Interview mit Professor Bernd Ahrbeck


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Interview mit Professor Bernd Ahrbeck zum Thema "Schlüsselkind"

Professor Bernd Ahrbeck ist Psychoanalytiker und Erziehungswissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin.
Sie haben Schlüsselkinder als „Helden der neuen Zeit“ bezeichnet. Wie meinen Sie das?
Prof. Ahrbeck: In früheren Zeiten haben Eltern ihre Kinder nach der Schule allein gelassen, weil sie arbeiten mussten. Sie taten es mit Bedauern und sorgten sich, weil ihre Kinder, nach damaliger Meinung, viel zu früh auf sich allein gestellt waren. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Kinder entwickeln sich schneller und erweisen sich oft als erstaunlich selbstständig. Zum Beispiel im Umgang mit Medien oder Computer. Man betrachtet Kinder darum heute mehr und mehr als Experten und traut ihnen viel zu.
Erwarten wir von unseren Kindern zu viel?
Prof. Ahrbeck: Ich denke, das neue Selbstständigkeitsideal ist nicht ungefährlich, denn es kann dazu führen, dass Eltern nur noch die selbstständige Seite ihrer Kinder wahrnehmen und sie vorzeitig als „kleine Erwachsene“ ansehen, die schon fast alles können, was sie zum Leben brauchen. Damit überschätzen und überfordern sie ihre Kinder und übersehen, wie sehr die Heranwachsenden trotz allem auf den Schutz von umsorgenden Erwachsenen angewiesen sind.
Woran erkenne ich denn, dass mein Kind noch oder noch mehr Unterstützung braucht?
Prof. Ahrbeck: Eltern, die einen engen Kontakt zu ihrem Kind haben, fällt sicher früh genug auf, ob sich ihr Kind überfordert fühlt. Es gibt aber leider keine allgemeingültigen Warnzeichen. Manche Kinder sprechen ihre Sorgen offen aus, andere leiden still. Unbedingt handeln müssen Eltern, wenn sie merken, dass ihr Kind kaum noch Freunde hat, sich lang vor dem Fernseher oder Computer vergräbt, wenn die Schulleistungen dramatisch abfallen.  
Was stärkt denn die Selbstständigkeit von Kindern?
Prof. Ahrbeck: Neue Untersuchungen zeigen, dass Eltern nicht permanent für ihre Kinder da sein müssen. Kinder brauchen altersgemäße Freiräume, um sich zu beweisen und zu erproben. Entscheidend ist, dass es in der verfügbaren „Elternzeit“ zum intensiven Austausch kommt. Das gelingt zum Beispiel mit liebevollen Alltagsritualen, gemeinsamen Freizeitaktivitäten oder gemütlichen Plauderabenden.