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Annalena Baerbock im Interview: "Wir stellen Kinder ganz klar in den Mittelpunkt von Politik."

Annalena Baerbock im Interview: "Wir stellen Kinder ganz klar in den Mittelpunkt von Politik."

Exklusiv-Interview

Wir haben die Kanzlerkandidat*innen zum Gespräch gebeten, um über die Themen zu reden, die im allgemeinen Wahlkampf viel zu oft auf der Strecke bleiben. In unseren Interviews haben wir einen Blick auf Familien, auf Kinder und darauf, wie die Parteien die nächsten vier Jahre im Sinne der Familienfreundlichkeit gestalten wollen. Annalena Baerbock von den Grünen weist im Interview auf Versäumnisse der aktuellen Regierung während der Pandemie hin und bekennt sich klar dazu, dass Deutschland noch sehr viel kinderfreundlicher werden muss. Wie das ihrer Meinung nach mit den Grünen gelingen kann? Erklärt sie im Interview!

Frau Baerbock, warum sollten Familien die Grünen wählen? Was unterscheidet Ihre Familienpolitik von der einer SPD oder einer CDU?

Annalena Baerbock: Wir stellen Kinder ganz klar in den Mittelpunkt von Politik. Es darf einfach nicht sein, dass Kinder und Jugendliche in der Pandemie monatelang solidarisch sind, über 1,5 Jahre kaum Kita oder Schule von innen sehen, und immer wieder von der Politik vergessen werden. Es braucht eine Politik, die Kinder, und zwar alle Kinder, mitdenkt. Das betrifft ganz viele Bereiche.

Wir wollen in den kommenden Jahren investieren - in Schulen, Sporthallen, Schwimmhallen. Und wir wollen Familien besser unterstützen, finanziell, aber auch durch gute Bildung und Betreuung in Schulen und Kitas. Union und SPD haben in der Pandemie die Bedürfnisse von Familien, Kindern und Jugendlichen oft einfach vergessen. Das will ich ändern. Ich möchte, dass Deutschland ein familienfreundliches Land wird, in dem Kinder willkommen sind.

Das heißt auch, die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zu stärken, was vielen Eltern - häufig den Müttern - nach wie vor zu schwer gemacht wird. Wir setzen uns im Gegensatz zu anderen Parteien dafür ein, dass die partnerschaftliche Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit leichter wird. Dafür wollen wir starre Vollzeitmodelle aufbrechen und es Arbeitnehmer*innen ermöglichen, ihre Wochenarbeitszeit flexibler zu gestalten. So entlasten wir Familien und schaffen mehr Freiraum.

Stellen wir uns vor, Sie wären während der Pandemie Kanzlerin gewesen. Was hätten Sie anders gemacht im Vergleich zur aktuellen Regierung?

Kinder, Jugendliche und ihre Familien haben zum Schutz aller in den vergangenen Monaten auf Vieles verzichtet und mit Vorsicht und Umsicht Enormes geleistet. Deshalb ärgert es mich, wenn wir jetzt wieder in einen ungewissen Herbst für die Kinder gehen. Wo blieb der Zukunftsgipfel für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit auf dem Bund, Länder und Kommunen, Schul- und Jugendhilfeträger, Kinder- und Jugendverbände, bis hin zu Jobcentern und Jugendberufsagenturen Maßnahmen und strukturelle Veränderungen beschließen?

Wo sind die Luftfilter in den Schulen, oder klare Vorgaben und Unterstützung des Bundes bei Teststrategien? Auch beim Impfen müssen wir vorankommen. Stattdessen wurde die Bundesregierung sogar von der Menschenrechtskommissarin dafür ermahnt, einen besonders harten Corona-Kurs gegenüber Kindern zu fahren und ihre Rechte nicht genügend zu verankern. Ich glaube, die Bundesregierung hat die Augen zu lange verschlossen vor den negativen Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche und Familien. Wir müssen sie mehr unterstützen.

Ich möchte, dass Deutschland ein familienfreundliches Land wird, in dem Kinder willkommen sind.

Annalena Baerbock, Bündnis 90 / Die Grünen

Was möchten Sie als Kanzlerin tun, um Familien stärker finanziell zu entlasten?

Wir wollen eine Kindergrundsicherung für alle Familien einführen, damit alle Kinder in Deutschland gut aufwachsen können. Zudem planen wir ganz konkrete Hilfen durch die Ausweitung des Kinderkrankengeldes oder die Flexibilisierung des Elterngeldes. Wir müssen auch mehr für Alleinerziehende tun: Sie leisten enorm viel und brauchen deshalb Unterstützung. Statt eines Steuerfreibetrags, der nur wenigen Gutverdienenden zu Gute kommt, möchten wir sie durch eine Steuergutschrift unterstützen.

Abgesehen von dieser finanziellen Entlastung ist es wichtig, Familien den Alltag zu erleichtern. Es braucht gute und verlässliche Kinderbetreuung und die Möglichkeit Erwerbsarbeit und Familie besser zu vereinbaren, damit Eltern und besonders die Mütter entlastet werden.

Ich habe neulich mit dem Arche-Gründer Bernd Siggelkow ein sehr eindrückliches Interview geführt, in dem es vor allem um Kinder von einkommensschwache Familien und Alleinerziehende ging. Die werden eben leider nicht wie die Zukunft unseres Landes behandelt, sondern wie eine Privatangelegenheit, für die man allein verantwortlich ist. Was wollen Sie konkret tun, um Kinderarmut zu bekämpfen?

Man muss sich das mal vorstellen: in unserem reichen Land lebt jedes fünfte Kind in Armut. Unzählige Mütter oder Väter können mit ihrem Kind nicht ins Schwimmbad oder ins Kino gehen oder nach der Schule mal gemeinsam ein Eis essen. Für die Kinder heißt das oft auch: Ausgrenzung, Diskriminierung und schlechtere Bildungschancen. Deshalb brauchen wir eine Kindergrundsicherung, die unkompliziert an jede Familie ausgezahlt wird.

Kinder in Familien mit geringen oder gar keinem Einkommen bekommen zusätzlich einen GarantiePlus-Betrag. Je niedriger das Familieneinkommen, desto höher ist dieser Betrag. So helfen wir Familien und Kindern ganz konkret, damit Zukunftschancen in unserer Gesellschaft nicht von der Herkunft abhängen.

Sie kennen als eine der wenigen Politiker*innen den täglichen Struggle, den viele Familien durchleben, wenn es um das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Was müsste sich ändern, damit Familie und Beruf eben wirklich miteinander vereinbar sind und nicht, wie im Moment, für viele Eltern ein Zermürben zwischen verschiedenen Ansprüchen bedeutet. Auch das abgehängt werden im Beruf spielt in diese Frage natürlich mit rein.

Stimmt. Gerade die Corona-Pandemie hat deutlichst gezeigt, wie viel Frauen quasi selbstverständlich leisten: Meist waren sie es, die neben dem Homeoffice die Kinder betreut oder “mal eben” Mathe, Englisch und Biologie im Homeschooling unterrichtet haben. Und es waren dann oft auch die Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit noch mehr reduziert haben, mit allen negativen Folgen für ihre eigene Absicherung.

Und das schlicht, weil es einfach nicht anders zu schaffen war. Deshalb stärken wir mit unseren familienpolitischen Instrumenten eine partnerschaftliche Aufteilung der Familienarbeit. Denn wenn beide Partner arbeiten, ist das der beste Schutz vor Armut und Abhängigkeit.

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist daher richtig und wichtig. Aber es braucht auch eine Qualitätsoffensive, denn nur wenn Eltern ihr Kind gut betreut und gefördert wissen, können sie sich guten Gewissens ihrer Erwerbstätigkeit widmen. Und Eltern brauchen mehr Flexibilität. Wir brauchen eine verlässliche Kinderbetreuung, auch an den Randzeiten. Das geht Hand in Hand mit mehr Wertschätzung für den Beruf der Erzieherin, des Erziehers und besseren Personalschlüsseln.

Danke für das Interview, Frau Baerbock.

Euch liegt Female Empowerment am Herzen? Dann findet ihr in diesem Video vielleicht noch ein paar Anregungen:

Ihr wollt wissen, was die CDU zur Familienpoltik zu sagen hat? Dann lest das Interview mit Silvia Breher vom Zukunfsteam Laschet

Disclaimer: Wir haben alle drei Kanzler*inkandidat*innen für Interviews zur Familienpoltik ihrer Parteien angefragt. Wir sprachen mit Silvia Breher für die CDU, Annalena Baerbock stimmte einem schriftlichen Interview zu. Unsere Anfrage an Olaf Scholz blieb trotz mehrmaliger Nachfrage unbeantwortet.

Bildquelle: getty images / Getty Images Europe / Pool / Auswahl
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