Wenn Kinder Streit haben

Kleinkind

Wenn Kinder Streit haben

Streit ist unter Kindern keine Seltenheit. Wie Kinder lernen, Konflikte zu lösen und was Sie als Eltern bei einem Streit tun können.

Eltern reagieren bei Streit zwischen Kindern oft zu schnell

Wenn Kinder streiten, liegen bei den Eltern die Nerven blank. Deshalb sprechen sie dann ein Machtwort, trennen die Streithähne, drohen, brüllen, flehen, meckern, tricksen, lenken ab und verlieren den Überblick. Eltern lassen sich im Handumdrehen in den Streit verwickeln, machen voreilig einen Schuldigen aus, entscheiden blind, wer Recht hat und präsentieren ungefragt eine Lösung für den Konflikt.
Kann man machen, aber es hilft nicht viel. Denn im nächsten Augenblick geht der Streit von vorne los. Und Gründe für Streit gibt es genug:
• Wer darf den Bagger haben?
• Wer soll der Bestimmer sein?
• Wer ist die beste Freundin?
• Wer darf mitspielen?

Schön streiten? Das geht!

So richtig schön streiten, das geht! Aber dafür brauchen Kinder eine kleine Anleitung und Eltern, die sich neutral verhalten, vermitteln und auf Regeln bestehen. Allerdings tun Erwachsene sich sehr schwer mit der gelassenen Sicht auf das Geschehen, besonders dann, wenn sich Geschwister streiten: das bringt das Wunschbild von der harmonischen Familie ins Wanken und belastet auf Dauer die Nerven.
Die Kinder selbst sehen das anders: "Streiten ist auch Spaß", versichern schon Vierjährige. Viel von dem schlechten Beigeschmack, der den Streit unter Geschwistern, aber auch den Streit unter Freunden begleitet, zeugt mehr von der Konfliktscheu der Erwachsenen als von echter Bosheit, Niedertracht und Gemeinheit. Kinder treten im Streit offen gegeneinander an - vorausgesetzt natürlich, ihre Eltern halten das aus und erlauben ihnen, Gefühle auszuleben. Auch die Ermunterung, Aggressionen in unschädliche symbolische oder kreative Bahnen zu lenken, kann viel Gutes bewirken.

Mit ihrem Hickhack führen Kinder den Eltern auch vor Augen, dass Erwachsene viel weniger friedfertig und freundlich zueinander sind, als sie wahrhaben wollen. Verlangen Eltern friedfertiges Verhalten von den Kindern, weil sie selbst so viel Mühe damit haben, Konflikte und Streit konstruktiv und einfallsreich zu lösen? Erstarren, tagelanges Angiften und böses Schweigen - das kennen Erwachsene eher von sich selbst. Im Kinderzimmer hingegen gibt es Krach, aber keinen Kalten Krieg. Kinder sind erfindungsreich und verfügen über ein breites Repertoire, sich zusammen zu streiten.

Die Art des Streitens ist wichtig

Wenn Kinder sich mal ausdauernd streiten, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht in der Lage sind, ihren Streit selbst beizulegen. "Gerade die sozial sehr aktiven Kinder sind es, die häufiger als andere in Streitereien verwickelt sind", sagt die Diplompädagogin Mechthild Dörfler. "Bedenklicher ist eher, wenn Kinder nie in einen Streit verwickelt sind."
Auf das Wie des Streitens komme es an, nicht darauf, wie oft oder wie laut Kinder streiten. Dabei gelingen schon kleinen Kindern beachtliche Lösungen, die genauer verraten, worum es im Streit eigentlich geht. Denn häufig geht es bei genauerem Hinsehen um etwas anderes als um das, was auf den ersten Blick sichtbar wird. Hinter fliegenden Bausteinen, Gerangel um den Stuhl, gemeinen Ausdrücken und Ähnlichem stecken oft Motive, die für ein bestimmtes Alter typisch sind:
• Wer ist hier der Bestimmer?
• Wo stehe ich in der Gruppe?
• Wer darf hier was?
Das sind Streitfragen, die Spielfreunde umtreiben, ganz ähnlich wie die, über die Geschwister aneinandergeraten.

Streit-Eskalation verhindern

Um einen Streit zwischen Kindern nicht zur Eskalation zu bringen, sollten Eltern besonnen eingreifen - und die eigenen Streit-Regeln beherzigen.

Wem gehört eigentlich der Streit?

Schwer zu sagen. Eltern werden die lautstarken Querelen oft einfach zu viel, auch weil sie darin einen Angriff auf ihre Bedürfnisse nach Ruhe und Harmonie erkennen und als Rücksichtslosigkeit werten, was die Kinder da veranstalten. Doch damit rücken sie ihr eigenes Anliegen in den Vordergrund. Dabei ist es doch nicht ihr Streit, sondern der ihrer Kinder!
Greifen Eltern zu früh in den Streit ein, bringt das die Kinder aus ihrem Streit-Konzept: Die Sache, um die es geht, bleibt ungeklärt und schwelt weiter. Durch ihre Einmischung kann eine kleine Rempelei eine Bedeutung bekommen, die sie anfangs gar nicht hatte. Wenn Erwachsene ihre Macht ins Spiel bringen, bringen sie Kinder um die Chance, aus ihrem Streit zu lernen, und der Konflikt erreicht eine neue Stufe: Man brüllt, droht oder setzt seine größeren Körperkräfte ein - wird aggressiv, um die Aggressivität der Kinder zu stoppen. Ein falsches Signal, dass man mit überlegener Macht einen Konflikt beendet. Gegen Aggressivität hilft noch mehr Aggressivität? Das stiftet nicht zum Frieden, sondern in Gegenteil zum nächsten Konflikt an.
„Eskaliert der Streit, muss man sich an eigene Streit-Regeln halten, körperlich dazwischenstellen und dem älteren Kind sagen: ,Du hast jetzt gar keine andere Möglichkeiten gesehen als zu schlagen. Der Kleine hat dich jetzt richtig genervt.' Dann wendet man sich dem Jüngeren zu: ,Das hat dir wehgetan, und du wolltest das Spielzeug auch gern behalten.' Den Älteren fragen, was hätte er gebraucht, um anders reagieren zu können als zu schlagen? Wichtig ist, keine Lösungen anzubieten, sondern nur Ideen zu sammeln“, meint die Berliner Kommunikationstrainerin Heidemarie Götting.

Eltern sollten sich an eigene Streit-Regeln halten

Streitende Kinder übernehmen schneller die Verantwortung für ihren Streit, wenn ihre Eltern aufhören, sich für ihren Streit verantwortlich zu fühlen. Doch Eltern sollen das Geschehen nicht einfach nur achselzuckend ignorieren, sondern genau beobachten und sich an eigene Streit-Regeln halten. Dann werden sie immer mehr verstehen und Details erkennen:
• Wer hat hier welches Anliegen?
• Welche Dynamik ist am Werk?
Vom Zuschauerrang aus sieht man besser als in der Mitte des Spielfeldes - und hat bald den Schlüssel in der Hand, um den gesamten Beziehungsclinch zu verstehen. Wir können Kindern durch unsere wohlwollende Neutralität dabei helfen, sich richtig schön zusammen zu streiten. Konflikte mit den Kindern, aber nicht für die Kinder klären - das etwa wäre der Kunstgriff.
Bevor wir in den Streit eingreifen, machen wir uns besser klar, was unser Ziel ist: Wollen wir die Ruhe im Kinderzimmer wiederherstellen oder Gehorsam und Regeln durchsetzen? Wollen wir das einzelne Kind stützen oder schützen? Oder wollen wir Kinder befähigen, Konflikte konstruktiv zu lösen und daraus etwas zu lernen?
Es hängt von der Rolle, in die wir schlüpfen, ab, wie die Geschichte ausgeht. Wenn man die Kampfhähne veranlassen kann, nacheinander ihren Standpunkt vorzutragen, ist schon viel gewonnen.

Wenn Geschwister Streit haben

Streiten sich Geschwister, geht es häufig um die Aufmerksamkeit und Gunst der Eltern. Daher gilt: Handeln Sie als Eltern nicht voreilig! Und lassen Sie die Kinder streiten, denn Streit fördert das Sozialverhalten.

Geschwister streiten oft um Aufmerksamkeit der Eltern

Streit unter Freunden unterscheidet sich vom Geschwister-Streit in einem wesentlichen Punkt: Ein Spielkamerad kann sich immer aus der Affäre ziehen, indem er einfach weggeht. Der Druck, eine Lösung finden zu müssen, ist schwächer - denn man muss ja nicht mit dem Gegner unter demselben Dach leben. Doch unter Geschwistern muss eine Lösung her, damit man wieder gut zusammenhalten kann.
Brüder und Schwestern entwickeln in ihrer Familieein untrügliches Gespür dafür, mit welcher Strategie sie die größte Aufmerksamkeit der Eltern auf sich ziehen können. Kaum etwas belastet das Familienleben mehr als das ewige Streiten der Kinder. Das nervt ungeheuer - und das soll es ja auch. Kinder erwarten, dass der herbeieilende Elternteil Schiedsrichter spielt. Sie streiten um die Aufmerksamkeit und Gunst der Eltern, um Privilegien und Besitz, weil sie glauben, dass all das weniger wird, wenn man es teilen muss.

Streit ist nicht gleich Streit

In der Hitze des Gefechts unterlaufen dem Schiedsrichter aber leicht Fehler: Es ist nämlich nicht immer derselbe Streit, sondern jedes Mal ein neuer. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Opferlämmchen häufig als der wahre Streithammel. Und nicht nur das. Wenn wir vergangene Situationen blind auf die aktuelle übertragen, legen wir die Kinder auf ihr Streitverhalten fest und nehmen ihnen damit die Möglichkeit, sich verschieden zu erfahren und eben auch verschieden zu verhalten. Der Mangel an Alternativen erzeugt Aggressionen, und schnell sieht ein Kind keine andere Möglichkeit mehr als zuzuschlagen.

Kinder müssen streiten

Es gibt auch bei jedem Streit etwas anderes zu lernen.Daher müssen Kinder streiten: In der Auseinandersetzung mit einem anderen lernt man sich selbst und den anderen besser kennen, da erlebt sich ein schüchternes Kind plötzlich als mutig, da kann der Stärkere auf einmal nachgeben. Mehr noch: Wie man eigene Grenzen zieht und die der anderen respektiert, wie man sich in einen anderen Menschen hineinversetzt, seine eigenen Gefühle ausdrücken und seine Meinung vertreten kann, ohne den anderen zu verletzen, und wie man ertragen lernt, dass man verschieden ist - das erfährt man am besten im Streit.
Und auch, wie man sich nicht unterbuttern lässt und trotzdem eine Lösung für den Streit findet, die allen Beteiligten gerecht wird, ist keinem von uns in die Wiege gelegt. Das muss man üben dürfen wie Einmaleins und ABC - am besten beim Streiten.

Bei Streit nicht vorschnell eingreifen

Streit ist gesund und grundsätzlich erlaubt, „als Ausdruck nicht unterdrückbarer, gesunder Kräfte im Kind“, sagt der US-amerikanische Psychologe Richard A. Gardener. „Jedes Kind, das nicht wenigstens bis zu einem gewissen Grad eine Geschwisterrivalität zeigt, ist ein behindertes Kind, das beim Kampf um den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit von den Menschen in seiner Umgebung besiegt worden ist.“
Und das geschieht häufig in bester Absicht: „Du als die Große kannst doch wirklich mal nachgeben“oder „Sei doch mal lieb zu ihm, schließlich ist er doch dein kleiner Bruder", so appellieren verzweifelte Eltern und schüren das familieninterne Konkurrenzgerangel noch zusätzlich. Mit Appellen erreicht man gar nichts, mit der donnernden Untersagung jeder feindseligen Handlung noch weniger.

Konflikte und Streit richtig austragen

Das eigentliche Problem besteht weniger darin, dass es Konflikte gibt, sondern in der Unklarheit darüber, wie man sie austrägt, sodass jeder gewinnt. Im Spektrum zwischen fair und gewalttätig geht da viel. Wo sonst könnte man seine Möglichkeiten besser erkunden als zuerst in der Familie und dann auch mit Freunden? Greift man zu schnell ein, nimmt man den Kindern den Konflikt aus der Hand. Und verpasst außerdem die Chance, die Kinder besser kennenzulernen.
Fasziniert beobachten Eltern, wie schnell kleine Kinder nach einem Streit fröhlich zur Tagesordnung übergehen. Sie vergessen einfach. Ihre beachtlichen Fähigkeiten, die Kommunikation nicht abreißen zu lassen und gleich nach einem heftigen Gerangel wieder intensiv zu spielen, erlauben ihnen, ihre gegensätzlichen Impulse auszuleben und dabei in Sicherheit zu sein: Sie sind sich ihrer Aggressionen bewusst, aber werten das Geschehen eher positiv, wenn sie ihre Gefühle ausleben dürfen und dabei gewisse Regeln einhalten.
Die Kinder einer Familie bauen füreinander ein soziales Fitnesstraining, in dem sie ihre Ausdauer, Geschicklichkeit und Kondition steigern. Sie lernen, wie man mit Konflikten und Streit umgeht - so oder so. „Geschwister kennen ihr jeweiliges Waffenarsenal sehr genau, sie können meist bewusst kalkulieren, planen und ihre aggressiven Handlungen und Aussagen kontrollieren“, betonen die beiden Geschwisterforscher Stephen Bank und Michael Kahn. Freunde müssen das erst herausfinden.
Auf lange Sicht lernen beide, Freunde und Geschwister, Konflikte auch durchzustehen, wenn man sie lässt: „Streit fördert Kompetenz, Moral, Mut, Kreativität und Loyalität“, sagen die beiden Forscher.

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