Unschooling und Freilernen – Bildung ohne Druck

Lernen, was und wie sie wollen: Eltern, die dem Konzept „Unschooling“ folgen und ihr Kind beispielsweise nach dem Freilerner-Prinzip erziehen, möchten ihrem Nachwuchs nicht vorschreiben, was oder wie er lernen soll, stattdessen soll sich das Kind selbst so weiterbilden, wie es möchte. Kann das funktionieren?


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Freilernen

Freilerner lernen genau das, was sie auch wirklich interessiert.


© iStock

Freilernen: Lernen vom Leben


„Freilernen bedeutet, die Möglichkeit zu haben, sich frei zu bilden. Keinerlei Vorgaben zu erhalten, was man wann, wo und wie man zu lernen hat. Sondern allein der Mensch entscheidet über diese Dinge. Genauso wie Kinder entscheiden, wann sie laufen lernen, wie schnell sie sprechen –  in ihrem eigenen Tempo und nach ihren Begabungen und Interessen“, so beschreibt Line Fuks das Bildungskonzept, nach welchem sie und ihre Partnerin ihre sieben Kinder erziehen. Die „Wildnisfamilie“, wie sich die Patchworkfamilie selbst auf ihrer Website nennt, folgt dem Prinzip der Freilerner.

„Freilernen“ spinnt das Homeschooling-Prinzip noch etwas weiter: Freilerner verfolgen das Konzept des „Unschooling“, eine Form des informellen Lernens, die von dem US-Autoren und Pädagogen John Caldwell Holt geprägt wurde. Freilerner möchten bei ihrer Art des Lernens nicht die traditionelle Schule mit ihren rigiden Lehrplänen nachmachen. Vielmehr soll das Kind das Lernen selber leiten – Lernen soll automatisch in „normalen“ Lebensumfeld der Familie geschehen. Bei Freilernen gibt es meist also keinen geplanten Unterricht oder geregelte Zeiten fürs Lernen. Auch bei der Themenwahl wird Freiheit groß geschrieben – es werden Themen behandelt, die das Kind interessieren.

Im Mittelpunkt der Freilerner steht also vor allem die Ablehnung des Fremdbestimmtseins durch Lehrer und Stundenplan sowie der Fokus auf die eigenen Interessen der Kinder und der Vermittlung von praktischem Wissen statt reinem Theoriepauken, wie es in der Schule oft der Fall ist.

"Lernen in der Schule ist wie Pappe essen", heißt es auf der Website der „Wildnisfamilie“ von Line Fuks. Das Lernen von Theorie, das in der Schule das Fundament jeglichen Unterrichts darstellt, empfinden Freilerner meist als Zeitverschwendung. Line Fuks erläutert: „Wir haben gemerkt, dass [unsere Kinder] am besten und nachhaltigsten lernen, wenn sie es von sich aus tun und mit den Themen, die sie interessieren und Relevanz in ihrem Leben haben. Alle anderen Dinge waren eher 'Bulimielernen', die nur kurzzeitig abrufbar waren." 

Einen typischen Alltag oder Ablauf gibt es beim Freilernen – im Gegensatz zum traditionellen Homeschooling – nicht. Was gelernt und getan wird, kommt auf die Wünsche und Interessen des Kindes an: „Wir trennen nicht zwischen Leben und Lernen. Spielen und Lernen. Das ganze Leben ist einfach Lernen,“ sagt Line Fuks. „Jeder lebt und lernt eben das, was gerade für ihn dran ist. Das können praktische Dinge sein, es kann am PC stattfinden, mit einem Mentor, alleine oder gemeinsam. Es ist vielfältig und bunt. Wir haben also keine Lernzeiten, keinen Unterricht oder ähnliches. Wir unterstützen die Kinder in dem, was sie zur Wissensermittlung brauchen und begleiten sie in dem Maße, wie sie das möchten.“

Manchmal schließen sich Freilerner auch zusammen, um sich gemeinsam zu organisieren. Seit 2012 gibt es beispielsweise eine Gruppe von Freilernen aus Leipzig, die gemeinsam Veranstaltungen oder Kurse besucht und ins Museum geht.

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Kann Homeschooling erfolgreich sein?

Viele von uns betrachten das Konzept „Freilernen“ sicherlich mit einer großen Portion Skepsis. Kein offizieller Unterricht? Kinder können das machen, was sie möchten? Wir sehen unsere Kinder schon vor Fernseher und PC ohne jegliche Lust, sich selbstständig weiterzubilden. Und auch der Punkt Sozialisierung macht den meisten von uns Angst, ist die Schule doch wichtig, um Kontakt zu Gleichaltrigen zu finden und die Regeln unserer Gesellschaft zu lernen.

Aussagekräftige Studien, die diese Befürchtungen be- oder entkräften, gibt es kaum. Zudem sind die meisten Studien, die sich mit Homeschooling befassen, bereits älter. Meist wurde in diesen Arbeiten auch nur das traditionelle Homeschooling untersucht, da sich Unschoolingkonzepte wie Freilernen erst in den letzten Jahren weiter verbreitet haben.

Der Großteil der existierenden Studien zeigt tatsächlich, dass Kinder, die Hausunterricht erfahren, in Tests gleich gut oder besser abschneiden als gleichaltrige Kinder, die eine Schule besuchen. So fanden die Autoren der Studie „Home Schooling: From the Extreme to the Mainstream“ (2007) sogar heraus, dass Homeschooling sozial-wirtschaftliche Faktoren besser ausgleichen kann als die Ausbildung an staatlichen Schulen es tut. So erzielten Homeschooling-Kinder von Müttern ohne High-Schhool-Abschluss um 55% bessere Ergebnisse als Schüler von staatlichen Schulen mit vergleichbarem Hintergrund.

Entgegen der weitverbreiteten Meinung, zuhause ausgebildete Kinder seien nicht angemessen sozialisiert, weist der Großteil der Untersuchungen auf das Gegenteil hin. Thomas Spiegler, Dozent an der Theologischen Hochschule Friedensau, sagt in einem Gespräch mit der FAZ: „Wer als Homeschooler später auf eine Schule gewechselt ist, wurde in Sachen Sozialkompetenz von Mitschülern und Lehrern eigentlich durchweg positiv beurteilt.“ 

Die Langzeitauswirkungen des Homeschooling sind kaum erforscht. Meist brauchen Kinder, die lange Zuhause unterrichtet wurden und aus dem Schulsystem draußen waren, etwas Zeit, um sich im Schul-, Ausbildungs- oder Universitätssystem zurecht zu finden, da die Umstellung groß ist. Auch die Kinder von Line Fuks haben eine Zeit lang eine reguläre Schule besucht: „Teilweise haben unsere Kinder den Wunsch geäußert, sich eine Schule anzuschauen. Sie sind dann mit Freunden in die Schule gegangen. So konnten sie sich ein Bild machen. Es war aber bei allen nichts, was sie immer machen wollten. Denn der Freiheitsentzug ist schon gewaltig für sie gewesen.“

Grundsätzlich wünscht sich Line Fuks eine grundlegende Umstrukturierung unseres Bildungssystems: „Ich würde mir wünschen und ich setze mich dafür ein, dass Bildung anders gestaltet werden kann von denen, die das wollen und können. Vielleicht wäre die Einführung der Bildungspflicht vorteilhafter und die Abschaffung der Schulgebäudeaufenthaltspflicht angebrachter und zeitgemäßer? Denn Kinder wollen lernen. Und sie tun es, wenn man sie lässt. Vertrauen zu haben in die Eltern und in die Kinder ist wichtig. Und sicher auch einen Rahmen zu bieten, in dem Kinder sich bilden können. Denn nicht alle Eltern können und wollen die Bildung ihrer Kinder begleiten. Viele sind darauf angewiesen, arbeiten zu gehen und benötigen eine Institution, die die Kinder beaufsichtigt.

Toll wäre es dann, wenn es Lernorte gäbe, die die Kinder aufsuchen können und dort das erleben dürfen, was sie wollen. Wenn sie ihr Potential entfalten könnten mit der Begleitung von Menschen, die sie fördern. Und das alles auf Basis der Freiwilligkeit.

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