Babyzeichensprache: Fragen & Antworten

In welchem Alter kann man mit Babyzeichen beginnen? Lernt mein Kind mit der Zeichensprache eventuell später sprechen? Macht ein Kurs Sinn? Wir haben uns mit Vivian König, die die Babyzeichen nach Deutschland gebracht hat, unterhalten. Hier alle wichtigen Infos über die Zwergensprache im Überblick.


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Bei der Zwergensprache, deren Konzept Vivian König entwickelt hat, lernen Eltern ungefährt 75 Zeichen, die auf der Gebärdensprache basieren. Und zwar mit viel Spaß und lustigen Liedern. Vivian König ist Autorin vieler Bücher zur Babyzeichensprache, Referentin und Geschäftsführerin der Zwergensprache GmbH (www.babyzeichensprache.com).

familie.de: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit der Babyzeichensprache zu beginnen?


Vivian König


© Zwergensprache GmbH
Vivian König: Es ist nie zu früh, mit Babyzeichen anzufangen, denn es hilft schon ganz kleinen Babys, das Schlüsselwort eines Satzes zu erkennen und zu verstehen. Den Besuch unserer Zwergensprache Eltern-Kind-Gruppen empfehlen wir ab einem Alter von sechs bis neun Monaten bis ins zweite Lebensjahr hinein.
Manche Kinder ahmen schon mit sechs bis neun Monaten erste Babyzeichen nach und wenden diese bewusst an, weil in diesem Alter die Motorik der Hände schon soweit ausgereift ist, und sie auch häufig benutzte Wörter bereits verstehen können. Dies richtet sich aber nach dem individuellen Entwicklungstempo und ist von Kind zu Kind verschieden. Manche Babys sind sehr kommunikativ, während für andere das Krabbeln oder Laufen Lernen zeitweise an erster Stelle steht und interaktive Kommunikation solange noch etwas warten muss.

Wie sieht ihre eigene Erfahrung mit den Babyzeichen aus?


Emilia "sagt" Licht.


© Zwergensprache GmbH
Meine eigene Tochter hat als Zweitgeborene quasi vom ersten Tag an Babyzeichen erlebt und verstand mit 4 Monaten das Zeichen für "Milch" und verwendete es mit fünf Monaten selbst, um mir zu signalisieren, wann es wieder an der Zeit zum Stillen war. Andere Kinder saugen erst einmal nur alles auf, speichern auf diese Weise erste Begriffe leichter ab und äußern sich selbst erst später.

Welchen Vorteil haben Kinder, die die Zeichensprache lernen, gegenüber anderen Kindern?
Das Ziel der Babyzeichen ist es, den Alltag mit einem Kleinkind durch ein besseres gegenseitiges Verstehen zu vereinfachen. Das geht schon mit einer Hand voll Zeichen und lässt alle Beteiligten zufriedener und entspannter sein! Das Baby versteht seine Eltern besser, da sie mit der Gebärde die Aufmerksamkeit des Babys auf das Schlüsselwort ihres Satzes lenken. Zudem sprechen die Eltern automatisch langsamer, kindgerechter und mehr mit ihrem Kind.

Und wie profitieren Eltern von der Zeichensprache?

Eltern finden es dann wiederum sehr angenehm, wenn das Baby einfach "sagen" bzw. unmissverständlich zeigen kann, was es braucht oder woran es gerade denkt. Ohne Quengeln und Weinen können Babys Bedürfnisse so rasch gestillt werden.
Der spielerische Einsatz von konkreten Gesten parallel zum Sprechen gibt kleinen Kindern im Alltag daheim oder auch in der Betreuung mehr Orientierung und Sicherheit, schenkt ihnen Aufmerksamkeit für ihre Bedürfnisse und weckt dabei die Freude am Sprechen.

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Was sagt die Wissenschaft zu den Vorteilen der Babyzeichensprache?
Studien der  Psychologin Susan Goldin-Meadow von der University of Chicago haben zum Beispiel gezeigt, dass wir uns durch den Einsatz und Nutzen von Gesten schneller an Worte erinnern, denn Gesten aktivieren und unterstützen die entsprechenden Sprachareale im Gehirn. Sie fand desweiteren heraus, dass schon bei Kleinkindern eine Verbindung zwischen Sprache und Gestik besteht: Je häufiger 14 Monate alte Kinder beim Sprechen ihre Hände einsetzen, desto größer ist ihr Wortschatz im Alter von vier und fünf Jahren.
Belegt ist durch neuere Studien der Psychologin Claire Vallotton von der Michigan State University aus dem Jahr 2011 auch, dass Gebärden Kindern helfen, eigene Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken und dass der  Einsatz von Babyzeichen den Spracherwerb definitiv nicht behindert, sondern durch zusätzliche Nähe und zugewandte Kommunikation eher fördert. Sie zeigt, dass die Gebärdennutzung im vorsprachlichen Alter einen beeindruckenden Einblick in die kognitiven und sozialen Fähigkeiten kleiner Kinder gibt. Sie beobachtete Kinder über einer Zeitraum von acht Monaten und stellte fest, dass diese zum Teil schon im Alter von neun Monaten 2-Wort-Sätze mit Gebärden bildeten und 3-Zeichen-Äußerungen im Alter von einem Jahr nutzten. Mit elf Monaten waren zum Teil schon Gespräche mit vierfachem Dialogwechsel zu erleben.
Besonders profitieren auch mehrsprachige Familien oder Kinder mit erschwertem Spracherwerb z.B. aufgrund von Down-Syndrom, Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte oder Hörschädigung von diesem Ansatz. Babyzeichen sind also eine Unterstützung für jedes Kind.

Lernen Kinder, die die Zeichensprache nutzen, später sprechen als ihre Altersgenossen?
Nein, das ist nicht zu befürchten, eher das Gegenteil ist der Fall. Langzeitstudien von Dr. Linda Acredolo und Dr. Susan Goodwyn aus Kalifornien konnten verschiedene Vorteile der Babyzeichen für die gesamte kindliche Entwicklung belegen unter anderem, dass sie sich positiv sowohl auf das Sprachverständnis als auch Sprechvermögen, sowie auf die Größe des Wortschatzes und den Sprechbeginn auswirken. In einfachen Worten: Die Babys kommunizieren früher, lernen früher sprechen und entwickeln einen größeren Wortschatz.
Außerdem erleichtern wir ihnen Dank der Verknüpfung von Wörtern und Bewegungen, sich neue Wörter besser zu merken und sich einfacher an sie zu erinnern. Der Prozess des Sprechen Lernens wird also auch kindgerechter.
Und: Noch nie hat ein Kind aufs Laufen lernen verzichtet, nur weil es zwischenzeitlich gut mit Krabbeln vorankam. Auf gleiche Weise sind Babyzeichen die Vorstufe vom Sprechen.

Aissa (15 Monate) sieht und zeigt einen Hasen.


© Zwergensprache GmbH
Sind die Handzeichen für Babys überhaupt so neu? Oder intensivieren wir so nicht etwas, das wir sowieso schon immer machen: Wir reden nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit "Händen und Füßen"?

Ja, im Grunde sind die Babyzeichen etwas Altbekanntes: Jeder kennt und nutzt bereits einfache Handzeichen im Umgang mit noch-nicht sprechenden Babys wie z.B. winken zum Abschied, horch – die Hand hinters Ohr halten, den Finger auf den Mund legen für leise, über den Bauch streichen, wenn es lecker ist oder klatschen für "bravo". Das ist ja wie ein Kinderspiel. Wer mehr von dieser Freude und dem Strahlen in den Kinderaugen haben möchte, probiert weitere Gesten einfach aus. Wir nutzen ohnehin beim Reden unsere Hände. Das steckt evolutionär in uns drinnen: Gesten und Sprache sind ganz eng miteinander verbunden.
Das Neue an Babyzeichen ist nun, bewusste Gesten auch für weitere Begriffe zur Visualisierung zu nutzen. Durch diese das Wort begleitenden Sprachbewegungen lernen Kinder rascher und leichter sprechen. Babyzeichen sind daher kein Ersatz sondern ein Zusatz und eine altersgerechte sowie entwicklungsgemäße Brücke auf dem Weg zur verständlichen Lautsprache.
 
Wie schaut das Lernen der Babyzeichen denn im Alltag aus?
Das Vorleben der Gesten durch die Eltern passiert beim Sprechen und Handeln einfach im Kontext der Alltagssituation. Ich untermale mein gesprochenes Schlüsselwort dann mit der entsprechenden Handbewegung der Gebärde. Oft sind diese Gesten so bildhaft, dass sie das Bezeichnete ideal wiedergeben und damit die Begriffsbildung erleichtern wie z.B. der Rüssel beim Elefanten, der lange Hals bei der Giraffe oder die Fingerspitzen zum Mund zu führen beim Essen.
Praktisch sieht das dann so aus: Das Kind wird angesprochen und hört die Worte: "Wollen wir etwas TRINKEN?", sieht gleichzeitig die Gebärde (TRINKEN – die Hand wie einen gekippten Becher zum Mund führen) und beobachtet uns im Handlungszusammenhang (wir gießen ein Glas ein, führen es zum Mund, schlucken,…). Auf diese Weise werden automatisch ablaufende Handlungen viel bewusster mit Sprache begleitet. Die Kinder entscheiden am Ende selbst, welche Babyzeichen sie toll finden und was ihnen nützlich erscheint. Nur die verwenden sie auch von sich aus. Manche Familien sind mit fünf Gebärden glücklich und andere Kinder kitzeln immer mehr Zeichen aus ihren Eltern heraus, weil sie die Dinge in ihrer Umwelt benannt haben möchten. So darf jeder seinen Weg finden. Hauptsache es macht Spaß!

Emilia sagt "Milch".


© Zwergensprache GmbH
Ist die Babyzeichensprache auch ohne Kurs erlernbar?
Man kann die Babyzeichen natürlich auch ohne Kurs erlernen. Die Spielanregungen, Alltagstipps und der Austausch kommen den Eltern aber meist sehr entgegen. Etliche Eltern, in deren Nähe es noch keine Kursangebote gibt, beginnen meist mit dem "Großen Buch der Babyzeichen", dem Plakat der wichtigsten Starterzeichen oder unserer neuen Zwergensprache-App, die es für android und iOS gibt. (Hier finden Sie eine Materialliste zur Zwergensprache.)

Was sollten Eltern beachten, wenn sie mit ihrem Kind die Zeichensprache lernen?
Die Freude am gelingenden Austausch miteinander sollte immer im Mittelpunkt stehen. Also hören Sie auf Ihr Bauchgefühl, beobachten Sie mit offenen Augen und Herzen, was Ihr Kind braucht und was es gerade interessiert, geben Sie ihm ohne Erwartungsdruck Zeit, die Welt der Kommunikation zu entdecken, aber mit Ihrer Aufmerksamkeit und liebevollen Zuwendung!

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