Babys Gehirn: Im Mutterleib und kurz nach der Geburt

Neugeborene fangen keineswegs bei null an. Untersuchungen haben gezeigt, dass schon ein Fötus eine Menge dessen mitbekommt, was seine Mutter erlebt. Lesen Sie, wie sich seine Sinne nach der Geburt weiterentwickeln.

Babys Gehirn lernt bereits im Mutterleib

Mit sechs Monaten kann der Fötus schon ganz gut hören, schmecken und riechen. Das Gehirn konzentriert sich also vorerst auf das, was dem Baby direkt nach seiner Geburt nützen kann. „Alle Sinne sind darauf eingerichtet, zunächst einmal den Nahbereich zu erkunden“, sagt Dawirs. „Warum sollte ein Neugeborenes hundert Meter weit sehen können? Es kann sich eh nicht dorthin bewegen.“ Was es allerdings kann, ist seine Mutter an ihrem Geruch und ihrer Stimme erkennen. Es kann den Geschmack „seiner“ Muttermilch erkennen. Das muss erstmal genügen.

Nach der Geburt: Riechen, Hören und Schmecken

Sobald ein Baby auf der Welt ist, arbeitet sein Gehirn daran, die nötigen Kommunikationswege zu schaffen, damit es die unzähligen Sinneseindrücke verarbeiten kann. Da jede neue Erfahrung einen „Fingerabdruck“ im Gehirn hinterlässt, dauert es jedoch seine Zeit, bis alle Leitungen geknüpft sind und optimal funktionieren. Schließlich kann nicht alles gleichzeitig passieren. Daher können wenige Tage alte Babys zwar zwischen Zitronen- und Vanilleduft unterscheiden, aber bis sie Gerüche als gut oder schlecht bewerten können, dauert es drei Jahre.
Der Hörsinn ist bei der Geburt perfekt auf den hohen Singsang der typischen Babysprache ausgelegt. So gut wie der von Erwachsenen ist er aber erst sechs Jahre später. Und der Geschmacksinn fängt erst an, sich zu verfeinern, wenn das Baby feste Nahrung zu sich nimmt. Die ersten Erfahrungen sind hier entscheidend. Wenn Babys früh salziges oder süßes Essen bekommen, werden sie es noch Jahre später vorziehen.

Babys Tastsinn und Gleichgewicht nach der Geburt

Der Tastsinn ist bei der Geburt recht gut entwickelt, aber längst nicht ausgereift. Neugeborene wissen zwar, dass sie berührt werden, können aber nicht genau orten, wo. Es dauert etwa ein Jahr, bis die zuständigen Hirnregionen die richtige Verkabelung und die nötige Erfahrung haben, um das zu bestimmen.
Damit sich Tast- undGleichgewichtssinn optimal entwickeln, brauchen sie Bewegung. „Im Grunde unseres Wesens sind wir Traglinge“, sagt Kinderpsychiater Gunther Moll. „Durch die Anstöße, die Berührungen erhält das Gehirn entscheidende Impulse.“ Eltern sollten also viel mit ihren Kindern hopsen, tanzen und kuscheln: „Der Gleichgewichtssinn ist direkt mit den emotionalen und kognitiven Zentren verbunden. Je mehr er angeregt wird, desto besser.“
Das Sehen ist bei der Geburt am schlechtesten entwickelt. Kein Wunder: Im dunklen Mutterleib gibt es nichts Interessantes zu entdecken. Obwohl unsere Augen als Erste aller Sinnesorgane angelegt werden - schon in der vierten Schwangerschaftswoche -, brauchen sie mit am längsten, ehe sie wirklich einsatzbereit sind. Daher sehen Babys die Welt zunächst wie durch eine Milchglasscheibe, ohne Farbe oder Tiefenschärfe. Erst im etwa 8. Monat können Babys klar fokussieren und mit etwa einem Jahr so gut sehen wie Erwachsene. Diese eher langsame Entwicklung kommt den anderen Sinnen zugute. Denn ist der Sehsinn erst ausgereift, wird er zur primären Informationsquelle, der alle anderen Sinne buchstäblich in den Schatten stellt.

Die Motorik des Neugeborenen

Und wie sieht es mit der Motorik aus? Wie jede Schwangeren weiß, absolviert ein Kind schon im Bauch ein umfangreiches Muskel-Trainingsprogramm. Trotzdem ist ein Neugeborenes zunächst nicht in der Lage, seine Bewegungen zu koordinieren, da die nötigen Hirnverbindungen erst geknüpft werden müssen. Die motorischen Zentren verdrahten sich von oben nach unten. Zuerst kommen Kopf, Mimik und Hals, dann die Arme und schließlich die Beine. Diese Reihenfolge ist immer gleich, daher bewältigen Kinder überall auf der Welt die Kunst des Greifens oder Krabbelns etwa zur gleichen Zeit in ihrer Entwicklung. Die motorische Entwicklung beeinflusst die der anderen Sinne: „Sobald es greifen oder krabbeln kann, verändert sich die Sichtweise eines Babys und macht neue Erfahrungen möglich“, sagt die US-amerikanische Neurobiologin Lise Eliot.