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Symbiotische Beziehung: Wenn das Ich im Wir verschwindet

Symbiotische Beziehung: Wenn das Ich im Wir verschwindet

Mehr Freiraum!

Eine symbiotische Beziehung ist eine Einbahnstraße Richtung Abhängigkeit. An die Stelle eines selbstständigen Menschen tritt ein Paar, welches nach außen ununterscheidbar wird und Freunde und Familie vergrault. Warum es wichtig ist, dass wir in der Liebe Acht auf unsere Persönlichkeit geben. 

Ich hatte meine Freunde schon lange nicht mehr gesehen. Irgendwie war mir das gar nicht so richtig aufgefallen. Denn ich hatte ja mit meiner Partnerin mehr als genug zu tun. Ein gemütlicher Abend zu Hause war eher die Ausnahme, meist war es ein Festival der Vorwürfe: „Warum hast du mit der Kollegin denn schon wieder so lange auf dem Weg zum Parkplatz geredet?“, „Ich glaub, die will was von dir, dort gehst du nicht mehr hin!“ und weitere Argumente trafen mich meist in der Sekunde, in der wir uns sahen. Dabei waren ihre Vorwürfe absolut unbegründet. Langsam aber sicher sickerten sie aber tiefer, sodass ich mir am Ende selbst nicht mehr wirklich sicher war.

Meine Freunde und Bekannten luden mich weiter tapfer ein, bis ihnen irgendwann klar wurde, dass meine Partnerin nicht davon ablassen würde, sie vor mir schlecht zu machen. Während ich damit beschäftigt war, die fragile Welt meiner Partnerin zu schützen und nach außen hin vermittelte, machte ich mir unbewusst ihre Weltsicht zu eigen. Wenn es zu Problemen kam, waren diese meine Schuld. Folglich wuchsen meine Selbstzweifel und ich zog mich zusätzlich zurück. Die Einladungen wurden seltener, die Begrüßungen verhaltener. Irgendwann war ich ganz allein mit meiner Partnerin. Sie hatte es geschafft, mich zu isolieren. Wir waren zu einer Einheit verschmolzen – gefangen in einer symbiotischen Beziehung.

Was verbirgt sich hinter einer symbiotischen Beziehung? 

Die Paar- und Familientherapeutin Dr. Sandra Konrad beschreibt eine lebendige, gesunde Beziehung als einen Organismus, der Raum zum Atmen und Wachsen braucht. Aus zwei einzelnen Persönlichkeiten entsteht so in einer gesunden Partnerschaft ein gemeinsames Wir, dass zusammen seine Geschichte schreibt. In einer symbiotischen Beziehung hingegen machen sich die Partner abhängig voneinander. Sie geraten in eine Ko-Abhängigkeit. Im Falle meiner Freundin und mir war sie auf meine andauernde Bestätigung angewiesen, einzigartig und die Einzige in meinem Leben zu sein. Ich zog meinen Selbstwert daraus, mich rund um die Uhr um sie und ihre Bedürfnisse zu kümmern. Dabei vernachlässigte ich nicht nur meine Freunde, sondern auch mich selbst, meine Gesundheit, meine Arbeit und meine Hobbys. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem wir weder miteinander noch ohne einander existieren konnten.

Ist eine symbiotische Beziehung eine Borderline-Beziehung?

Die Psychologie hinter einer symbiotischen Beziehung ist genauso komplex wie die Charaktere, die in ihr gefangen sind. Aus starken Emotionen, die über den Beginn einer turbulenten Werbephase hinaus tragen, wird eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die einen von den Tälern tiefster Verzweiflung bis hin in die luftigen Höhen des Dopaminrausches tragen kann. Wenn einer der Partner an einer Borderline-Störung leidet, spiegeln die Wutanfälle, die rohen Emotionen und die Eifersucht sich auch in der Beziehung wider. Um in diesem schwankenden Umfeld eine scheinbare Sicherheit zu finden, zieht sich das Paar mehr und mehr von der Außenwelt zurück. Gefahren im Außen werden vermieden, der Kontakt zu Familie und Freunden minimiert. Gemeinsam rutscht das Paar in einen sektenartigen Zustand, in dem nur noch die eigenen Gedanken und Werte Gültigkeit haben.

Wie lässt sich eine symbiotische Beziehung lösen?

Ich fühlte mich isoliert. Wollte wieder Raum für mich haben, um mich selbst zu spüren und versuchte, Distanz aufzubauen. Das Ergebnis waren jedes Mal Vorwürfe: „Warum willst du deine Freunde treffen? Bin ich dir etwa nicht genug? Liebst du mich nicht mehr?“ Waren wir doch einmal getrennt, kam es morgens gegen fünf zu als emotionaler Notfall getarnten Kontrollanrufen. Ich hatte nie gelernt, erwachsen zu lieben oder auch nur zu verstehen, wie einer emotional reife Beziehung aussieht. Ich verstand nur, dass mich diese Abhängigkeit krank machte. Es fühlte sich an, als hätte ich keine Luft mehr zum Atmen übrig.

Symbiotische Beziehungen sind nicht zu verwechseln mit gesunden Beziehungen, wo der jeweils andere auf die Stärken seines Partners vertraut. Sie hemmen im Gegenteil die persönliche Entwicklung und die Talente. Denn ihre Probleme basieren auf der Bindungsunfähigkeit der an ihr beteiligten Menschen. Dabei ist das Alter der Partner zweitrangig, ebenso die Frage, die wievielte Beziehung es ist oder ob man Kinder hat. Wer die unbewusst übernommenen Beziehungsmuster seiner Kindheit nicht kritisch hinterfragt, wenn es zu Konflikten in der Partnerschaft kommt, kann das Labyrinth der symbiotischen Beziehungen nie verlassen. Oder wenn, wie in meinem Fall, nur durch einen großen Knall, dem heimlichen Hinausschmuggeln aller persönlichen Dinge aus der Wohnung meiner Freundin und dem anschließenden Kontaktabbruch. Einer Flucht, sozusagen.

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Entscheidung aus Liebe

Heute bin ich in einer sehr glücklichen Beziehung, die nicht auf gegenseitigen Besitz aus ist. Im Gegenteil: Durch die Tatsache, dass ich frei und eigenständig bin – also in der Theorie jederzeit aus der Tür gehen könnte – ist das Liebesbekenntnis zu meiner Frau jeden Tag frisch, neu und wertvoll für mich. Ich entscheide mich aus Liebe, mit ihr zusammen zu leben, und nicht aus der Abhängigkeit einer symbiotischen Beziehung heraus. Ich empfinde Sicherheit, Lebendigkeit und Freiheit – und bin mit mir selbst im Reinen.

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