Loslassen lernen: Wie Eltern das Empty-Nest-Syndrom besiegen

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Loslassen lernen: Wie Eltern das Empty-Nest-Syndrom besiegen

Die erwachsen gewordenen Kinder loslassen zu lernen, ist für Eltern ein schwerer Schritt. So schwer, dass die Wissenschaft den Folgen des Verlustgefühls sogar einen Namen gegeben hat: Empty-Nest-Syndrom. Wir haben Tipps dagegen.

Noch ein Abschiedskuss und dann heißt es "Tschüss, Hotel Mama, Hallo eigenes Leben!" Loslassen lernen ist für die meisten Eltern gar nicht leicht.

Es fühlt sich seltsam an: Vor gar nicht allzu langer Zeit lag eure Tochter oder euer Sohn noch friedlich in euren Armen, tobte ausgelassen durch Wald und Wiesen und spielte seelenruhig mit Bauklötzen im Kinderzimmer. Und jetzt stehen da auf einmal die gepackten Umzugskartons, der neue Freund oder die neue Freundin helfen fleißig beim Beladen des Umzugsautos. Die erste eigene Wohnung, vielleicht sogar in einer neuen Stadt oder einem anderen Land, weit weg von euch. Wenn Kinder zuhause ausziehen, ist das für viele Eltern eine enorme Umstellung, bei der Freude und Trauer zusammenspielen. Auf der einen Seite seid ihr stolz zu sehen, dass euer Kind erwachsen wird und ihr es geschafft habt, dass es nun auf eigenen Beinen stehen und selbstständig durchs Leben gehen kann. Dazu gewinnt ihr viele Freiheiten!

Auf der anderen Seite hat euer Kind vielleicht 18 Jahre lang bei euch gelebt und ordentlich Schwung in die Bude gebracht. Überall in der Wohnung oder im Haus hängen Erinnerungen, ob es die alten Kritzeleien aus dem Kindergarten sind, die noch am Kühlschrank hängen, die Fotos an der Wand, die die Verwandlung vom kleinen Schreihals zum erwachsenen Menschen dokumentieren, ob es Kratzer im Boden oder Farbkleckse an der Tapete sind. Dazu gesellen sich Ängste, was eurem Noch-Teenager alles passieren kann, wenn er nun auf sich allein gestellt ist und Sorgen, welche Fehler er machen könnte. Und einfach die Tatsache, dass ihr auf einmal nicht mehr automatisch am täglichen Leben eures Kindes teilhabt, wie es bis vor kurzem so selbstverständlich war. Loslassen lernen ist schwer. Viele Eltern überkommen starke Verlustgefühle, die auch als Empty-Nest-Syndrom bezeichnet werden. Wir haben für euch ein paar Aufmunterungen und Tipps zusammengestellt, die beim Loslassen lernen helfen können.

Wenn Eltern nicht loslassen können: Empty-Nest-Syndrom

Loslassen lernen fällt vielen Eltern nicht leicht. Doch irgendwann, bei den einen nach ein paar Wochen, den anderen nach ein paar Monaten, gewöhnt ihr euch an die neue Situation und werdet die Vorteile, die dadurch entstehen, zu schätzen lernen. In manchen Fällen wird der Trennungsschmerz jedoch extrem und erscheint unüberwindbar, das Empty-Nest-Syndrom stellt sich ein. Nicht selten bleibt Eltern jahrelang wenig Zeit für ein Leben außerhalb der Elternrolle - eine Tatsache, die sich oft erst jetzt bemerkbar macht und ihr euch dabei ertappt, dass ihr euch lange Zeit vor allem über eure Kinder definiert habt und eure Identität erst wieder neu finden müsst.

Solche Eltern kompensieren den Verlust manchmal mit ständigen Anrufen und werfen mit wilden Ausreden für Besuche oder Einladungen um sich. Es dürfte wohl kein Geheimnis sein, dass junge Erwachsene dieses Festhalten ihrer Eltern wenig erfreut. Schließlich sind sie jetzt an einem Punkt in ihrem Leben angelangt, an dem sie ihren eigenen Platz in der Welt finden möchten. Anrufe, Aufforderungen, nach Hause zu kommen, WhatsApp-Nachrichten und Co. sind im Endeffekt viel schädlicher für eure Beziehung zueinander, als wenn ihr euch mal ein paar Wochen nicht seht und hört. Erst recht, wenn ihr euren Kindern Vorwürfe macht, wenn sie sich zu selten melden. Gebt euren Kindern den Freiraum, den sie sich wünschen. Wenn sie eine Zeit lang ohne euch auskommen möchten, tut das weh, solltet ihr es aber akzeptieren. Das Ablösen dürft ihr nicht zu persönlich nehmen. Versucht euch eher, darüber zu freuen, dass euer Kind sehr selbstständig ist. Loslassen lernen heißt Vertrauen beweisen.

Die Aufmunterung: Eure neuen Freiheiten, wenn ihr loslassen lernt

Der Auszug des Kindes bringt einen entscheidenden Vorteil mit sich, den ihr schnell schätzen und lieben lernen werdet: neu gewonnene, bzw. wiedergewonnene Freiheiten! All die Energie, die ihr bislang in euer Kind hineingesteckt habt, könnt ihr nun umleiten und für euer eigenes Leben verwenden:

  • Zeit für die Beziehung: Jetzt, wo euer Kind in seine erste eigene Wohnung zieht, haben Eltern wieder mehr Zeit für sich und damit auch Zeit, die Beziehung zueinander wieder mehr aufflammen zu lassen. Ihr habt nun Zeit nur für euch und könnt die Zweisamkeit, die ihr vor eurem Kind erlebt habt, wieder neu entdecken.
  • Zeit für Hobbys: Keine Tochter oder keinen Sohn mehr versorgen müssen, heißt auch mehr Zeit für Hobbys. Besonders Eltern, denen das loslassen lernen sehr schwer fällt, kann es sehr helfen sich ein neues Hobby zu suchen. Ihr wolltet schon immer mal einen Malkurs besuchen? Oder Segeln lernen? Oder ein Instrument? Oder euren Garten zum Gemüsebeet umbauen? Dann ist jetzt die beste Zeit dafür! Es bedeutet einerseits Ablenkung, andererseits Fokussierung auf neue Projekte.
  • Weitere Vorteile: Ab jetzt gibt es keine nervigen Streitereien mehr um die Badezimmerzeiten, kein Meckern über das Essen (außer von Partnerin oder Partner vielleicht), keine Sorge vor dem hereinplatzenden Teenager beim Sex, keine ständigen Ermahnungen zum Aufräumen und kein Kümmern um Arzttermine mehr. Viel gewonnene Energie!

Zur Beruhigung: Auch ihr musstet aus Fehlern lernen

Klar macht ihr euch Sorgen um euer Kind, gerade dann, wenn es in eine neue Stadt zieht, die nicht mal eben in 20 Minuten zu erreichen ist. Wenn es Ärger mit dem Vermieter oder Nachbarn gibt, wenn die Brotdose auf der doch noch heißen Herdplatte schmilzt, wenn deine Tochter den Schlüssel vergisst oder der Sohn morgens die Uni verpennt, könnt ihr eurem Kind also nicht mehr helfen und den Rücken freihalten. Ihr könnt euer Kind nicht mehr direkt vor Fehlern schützen. Das mag zunächst beängstigend sein, für euer Kind ist es aber sehr förderlich. Nur wenn eure Heranwachsenden lernen, mit Problemsituationen umzugehen und die Konsequenzen spüren, können sie eigenständig werden. Auch euch werden solche Situationen im Leben begegnet sein und am Ende habt ihr daraus gelernt.

Loslassen beginnt lange vor dem Auszug der Kinder

Die Phase der Abkapselung vom Elternhaus beginnt nicht erst mit dem Auszug euer Tochter oder eures Sohnes: Sie beginnt bereits mit dem Einsetzen der Pubertät. Bestimmt habt auch ihr euch in dieser Zeit heftige Kämpfe mit eurem Teenager geliefert, habt euch entfremdet und eure Erziehung als gescheitert angesehen, weil nichts mehr von den Werten, die ihr eurem Kind von klein auf mitgegeben habt, in seinen Handlungen wiederzufinden war. Die Identitätskrise, die pubertierende Jugendliche durchlaufen, zeigt Eltern, dass es langsam an der Zeit ist, das Kind loszulassen. Loslassen heißt nicht Verlieren. Die Beziehung zu euren Kindern verändert sich einfach. Nähe und gute Ratschläge sind zeitweise einfach nicht mehr so sehr gefragt. Dennoch solltet ihr euren Kindern immer signalisieren, dass ihr offene Ohren für sie habt und ihnen immer Halt im Leben geben, wenn sie diesen brauchen. Zieht euer Kind aus, ist die Pubertät meist überwunden und die Beziehung verändert sich noch einmal. Auch hier gilt weiterhin: Loslassen lernen und doch Dasein, wenn dein Kind dich wirklich braucht.

Auch wenn das Empty-Nest-Syndrom zunächst schmerzhaft ist, ihr werdet euch an den Alltag ohne Kind gewöhnen und euer Leben auch auf diese neue Weise lieben lernen.

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