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"Ich wünsche mir, dass Kinder wie Könige behandelt werden" – Bernd Siggelkow von der Arche im Interview

"Ich wünsche mir, dass Kinder wie Könige behandelt werden" – Bernd Siggelkow von der Arche im Interview

Exklusiv-Interview

Bernd Siggelkow, Leiter und Gründer von "Die Arche" kennt sich mit Kinderarmut aus. 1995 gründete der ehemalige Jugendpastor das christliche Kinder- und Jugendwerk. In seinem neuen Buch "Kindheit am Rande der Verzweiflung" zeigt er die fatalen Folgen vom Lockdown und der Isolation der Kinder auf. Für ihn ist klar: Das, was Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien an Erfahrungen machen mussten, kann lebenslange Folgen haben. Wir haben ihn zum Exklusiv-Interview getroffen.

Herr Siggelkow, mit "Kindheit am Rande der Verzweiflung" haben Sie ein Buch geschrieben, das allen, die vielleicht weniger Berührungspunkte mit sozialer Benachteiligung haben, weh tut.

Mein Buch ist eine große Kritik an einem System, das meiner Meinung nach kollabiert ist. Es hat gezeigt, wie abgehängt unsere Kinder eigentlich sind. Natürlich macht mich das auf der einen Seite wütend, aber auf der anderen Seite zeigt es mir, dass wir Wege finden müssen, Probleme anzupacken. Wir von der Arche kämpfen seit 25 Jahren gegen Kinderarmut und als ich 2020 die Arche schließen musste, da hat mir das Herz geblutet. Ich dachte immer, ich schaffe ein Paradies für Kinder, in dem sie unbeschwert leben können und dann musste ich dies zu machen. Es ist so unfassbar frustrierend, deswegen gibt es dieses Buch. Vielleicht rüttelt das ja einige Menschen wach.

Wie haben Sie die Zeit des Lockdowns in der Arche erlebt?

Wir haben es innerhalb weniger Stunden geschafft, eine virtuelle, digitale Arche zu organisieren, die krisenfest ist. Wir waren immer bei den Menschen und das hat mir Hoffnung gemacht. Die Familien hatten in der Zeit niemanden.

Wir hatten vorher schon eine sehr rege Elternarbeit, haben z. B. unangemeldete Besuche gemacht. Dadurch hatten wir auch vor dem Lockdown schon einen besseren Einblick in die Familien, als Jugendämter das haben. Aber jetzt war es nochmal anders, wir waren in einer Gummibandsituation, die Probleme der Menschen waren so unglaublich, dass sie es nun auch nachts gewagt haben, uns anzurufen. Das war vorher nicht so. Das Vertrauen ist gewachsen, weil sie gesehen haben, das Hilfesystem ist kollabiert, keiner ist für uns da, aber die Arche ist es. Dadurch haben wir auch noch mal einen anderen Einblick bekommen als das vorher der Fall war.

Warum meldeten sich die Familien denn bei Ihnen?

Plötzlich ging es nicht nur um moralischen Beistand. Wir haben Eltern erlebt, die am Rand der Verzweiflung standen, weil sie gemerkt haben, ich schaffe das Homeschooling nicht, ich schaffe die Digitalisierung nicht. Ich schaffe es nicht, meinem Kind eine gute Mutter zu sein, auch wenn ich Vorbild sein will. Das waren außergewöhnliche Situationen, die auch unseren Horizont noch mal erweitert haben.

Machen Sie die Umstände, in denen Kinder groß werden, manchmal wütend?

Wir kümmern uns um eine staatliche Pflichtaufgabe, die der Staat nicht leistet. Wenn man zurückblickt auf 2015, da kamen mehr als 1 Million Geflüchtete nach Deutschland. Wer hat die aufgefangen? Die Politik oder die ehrenamtlichen Helfer? Wenn unser Land nicht aus Ehrenamt bestehen würde, dann wären wir überrannt worden. Und so ähnlich ist es mit der Arche. Wenn wir die Arche heute schließen würden, dann würde das Jugendamt kollabieren, weil sie nicht in der Lage wären, die Probleme, die sie gar nicht kennen, weil wir sie schon im Vorfeld beseitigen, zu lösen. Es wäre hier das blanke Chaos. Wir verlassen uns in unserem Land auf Menschen die ein gutes Herz haben und etwas bewegen.

Gehen die politischen Maßnahmen für sozial schwache Familien nicht oft an den Belangen von diesen vorbei?

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Bei der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, da weiß niemand so genau, wer da eigentlich drin sitzt und die, die da drin sitzen, haben in ihrem Leben vermutlich noch nie ein benachteiligtes Kind gesehen. So ähnlich ist es mit den meisten Politiker*innen. Da werden Entscheidungen und Gesetze gemacht, ohne ein Kind zu fragen. Da werden Sachen aufgeschrieben, die gehen an den Menschen vorbei.

Könnten Sie da vielleicht ein konkretes Beispiel nennen?

Gern. Es gibt Hilfehotlines, die zu normalen Bürozeiten zu erreichen sind. Scheinbar gibt es ab 19/20:00 Uhr keine Probleme mehr in Deutschland. Oft sind solche Nummern auch nur erreichbar für diejenigen Kinder, die Geld auf dem Smartphone haben. WhatsApp wird wegen Datenschutzgründen nicht genutzt. Als ich das mal recherchiert habe, da ist mir noch mal klar geworden, dass die Gesetzmäßigkeit für Kinderschutz überhaupt nicht überlegt ist.

Die Arche ist 24 Stunden erreichbar, uns erreicht man auch per WhatsApp. Natürlich sagen diese Nummern dann, wir haben nicht genug Geld, nicht genug Ehrenamtliche. Das mag ja alles sein. Aber ich habe mir gesagt, ich will helfen. Und dann kann ich nicht sagen, ich bin um 3:00 Uhr nicht mehr erreichbar. Da kann ich nicht, wenn ein Kind sich das Leben nehmen will sagen: Da ist jetzt die Polizei zuständig. Natürlich bin ich jetzt sehr drastisch. Aber Kinder wenden sich nicht an die Polizei in solchen verzweifelten Momenten, sondern an Vertraute. Und die müssen erreichbar sein.

Aber nur durchgehend erreichbare Hilfehotlines allein reichen ja für den Kinderschutz und die Unterstützung von benachteiligten Kindern allein überhaupt nicht aus, oder?

Es fehlen uns natürlich nicht nur die kostenlosen Telefonnummern, es fehlen uns Organisationen und Personen, die den Menschen bekannt sind und denen sie vertrauen. Das kann Politik nicht leisten. Aber Politik kann dafür die Rahmenbedingungen. Das macht sie aber eben auch nicht. Eine meiner Forderungen ist deswegen, den Kinderschutz durchlässiger zu machen.

Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel: Eigentlich hätte in jedem Fernsehsender während des Lockdowns so ein Abbinderstreifen laufen müssen, wie es bei 9/11 der Fall war. Auf diesem hätten rund um die Uhr Sorgentelefonnummern eingeblendet werden müssen, damit Menschen wissen, wohin sie sich in ihrer Verzweiflung wenden können. Die Politik hätte das einfordern können. Hat sie aber nicht.

Für die Kinder wäre auch eine ganz einfache Nummer, die sich jeder merken kann, wichtig. Die würde dann z. B. jeden Morgen in der Schule wiederholt werden, so dass die Kinder sie kennen. Aber das geht in dieser Gesellschaft nicht um unsere Kinder und das macht mich traurig.

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Wieso sind wir eigentlich immer so schnell mit unseren Vorurteilen? Gerade bei einkommensschwachen Familien gibt es ja häufig viele Vorurteile, die diesen Familien auf den Kopf zugesagt werden, ich denke da an "Du hättest ja nicht so viele Kinder bekommen müssen". Warum schieben wir die Schuld so ab?

Wir sind es gewohnt, in unserem Land zu urteilen, aber nicht nach der Geschichte zu fragen. Früher hat man immer gesagt, sozial benachteiligte Menschen bekommen viele Kinder, weil sie dann viel Kindergeld bekommen. Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass ein Hartz IV-Empfänger gar kein Kindergeld bekommt.

Sie denken, die Menschen bekommen einen Satz und das Kindergeld obendrauf. Das stimmt aber nicht, sie bekommen das Kindergeld angerechnet auf den Hartz IV-Satz. Das Kindergeld sind ungefähr 200 €, die Menschen bekommen aber insgesamt für ihre Kinder nur 250 €, da ist das Kindergeld mit drin.

Man fragt im Übrigen auch nicht, wieso hat eine alleinerziehende Mutter vier Kinder von vier unterschiedlichen Männern. Man fragt nicht, was sie selbst erlebt hat. Viele dieser Frauen, das erlebe ich hier in Marzahn-Hellersdorf sehr häufig, haben als Kinder keine Liebe erfahren und wünschen sich schon in sehr jungen Jahren Kinder, um Liebe zu spüren. Und wenn der erste Mann sie verlässt, dann bekommen sie mit dem nächsten vielleicht ein Kind, um ihn zu halten.

Aber würde denn nach Ihrer Einschätzung eine Erhöhung der Hartz IV-Sätze wirklich so viel ändern?

Es ist nicht nur das Geld, was den Menschen letztendlich fehlt. Ich denke schon, dass die Hartz IV-Sätze erhöht werden müssten, schon allein wegen der Lebenshaltungskosten. Aber es braucht mehr als das. Den Menschen fehlt Würde und Anerkennung. Und wer gibt ihnen die? Wo gibt es existenzsichernde Arbeitsplätze für alleinerziehende Mütter? Wo gibt es denn Möglichkeiten für Familien, Förderung fürs Homeschooling zu bekommen?

Denken wir in der Gesellschaft überhaupt darüber nach, welches riesengroße Problem in den nächsten 20-30 Jahren auf uns zukommt? Ich nenne mal die Altersarmut der Alleinerziehenden. Darüber spricht heute kaum jemand, dabei sind drei Viertel der Alleinerziehenden von Armut betroffen. Es bedeutet doch automatisch, dass mit Blick auf die Rente da ein riesiges Problem auf uns zukommen wird. Darüber redet niemand, auch die Politik nicht. Stattdessen verurteilen wir, stecken die Leute in Schubladen und sagen: "Selber Schuld".

Eigentlich müsste man in unserer Gesellschaft belohnt werden, wenn man viele Kinder hat. Aber in Deutschland sind Kinder ein unkalkulierbares Armutsrisiko. Deswegen sterben wir so langsam aus.

Viele Menschen empfinden das Teilhabepaket als eine Errungenschaft für einkommensschwache Familien. Für viele klingt das nach viel Geld. In Ihrem Buch rechnen Sie aber vor, wie wenig 150 € in der Realität sind. Wieso ist dieses Vorrechnen nötig?

150 € sehen im ersten Moment viel aus. Aber selbst wenn der Sportverein nur 10 € im Monat kostet, dann habe ich 120€ im Jahr für den Beitrag ausgegeben. Da bleiben noch 30 € übrig. Aber wer zahlt denn die Sportschuhe? Oder die Reisen zu den Wettkämpfen? Wer zahlt im Musikunterricht für das Instrument? Außerschulische Nachhilfe dürfte kein Geld kosten, wenn wir unsere Kinder entsprechend fördern wollen. 8,53 € ist der Satz, den die Schülerhilfe pro Stunde verlangt. Da reichen dann 150€ für 14 oder 15 Stunden im Jahr! Das reicht doch bei weitem nicht aus, um ein Kind individuell zu fördern.

Stichwort Kindergrundsicherung, Sie fordern 600 € pro Kind. Wie genau soll das den Kindern denn helfen?

Das ist keine Zahl von uns, die kommt von den Kinderschutzorganisationen. Die fordern allerdings, dass das Geld in die Familie gegeben wird, damit das Kind sozusagen ein eigenes Einkommen hat. Das sehe ich etwas differenzierter, weil wir die Menschen ja kennen. Selbst wenn es eine Erhöhung gibt, wird das Geld immer erst genutzt, um Löcher zu stopfen. Wenn ich heute der Familie 200 € mehr fürs Kind gebe und der Kühlschrank geht kaputt, dann kaufen sie davon natürlich erstmal einen Kühlschrank. Aber das Geld kommt dann eben nicht dem Kind zugute. Deswegen sage ich: Halb und Halb, die Hälfte in die Familie, die Hälfte ins Bildungssystem. Es ist einfach so: Wenn ich heute Geld in die Hand nehmen kann um damit das Bildungssystem zu verändern, dann werde ich letztlich auch jedem einzelnen Kind etwas Gutes tun.

Letztendlich braucht es natürlich auch mehr Geld für die Kinder Zuhause. Ein Beispiel: Hartz IV oder Transferleistungen zahlen die Schulbücher, aber sie zahlen die anderen Dinge nicht. Nicht den Schulranzen, nicht die Arbeitsmaterialien. Das kostet aber auch alles Geld.

Und was oft vergessen wird: Wer Kinder hat, der hat auch höhere Betriebskosten zu Hause. Das Amt zahlt die Miete. Aber die Betriebskosten, wer übernimmt die nach einem Jahr zu Hause? Was kommen da für Nachzahlungen auf Familien zu? Da Geld aus dem Bildungs- und Teilhabepaket kann dafür nicht verwendet werden. Kinder kosten Geld, aber sie müssen uns auch Geld kosten, weil wir von der Zukunft der Gesellschaft reden. Wenn sie nicht schon jetzt unsere Gegenwart sind, dann wird es in der Zukunft düster aussehen.

Aber sind Kinder unsere Zukunft? Niemand investiert doch in sie!

Eine meiner Kernaussagen ist ja: Kinder sind nicht die Zukunft, das ist Unsinn. Kinder sind erstmal die Gegenwart. Wir verblenden doch unseren Blick, wenn wir sie nur in der Zukunft sehen und nicht im Moment. Das ist ja der Fehler, den wir in der Gesellschaft gerade machen. Wir blicken auf die Zukunft, die haben wir aber nicht, weil wir nicht in der Gegenwart investieren. Wir setzen so viele Dinge voraus.

Wer leistet eigentlich Hilfe für all die Kinder, die nicht gut durch den Lockdown gekommen sind?

Alle sagen: Kinder stellen sich über Nacht um, die gehen jetzt wieder in die Schule und die letzten anderthalb Jahre sind vorbei. Das ist definitiv nicht so. Das können nur Menschen sagen, die entweder keine eigenen Kinder haben oder nie richtig hingeguckt haben. Niemand leistet Hilfe. Unsere Psychologen und Psychologinnen nehmen nur noch Kinder auf, die hochgradig suizidgefährdet sind, weil die einfach überrannt werden.

Und es ist ja auch nicht alles vorbei, es macht doch jetzt immer noch was mit den Kindern. Als Beispiel: Jetzt haben die Kinder theoretisch wieder Schule und Sport. Und wann wird getestet? Während des Sportunterrichts. Kinder brauchen Bewegung, sie brauchen den Ausgleich. Viele hatten das jetzt anderthalb Jahre nicht.

Wenn Erwachsene anderthalb Jahre krank sind oder aus dem Beruf raus waren, dann gehen sie nicht normal wieder arbeiten. Die werden mit dem Hamburger Modell ganz langsam wieder an den Arbeitsmarkt herangeführt. Mal drei, mal vier Stunden. Von unseren Kinder erwartet man über Nacht, dass sie sofort wieder fünf Stunden in der Schule stillsitzen können. Auch von den jetzigen Zweitklässlern, die nie wirklich Unterricht hatten. Die wurden während Corona eingeschult und haben Lehrerinnen und Mitschüler nie richtig gesehen, die sollen das von heut auf morgen leisten. Es geht alles am Kind vorbei. Keiner kümmert sich um die Kinder, niemand.

Was halten Sie eigentlich von diesen Aufholprogammen, die die Politik verabschiedet hat, Stichwort Ferienschule?

Es gibt Kinder, die sind gut dadurch gekommen. Aber es gibt auch die anderen. Wie viele hunderttausende Kinder sind jetzt auf der Strecke geblieben? Die laufen in der Klasse mit und sind die Versager von morgen. Wer fängt das auf? Wenn es jetzt schon an den Grundlagen hapert?

Diese Ferienschulen sind eine Bestrafung für benachteiligte Kinder. Sie werden bestraft, weil sie nicht genug gefördert werden, weil sie sich keine Nachhilfe leisten können. Und dann sollen sie auch noch die Klasse wiederholen. Die Kinder werden zu all dem gedrängt, weil wir nicht in der Lage sind, die Kinder entsprechend zu fördern.

Sie schreiben in "Kindheit am Rande der Verzweiflung" auch über die schockierenden Statistiken, die zeigen, wie viele Kinder während des Lockdowns von Gewalt und sexuellen Übergriffen betroffen waren. Wie schaffen wir es, an diesen Statistiken etwas zu ändern?

Indem man Menschen bewusst macht, was es mit den Kindern macht. Vor 20 Jahren kam der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesrepublik raus. 1,2 Millionen Menschen lebten damals in finanzieller Armut. Da gab es ein kurzes Aufhorchen, vielen wurde zum ersten Mal bewusst, dass es Armut in Deutschland gibt. Inzwischen haben sich die Armutszahlen verdreifacht und wir haben nichts daraus gelernt.

2005 gab es Jessica, das erste Kind, das offiziell an den Folgen von Verwahrlosung gestorben ist. Heute sterben 1-2 Kinder pro Woche daran. Was hat sich geändert? Nichts! Es kommt immer mal wieder ein Aufflackern in den Medien und es ändert sich nichts. Wir sind eine schnelllebige Gesellschaft geworden. Es interessieren uns vielleicht auch noch mehr die negativen Nachrichten. Aber wir sind es gewohnt, dann zur Tagesordnung überzugehen. Es berührt uns nicht.

Ich habe in meinen Leben in der Arche sechs Kinder beerdigt, das wird mich nie wieder loslassen. Aber solange es nichts mit dem Leben der Leser und Leserinnen zu tun hat, wird das Thema auch nur ein Aufflackern in den Medien sein.

Sie schreiben, dass wir auf dem Weg sind, ein Land von Egoisten zu werden. Stirbt dann nicht irgendwann auch das Ehrenamt aus?

Ich glaube, wenn wir genug Vorbilder hätten, dann würde es auch mehr Menschen geben, die sich mehr motivieren lassen. Da wir in der Gesellschaft aber immer mehr erkalten, wird es auch schwieriger, Vorbilder zu haben, an denen sich Menschen orientieren. Wenn wir die Vorbilder haben, dann wird es auch Ehrenamt geben. Dann treten Menschen in diese Fußstapfen von denen, die mutig voran gingen. Wenn wir nicht nur alles immer nur aus Wirtschaftlichkeit machen, nur dann kann Solidarität wieder wachsen.

Aber gleichzeitig gilt auch, dass man sich nicht nur aufs Ehrenamt verlassen darf. Das tut aber im Moment auch die Politik.

Ist Ihre Arbeit für Sie belastend?

Definitiv. Während des Lockdowns war nach dem Aufwachen der erste Griff immer der zum Telefon um zu gucken, ob irgendein Kind gestorben ist. Mich weckt eigentlich nichts, aber bei einem Anruf auf meinen Handy bin ich sofort hellwach. Man stellt sich selbst da in eine große Verantwortung. Niemand kann die ganze Welt retten, aber ich kann zumindest dafür sorgen, dass es meinem Umfeld gut geht.

Was kann denn der Einzelne tun, wenn er jetzt sagt, ich möchte helfen?

Wir müssen als Gesellschaft lernen, kinderfreundlicher zu sein. Diese Anonymität zwischen Erwachsenen und Kindern ist ein großes Problem. Das schadet der Kindheit. Erwachsene müssen Kinder bemerken und sich ihnen zuwenden. Wenn ein Kind Verletzungen hat, dann sollte man es darauf ansprechen und nicht einfach dran vorbei gehen. Man darf auch die Polizei rufen, das kann helfen. Das zeigt ja auch ein Interesse an Kindern generell.

Was auch wichtig ist: Es gibt so viele Menschen, die Unterstützung brauchen. Wir alle haben doch Nachbarn. Niemand muss jemanden zu sich einladen, aber man kann ja kreativ werden, um andere Familien zu unterstützen. Wir müssen aufhören, immer nur an uns selbst zu denken.

Wenn Sie sich alles wünschen dürfen, was wäre es?

Ich wünsche mir, dass Kinder wie Könige behandelt werden.

Ist unsere Familie ein gutes Team?

Mein Fazit

Das Interview mit Bernd Siggelkow hat mich sehr nachdenklich zurückgelassen. Ich habe zwar nie gedacht, dass 150 € Teilhabe eine große Summe Geld wären, aber wie wenig Kinder damit im Endeffekt unterstützt werden können, wurde mir erst durch Siggelkows Buch klar.

Natürlich ist das ignorant, ich nehme mich da gar nicht aus. Aber so muss es ja nicht weitergehen. Wir alle können, wie der Arche-Gründer ganz richtig sagt, etwas tun. Damit meine ich nicht ausrangierte Kleidung oder Spielzeug spenden, das hilft, aber ist vielleicht nicht der erste Schritt. Aber auf andere zugehen, ihnen Hilfe anbieten, das ist es, was den größeren Impact hat. Und das können wir wirklich alle leisten.

Bildquelle: Die Arche

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