Venedig sehen und genießen

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Venedig sehen und genießen

Liebe auf den ersten und auf den tausendsten Blick: Venedig ist – außerhalb der Saison – nicht nur für Romantiker, sondern gerade für Familien eine Reise wert.

Als Journalist lernt man, wie wichtig Objektivität ist. Dieser Text hier ist überhaupt nicht objektiv, sondern sehr subjektiv. Denn als hoffnungsloser Romantiker bin ich dieser Stadt verfallen! Schon als ich vor 25 Jahren das erste Mal – als Student mit Rucksack – den Canal Grande sah, ging mir das Herz auf. Und ich wusste: Das ist meine Stadt! Klar, dass unsere erste Auslandsreise mit unserem Sohn Finn nach Venedig führte. Er war anderthalb Jahre alt – und ließ an einem kleinen Platz in San Polo zum ersten Mal Mamis Rockzipfel los, um ein paar Tauben hinterherzujagen. Abnabelung auf Italienisch.

Ich erzähle Finn (inzwischen 10) die Geschichte bei einem Eis am Zattere in der Spätherbstsonne. Zattere ist eine herrliche Flaniermeile abseits der Touristenmassen, direkt am Guidecca-Kanal gelegen mit einer der besten Eisdielen der Stadt (Gelateria Nico) und unserer Lieblingspizzeria (s. Kasten rechts). Gegenüber liegt „unsere“ Insel – Guidecca – samt der Jugendherberge.

Wo die Busse übers Wasser fahren

Mit dem Vaporetto, dem Wasserbus Venedigs, zum Eisessen düsen – Finn und Freddy (8) gefällt das. Sehr viel besser als Auto- oder Straßenbahnfahren daheim. Die Sonne strahlt, meine Jungs und ich sitzen im November im T-Shirt am Wasser und schauen den Schiffen zu. Hier am Guidecca-Kanal fahren keine fotogenen Gondeln, sondern Autofähren oder Transportschiffe voller Gemüse, Waschmaschinen, Bauschutt oder gar mit einem Bagger beladen. Besonders Freddy hat seine Freude an all den Schiffen. Und dass er anders als zu Hause nicht ständig die Ermahnung „Pass auf die Autos auf“ hören muss. Apropos hören: Die Jungs hören mir tatsächlich wie gebannt zu, als ich von den Glanzzeiten Venedigs erzähle, als die Stadt eine wirtschaftliche und politische Größe war, die unzählige Handels- und Kriegsschiffe unterhielt.

Das pure Dolce Vita

Ich bin ja der festen Überzeugung, dass Wasser eine beruhigende Wirkung hat. Meine sonst oft hyperaktiven Jungs jedenfalls haben den ganzen Tag noch nicht gefragt, ob sie mein Smartphone zum Spielen haben könnnen. Ganz analoges, genussvolles Dolce Vita bei Vanilleeis und Postkartenblick; Entschleunigung in ihrer schönsten Form. Bei aller Freude über ihr Interesse an meinem Geschichtsunterricht in der Nachmittagssonne am Zattere vergesse ich die Zeit – und dass wir meine Frau längst am Markusplatz treffen wollten …

Familie Kromer in Venedig

Weil auch Anke in Venedig grundsätzlich entspannt ist, nimmt sie uns die 30-minütige Verspätung nicht krumm. Sie hat so lange amerikanische und chinesische Touristen beobachtet, wie sie mit Selfie-Sticks und Handy hastig Fotos von sich machen – und mit dem Problem kämpfen, dass Markusplatz, die Basilica San Marco und der Dogenpalast einfach zu groß sind, um sie auch nur annährend auf einem Foto einzufangen.
Freddy hat ein Faible für den Dogenpalast. (Vielleicht, weil ich ihm vorhin erklärt habe, dass der Doge so reich Vanilleeis hätte essen können.) Die Gegend hier rund um den Markusplatz samt der Route zur Rialtobrücke ist in der Saison allerdings hoffnungslos überlaufen. Und selbst jetzt im November ist hier einiges los.

Gutes Essen – und echte Venezianer

Aber das Schöne in Venedig selbst zur Hauptsaison ist: Nur ein paar Meter abseits der touristischen Trampelpfade hat man seine Ruhe vor fotowütigen Menschen und schamlos überzogenen Preisen. Und findet im Stadtteil Cannaregio im Norden der Stadt einen Teller Nudeln für 6 Euro, sieht in Castello in unserer Lieblingsstraße Via Garibaldi echte Venezianer und garantiert Karnevalsmaskenfreie Läden.
In Castello liegt auch das bei meinen Jungs so beliebte Schiffahrtsmuseum mit vielen Modellen aus allen Epochen. Apropos Museum: Wir haben versucht, Finn und Freddy die Malerei von Tizian & Co. näherzubringen. Doch selbst die großartigen Kirchen wie die prägnante, jede zweite. Postkarte zierende Santa Maria della Salute haben sie nicht begeistern können.

Restaurant mit Blick auf den Canal Grande

Was sie dagegen begeistert hat: Weil gerade Kunst-Biennale ist, können wir mit Gemälden vollgehängte Paläste am Canal Grande besichtigen, in die man sonst nie hineinkommen würde. Freddy (Berufswunsch: Doge) beeindruckt es sehr, dass der Saal in einem Palast fast so groß wie sein Bolzplatz ist. Als wir am Abend in unserer kleinen Osteria auf Guidecca sitzen und butterzarte Gnocchi essen, bleiben übrigens die Gameboys der Jungs aus- und ihre Sinne dank der goldenen Stadt am Wasser eingeschaltet: Finn will mehr über die Schlacht von Sepanto wissen, in der die 200 Kriegsgaleeren der spanischvenezianischen Allianz die türkische Flotte besiegten. Freddy beschließt, doch nicht Doge, sondern Profifußballer zu werden, und Anke fragt, ob wir morgen vormittag nicht noch in Ruhe ein Eis essen möchten – sie hat da so einen netten kleinen Schuhladen entdeckt. Und ich? Ich bin verliebt. In meine Familie und in diese Stadt…
(von Felix Kromer / erschienen in der familie&co 02/2016)

Bildquelle:

Thinkstock,privat (Felix Kromer)

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