Helmtherapie – Sinn oder Unsinn?

Babys Köpfchen ist nicht gleichmäßig rund, wie es sein soll, sondern leicht deformiert. Als Eltern fragt ihr euch vermutlich, ob das ein Grund ist, etwas zu unternehmen - und wenn ja, was eine sinnvolle Maßnahme ist. Hilft vielleicht die Helmtherapie?

Nein, ein Fahrradhelm ist es nicht, was bereits manche Kleinkinder auf dem Kopf haben. Schließlich sitzen die Kleinen ja auch nicht auf dem Drei- oder Zweirad, sondern werden im Buggy oder Kinderwagen geschoben. Warum haben sie denn dann einen Helm auf? Oder besser eine "Kopforthese", wie der fachlich korrekte Begriff lautet. Was soll ihnen denn, von Mama oder Papa sicher durch die Straßen gefahren, schließlich passieren?

Manche Kleinkinder brauchen schon vor dem Fahrradhelm eine Kopforthese.

Manche Kleinkinder brauchen schon vor dem Fahrradhelm eine Kopforthese.


Helmtherapie – Sinn oder Unsinn?

Der Helm dient hier nicht etwa dem Schutz VOR etwas, vielmehr der Behandlung NACH etwas – denn das, worum es geht, ist schon passiert: Das Babyköpfchen hat sich in den ersten Wochen einseitig verformt. Den Kopf des Kindes in einen therapeutischen Helm zu packen, soll die Verformung  - auch als Deformität bezeichnet - wieder rückgängig machen, also quasi "wieder geraderücken". Ob allerdings eine so genannte Helmtherapie notwendig ist, beziehungsweise wann sie angewandt werden sollte und was sie bewirken kann, ist teilweise umstritten.

Helmtherapie – was sagen die Experten

Kinder- und Jugendärzte werden immer wieder mit der Frage konfrontiert, was man bei Schädelasymmetrien tun kann oder muss. Gesicherte Erkenntnisse dazu gibt es bislang nicht. Neben internationalen Studien zur Helmtherapie war die Problematik 2015 auch Gegenstand einer Doktorarbeit an der Klinik für Orthopädie der Medizinischen Hochschule Hannover. Darin geht es um die "Auswertung des Therapieerfolges der Kopforthesentherapie bei 1050 Patienten anhand digitaler dreidimensionaler Schädelaufnahmen". Das Ergebnis der Studie in der Zusammenfassung: "Mittels Kopforthesentherapie können eingetretene Deformitäten behandelt und eine symmetrische Kopfform erreicht werden."

Außerdem untersuchte die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. die Helmtherapie. Resultat hier: "Das optische und gemessene Ergebnis der dynamischen Kopforthesentherapie ist bei konsequenter Anwendung sehr gut." Sinnvoll ist eine Helmtherapie allerdings nur in den ersten 15 Lebensmonaten, weil dann der Kopf noch so ausreichend wächst, dass es mit dem Helm auch einen ausreichenden Behandlungserfolg gibt.

Helmtherapie - woher kommt die Kopfdeformation?

Der Kopf des Neugeborenen ist noch nicht verknöchert, vielmehr in den ersten Lebensmonaten noch sehr leicht verformbar. Das ist notwendig, damit sich der Schädel dem Gehirn anpassen kann, das sich in seiner Größe in den ersten sechs bis sieben Monaten nahezu verdoppelt. Zugleich bedeutet das, dass von außen einwirkende Kräfte den Kopf deformieren können.

Wenn das Baby auf dem Rücken gelagert wird, kann es beispielsweise zu einer Abflachung des Hinterkopfes kommen, wenn es im Liegen den Kopf bevorzugt in eine Richtung dreht. Und genau das wurde in den vergangenen Jahren den Eltern in einer groß angelegten Kampagne "Back so sleep" (auf dem Rücken schlafen) bewusst empfohlen, wodurch die Fälle eines plötzlichen Kindstodes (SIDS = englisch: Sudden Infant Death Syndrome) deutlich zurück gegangen sind. Zeitgleich gab es jedoch vermehrt auftretende Kopfdeformitäten. Ob es einen direkten Zusammenhang gibt, wird kontrovers diskutiert.

So befasst sich eine weitere Dissertation aus dem Jahr 2016 befasst sich mit neuen Messmethoden für eine mögliche Früherkennung von Kopfasymmetrien. Hintergrund ist, wie es darin heißt, folgender: "Die Häufigkeit .... ist in den letzten Jahren auf 1:60 gestiegen durch die "Back-to- Sleep"-Kampagne ... Bisherige Vermessungsmöglichkeiten von Schädelformauffälligkeiten sind meist aufwendig und kostenintensiv."

Helmtherapie – wann wird sie notwendig?

Wenn das Baby einen asymmetrischen Kopf hat, kann das zum einen angeboren sein. So hält der Säugling bei einer angeborenen Fehlstellung der Hüfte beispielsweise seinen Kopf auf eine Weise, dass es bei den noch weichen Schädelknochen zu einer Verformung kommt. Zum zweiten durch falsches Liegen kann die Kopfverformung entstehen, wenn das Kind sehr einseitig gelagert wird.

Helmtherapie – die Anwendung

Die Kopforthese – außen Plastik, innen Schaumstoff – wird immer individuell angepasst, dazu wird der Kopf des Babys zuvor vermessen. Der Helm muss 23 Stunden am Tag getragen werden. Die Behandlungsdauer hängt von der Stärke der Deformität ab und liegt zwischen zwei und acht Monaten. Während dieser Zeit wird die Helmgröße in regelmäßigen Abständen überprüft und dem Wachstum entsprechend angepasst. Als Nachteile der Therapie wurden dabei ausgemacht:

  1. lange Behandlungsdauer
  2. unangenehmes Handling
  3. hohe Kosten

Helmtherapie - die Kosten

Die Kosten für die Kopfhelmtherapie belaufen sich auf 1.300 bis 2.500 Euro. Im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen ist eine Helmtherapie nicht enthalten. Du kannst aber auf jeden Fall bei deiner Versicherung nachfragen; manche übernehmen die Kosten unter bestimmten Voraussetzungen:

  1. Ein Facharzt für Orthopädie muss den Helm verordnen.
  2. Der Arzt muss zudem bestätigen, dass andere Therapieformen nicht erfolgsversprechend sind.
  3. Er muss darlegen, dass ohne Helmtherapie Folgeschäden wie Haltungsschäden, Probleme mit dem Kau-Apparat, Schulter- und Nackenbeschwerden zu erwarten sind.

Wenn du eine Kopforthese in Eigenregie angeschafft hast, dürfen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten nicht im Nachhinein erstatten – so geregelt im Sozialgesetzbuch V.

Helmtherapie – welche Alternativen gibt es?

In der Tat ist die Helmtherapie nicht die einzige Behandlungsmöglichkeit. Es gibt eine Reihe von Präventivmaßnahmen, die einfach, kostengünstig und effektiv solche lagerungsbedingte Schädeldeformitäten verhindern können.

  • Lagerungstherapie: Dabei wird das Baby animiert wird, sich im Liegen in andere Richtungen zu drehen.
  • "tummy time": Das Baby wird täglich bis zu 30 Minuten im Wachzustand und unter Beobachtung auf den Bauch gelegt.
  • Seitenwechsel: Beim Hochnehmen und Halten des Kindes es mal auf den rechten, dann wieder auf den linken Arm nehmen.
  • Beidseitige Kontaktaufnahme: Du solltest dich dem Kinderbett nicht immer nur von ein und derselben Seite nähern. Auch das Bett umzustellen, so dass das Licht dann von einer anderen Seite kommt, animiert zur Bewegung auch in die andere Richtung.
  • Physiotherapie: Einfache Bewegungs- und Dehnungsübungen.

Helmtherapie – das Fazit

Grundsätzlich kann die Wirkung der Helmtherapie bestätigt werden. Eine Leitlinienempfehlung, also eine wissenschaftliche Entscheidungshilfe für Ärzte bei der Behandlung von Kopfdeformitäten, gibt es derzeit (noch?) nicht. Ohnehin werdet schlussendlich ihr als Eltern selber entscheiden müssen, ob und was ihr unternehmt. Ob ihr der Natur vertraut und abwartet, dass die Deformität sich von selber wieder zurückbildet. Ob ihr mit ein wenig Physiotherapie und "tummy time" der Kopfasymmetrie entgegenwirkt – oder ob ihr euch für die Helmtherapie entscheidet.

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