Hausarbeit und Familienalltag sind die beste Schulvorbereitung

Interview mit dem Kinder- und Jugendarzt Rupert Dernick. Dernick ist Autor des Elternratgebers „Topfit für die Schule durch kreatives Lernen im Familienalltag“.


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Familie&Co: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Eltern nach der Mithilfe ihrer Kinder im Haushalt zu befragen?


Helfen im Hauhsalt: Beste Schulvorbereitung

Helfen im Hauhsalt: Beste Schulvorbereitung


© Thinstock
Rupert Dernick: Der Bedarf an Ergotherapie ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, und die Kinder zeigen auch tatsächlich mehr Auffälligkeiten. Ich wollte wissen, woran das liegt. Offensichtlich musste sich etwas an den Lebensbedingungen verändert haben, denn schließlich kann sich das Genom ja nicht innerhalb einer Generation verändert haben.

Bei unserer Studie haben wir dann festgestellt: In vielen Familien ist es aus der Mode gekommen, dass die Kinder im Haushalt mithelfen. Das ist schade, denn Eltern verzichten so auf eine der effektivsten Fördermaßnahmen, die sie ihrem Kind im Vorschulalter angedeihen lassen können.


Kurse bringen also gar nicht so viel?

Ein Instrument zu lernen, im Chor zu singen oder in den Sportverein zu gehen, ist auf jeden Fall eine schöne Sache. Aber Kurse sind aus meiner Sicht die Kür! Die Möglichkeiten der häuslichen Förderung sind in den allermeisten Familien überhaupt noch nicht ausgeschöpft. Wir wollten zum Beispiel wissen, wie viele der 4- bis 6-Jährigen sich regelmäßig selbst anziehen. Nur 50 Prozent tun das! Wir haben mal nachgerechnet: Eltern, die ihre Kinder mit vier Jahren noch anziehen, statt es sie selbst tun zu lassen, verzichten in zwei Jahren bis zum Schulanfang so auf 150 Stunden Wahrnehmungsförderung. Und für Kinder, die sich in diesem Alter nicht regelmäßig selbst ein Brot schmieren, gehen 140 Stunden verloren, in denen sie die richtige Kraftdosierung hätten trainieren können.

Wir haben auch noch gefragt, ob Kinder im Supermarkt einkaufen, Teller und Besteck richtig auf dem Tisch verteilen können oder ob sie einen Telefonanruf entgegennehmen können – viele Kinder hatten diese elementaren Kompetenzen nicht.

Und wie wirkt es sich aus, wenn ein Kind diese Fähigkeiten besitzt?


Enorm. Wir konnten feststellen, dass Alltagskompetenz sich ebenso stark auf den Schulerfolg eines Kindes auswirkt wie die Schulbildung der Eltern. Also ganz maßgeblich!

Es ist also sinnvoller, Kinder im Haushalt mithelfen zu lassen, als bereits im Kindergarten mit ihnen Rechnen oder Schreiben zu üben?

{{SNIPPET_PH:}} Ja. Denn der Vorteil, einfache Rechenoperationen schon vor der Einschulung zu kennen, geht schnell wieder verloren. Viel wichtiger sind so genannte Vorläuferfähigkeiten, nämlich – um beim Beispiel Mathematik zu bleiben – ein Verständnis für Größen und Räume zu entwickeln. Und ein Kind, das vier schwere Teller in die Küche getragen hat, weiß ganz genau, dass vier mehr als eins ist.

Kinder lernen vor allen Dingen durch Handeln. Haben Sie deswegen das Programm „FamilienErgo“ entwickelt, mit dem Eltern ihre Kinder auf die Schule vorbereiten können?

Ja, denn Mitarbeit im Haushalt passt in jeden Alltag, auch in den von alleinerziehenden oder berufstätigen Eltern. Sie kostet nichts, vermittelt Einzelfähigkeiten, lässt das Kind als Ganzes in seiner Persönlichkeit reifen und verleiht ihm Selbstbewusstsein und Souveränität.

Warum lassen so viele Eltern diese Chance ungenutzt vorbeiziehen?

Viele haben geantwortet, dass es schneller geht, wenn sie die Dinge selbst erledigen, oder dass sie bisher keine Gelegenheit hatten, ihre Kinder einzuweisen. Grundsätzlich fanden es aber die Allermeisten richtig und sinnvoll, dass Kinder mithelfen. Das sind doch erfreuliche Aussichten.


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