschlechtes zu Lasten des anderen wirklich fördern? Noch dazu, wenn es zu gesellschaftspolitischen Konsequenzen wie in China oder Indien führen könnte?

Andererseits, warum sollte das Geschlecht kein Selektionsgrund sein? Was macht überhaupt einen „guten“ Selektionsgrund aus? Ist es gerechtfertigt einem Embryo mit Behinderungen weniger Wert beizumessen als einem gesunden? Müssten wir, wenn wir Geschlechterselektion hinterfragen, nicht auch den generellen Drang zum Perfektionismus hinter der immer mehr ausdifferenzierten Fortpflanzungsdiagnostik ebenso hinterfragen?

John Steinberg bezeichnet sich übrigens selbst als „Assistent Gottes“, der Hand in Hand mit ihm arbeitet, aber nicht selber „Gott spielt“. In der Tat ist der Mediziner für viele Familien wohl eine Art Heilbringer, der einen Jungen oder eine Tochter liefert, wenn die Natur nicht mitspielen konnte. Denn wie sehr die betroffenen Eltern wirklich darunter leiden, keinen Sohn oder keine Tochter auf die Welt zu bringen, können nur die Eltern selbst wissen. Wäre es deshalb nicht anmaßend über das Leid dieser Eltern zu urteilen?

Trotzdem: Die Bestimmung des Geschlechts, die Vorselektion des Embryos, dies alles scheint dazu da zu sein, die eigenen Phantasien und Glaubenssätze erlebbar zu machen. „Der Sohn wird sich später mal um uns kümmern und das Geschäft übernehmen, die Tochter wird dagegen weggehen.“ „Mein Mädchen kann ich rosa anziehen und zu meiner besten Freundin machen, für Jungssachen interessiere ich mich nicht.“ Als wäre es möglich, den Lebenslauf des Kindes schon vorherzubestimmen. Das Unkontrollierbare vorhersagbar, gar kontrollierbar zu machen.

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von Nicole Metz




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