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Experten-Rat

Noch immer Krieg in der Ukraine: Was unsere Kinder jetzt von uns brauchen

Schon wir Erwachsenen können mit den immer neuen grauenvollen Bildern und Nachrichten nur schwer umgehen. Aber je länger der Angriffskrieg gegen die Ukraine andauert, desto eher werden auch unsere Kids im Kindergarten und in der Schule damit konfrontiert. Wie können wir dann altersgerecht reagieren und für sie da sein? Darüber haben wir mit der Kinder- & Jugendlichenpsychotherapeutin Prof. Dr. Claudia Calvano (FU Berlin) gesprochen.

Wir alle wünschen uns Frieden und würden unsere Kinder am liebsten vor jeder Grausamkeit beschützen. Doch während wir unsere Kleinen noch relativ gut von Kriegsbildern und Nachrichten abschirmen können, liegt es längst nicht mehr in unserer Hand, was unsere Größeren hören und sehen.

Auch die Reaktionen unserer Kinder auf den Krieg sind individuell: Da bleibt das eine Kindergartenkind stumm, das andere spielt plötzlich Krieg, der Grundschüler überlegt sich, wie wir Putin mit giftigen Tieren aufhalten und die Teenagerin schläft kaum, weil sie furchtbare Bilder auf Tik Tok gesehen hat. Bleiben unsere Kinder mit ihren Gefühlen allein, können sie Unsicherheit und noch schlimmere Ängste entwickeln. Deshalb ist es so wichtig, sie da abzuholen, wo sie stehen und sie bestmöglich aufzufangen.

Das Kind erzählt nichts? Erst mal beobachten und in einer ruhigen Minute das Gespräch suchen

Eine Situation, die aktuell nicht wenige Eltern umtreibt: Wir wissen, dass Krieg und Flucht im Kindergarten oder in der Schule Thema sind, unser Kind sagt oder fragt aber nichts dazu. Wie reagieren wir da am besten? Wir wollen ja weder zu wenig noch zu viel erklären.

„Ich würde das erst einmal beobachten und schauen, ist das wirklich so?“, rät Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Prof. Dr. Claudia Calvano. „Dann würde ich mir Zeit nehmen, um mich in einer ruhigen Minute mit meinem Kind auf die Couch zu kuscheln und es zu fragen: Worüber sprecht ihr denn gerade im Kindergarten/in der Schule? Antwortet es völlig entspannt: Übers Basteln, einen Ausflug, den Test… ist das okay. Da würde ich nichts forcieren – gerade bei einem kleineren Kind“, erklärt die Diplom-Psychologin.

„Merke ich dagegen, dass es eher in Richtung Vermeidung geht, mein Kind ängstlich und unsicher ist oder vermutlich viele Fragen hat, die es sich nicht so recht zu stellen traut, würde ich es dazu ermutigen und nachhaken: Was beschäftigt dich? Was für Bilder hast du im Kopf? Oft hilft auch ein Gefühls-Check-In: Wie geht es dir gerade? Warum ist das so?“, sagt Prof. Dr. Claudia Calvano. „Öffnet sich das Kind, antworte ich am besten verständlich und entwicklungsangepasst ehrlich.“ Wir können aufgreifen, was das Kind schon weiß und ihm helfen, das einzuordnen.

Eine heile Welt vorzuspielen ist eher kontraproduktiv: Schon ein kleines Kind spürt, wenn wir etwas nicht so meinen, wie wir es sagen. Wir vermitteln ihm dann unbewusst, dass es nicht auf sein Gefühl vertrauen kann. „Der Fokus sollte trotz unserer Authentizität und eigener Ängste darauf liegen, dem Kind Sicherheit zu geben á la Das ist gerade schwierig für die ganze Welt, aber ganz, ganz viele Länder bemühen sich darum, dass der Krieg endlich aufhört."

Hilfe, unser Kind spielt plötzlich Krieg oder malt erschreckende Bilder…

Hat ein Kind das vorher nie gemacht, kann das Eltern alarmieren. „Trotzdem gilt es, nicht über zu reagieren, sondern Ruhe zu bewahren, sich das anzuschauen und das Gespräch zu suchen“, erklärt Prof. Dr. Claudia Calvano: „Wir können erst mal innehalten und dann ruhig sagen: Du spielst Krieg. Wie kommst du darauf? Beschäftigt dich das gerade? Um die Situation zu begleiten, könnten wir feststellen, dass wir das nicht gut finden und anregen, sich gemeinsam zu überlegen, wie man Frieden zwischen den Parteien herstellen könnte – und wie es dann weitergehen könnte.“

Wichtig zu wissen: Gerade in Situationen, die uns selbst vor den Kopf stoßen, müssen wir nicht sofort reagieren, sondern können bewusst bei uns bleiben, uns fangen und überlegen, wie wir reagieren möchten. Ein reflexhaft harsches: Hier wird nicht Krieg gespielt! Stößt ein Kind nur vor den Kopf und verwirrt es. In der Regel schimpfen Erwachsene ja nicht, wenn es mit Lego, Playmobil oder Freund*innen spielt.

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Waffen, Schimpfworte & Co.: Auch Aggressionen sind nachvollziehbare Reaktionen

Kommen Spielzeugwaffen zum Einsatz, dürfen wir eine rote Linien ziehen und Regeln aufstellen wie: Wir schießen nicht auf Menschen – auch nicht im Spiel! Das Gleiche gilt, wenn Kinder Schimpfworte benutzen – oder, wie schon erlebt, auf dem Spielplatz in Dauerschleife Sätze wie „Wer Krieg anfängt ist ein A…“ vom Klettergerüst schreien. „In so einer Situation kann ich mein Kind ruhig zur Seite nehmen und ihm erklären, dass es bitte aufhören soll. Die Botschaft ist angekommen, jetzt reicht es mit den Schimpfwörtern.“

Manche Kinder werden auch kreativ, indem sie sich Strategien überlegen, um Putin zu stoppen. Da kommen Ideen, wie seinen Palast zu fluten oder ihm giftige Tiere zu schicken… Was im ersten Moment schockieren kann, hat etwas Gutes: Ein Kind, das sich solche Strategien überlegt, steuert Ohnmachtsgefühlen entgegen. „Oft kennen sie so etwas auch schon aus Büchern, Serien oder Spielen. Aber natürlich sind wilde, vielleicht sogar brutale Fantasien keine Lösung."

„Wir könnten die Kreativität sanft umlenken, indem wir erst mal feststellen: Okay, er hat diesen Krieg angefangen, du bist superwütend und willst ihn am liebsten auf den Mond schießen. Aber viele Menschen arbeiten schon daran, ihn vor Gericht zu stellen“, rät Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Prof. Dr. Claudia Calvano. „Weil wir dabei nicht direkt helfen können, lass uns schauen, was wir tun können. Wir könnten zum Beispiel Geld, Kleidung, Decken oder Nahrungsmittel dahin spenden, wo sie gebraucht werden.“

Stichwort Nachrichtenflut: Raus aus der Ohnmacht – was können WIR tun?

Kriegs-Fotos und Fake-Bilder können uns verstören, Angst machen – und sie brennen sich ins Gedächtnis ein. Gerade Kinder und Jugendliche sollten vieles, was jetzt in den (Sozialen) Medien geteilt wird, nicht sehen müssen. „Da sind wir Eltern in der Verantwortung“, sagt die Psychotherapeutin Prof. Dr. Claudia Calvano. Je älter ein Kind ist, desto schwieriger wird es natürlich, alles mitzubekommen. Aber wir Erwachsenen können so nah dran sein wie möglich, das Gespräch anbieten und vermitteln: Ich bin da! Im besten Fall besteht eine Vertrauensbasis und unsere Kinder öffnen sich uns.

„Ein Gesprächsanfang könnte sein: Ich sehe gerade Dinge in den Nachrichten, die ich ganz schrecklich finde. Hast du auch solche Bilder gesehen? Wie geht es dir damit? In der Regel bekommen wir darauf eine Antwort wie: Das schockiert mich/macht mich wütend/traurig/hilflos/ ängstlich. Dann könnten wir vorschlagen: Wäre es nicht besser, wenn du versuchst, dich vor diesen Bildern zu schützen? Sie zu sehen, ändert ja nichts.

Viel wichtiger ist es, sich aus der eigenen Ohnmacht zu befreien: Was können wir tun? Ein Weg wäre, online zu recherchieren: Wo und wie können wir helfen? Vielleicht gehen wir zusammen auf eine Anti-Kriegs-Demo oder uns ist es möglich, eine geflüchtete Familie aufzunehmen. So richten wir den Fokus auf Lösungen. Und: Etwas für andere zu tun, tut auch uns gut.

Ängste, Schlaflosigkeit, Panik: Wie helfe ich meinem Kind?

Kinder, die ohnehin schon ängstlicher sind, zum Grübeln neigen oder Sorgen eher in sich hineinfressen, belasten die aktuellen Nachrichten und Bilder noch zusätzlich. „Zieht sich ein Kind immer mehr zurück und kommt es von den Angstgedanken nicht los, würde ich mich an einen Psychotherapeuten oder eine Psychotherapeutin in der Nähe wenden“, sagt die Expertin.

Bei der kassenärztlichen Vereinigung gibt es online eine Arztsuche. Auch Hochschulambulanzen sind eine gute Anlaufstelle. Nach ersten stabilisierenden Maßnahmen, kann das Kind dann im geschützten Rahmen mit einer Fachkraft erarbeiten: „Was sind meine Ängste und Sorgen?“ Und was kann ich dagegen tun?“

Es gibt auch im Alltag Möglichkeiten, Gegengedanken zu entwickeln und Grübel-Spiralen zu stoppen. „Wertvoll sind Routinen: Ein Kindergarten- oder Grundschulkind könnte etwa immer abends mit seinen Eltern darüber sprechen, was gut war an diesem Tag“, erklärt Prof. Dr. Claudia Calvano. So liegt der Fokus auf dem Positiven. Inzwischen gibt es viele kindgerechte Entspannungsübungen und -geschichten. „Und schon kleinere Kinder können lernen, dunkle Gedanken als Wolken zu begreifen, die weiterziehen dürfen oder die sie wegschieben können.“

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Teenagern helfen Entspannungsmethoden oder Atemübungen ebenfalls. Drohen sie negative Gefühle zu überfluten, können sie beispielsweise erst einmal

  • 4 Sekunden lang tief durch die Nase einatmen,
  • 4 Sekunden lang den Atem anhalten,
  • 4 Sekunden durch den Mund ausatmen
  • und 4 Sekunden lang den Atem anhalten.

Regelmäßiges, tiefes Atmen wirkt beruhigend aufs Nervensystem. Gespräche und Diskussionen helfen Jugendlichen dabei, Überforderndes zu verarbeiten. Wir müssen nicht auf alles eine Antwort wissen, aber authentisch und typ- und entwicklungsgerecht antworten. Wichtig ist, ihre Sorgen ernst zu nehmen und auf sie einzugehen. Kinder sind individuell. Jedes reagiert anders und braucht eine andere Art der Unterstützung. Eltern haben da in der Regel ein gutes Gespür.

Es gibt außerdem einige hilfreiche Medienangebote für Schulkinder wie die Nachrichten von Logo. Online findet ihr hier eine Übersichtsseite rund um die Frage "Was passiert in der Ukraine"? Auch die Sendung mit der Maus greift das Thema Krieg in der Ukraine auf.

Kann ich als Mutter oder Vater auch etwas komplett falsch machen?

„Natürlich sollten wir unser Kind nicht anschreien, abweisen oder ihre Sorgen kleinreden“, sagt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. „Aber auch wenn das aufgrund meiner eigenen Überforderung passiert, kann ich später noch mal zu meinem Kind gehen und mich entschuldigen.“

Um unguten Reaktionen vorzubeugen, ist es unsere Aufgabe als Eltern, ein Ventil für die eigenen Ängste zu finden: Wir brauchen andere Erwachsene, um unsere Sorgen und Befürchtungen zu besprechen. Wichtig sind auch schöne Momente, aus denen wir Kraft schöpfen. Und es hilft, wenn wir etwas tun, um die Welt zumindest ein klein wenig besser zu machen. Ein Schritt in die richtige Richtung ist es, unsere Kinder zu lieben, ihnen Werte wie Empathie und (Selbst-)Mitgefühl vorzuleben, im eigenen Rahmen zu helfen – und so dem Krieg Hoffnung entgegenzusetzen.

Unsere Kinder und der Krieg: Mit diesen 5 Tipps unterstützen wir unsere Kinder jetzt am besten

  • Ruhe bewahren und reflektieren: Wie empfinde ich als Erwachsener selbst? Wie finde ich ein Ventil dafür? Und wie will ich reagieren?
  • Da sein: Werden Kinder mit ihren Ängsten allein gelassen, können sie Unsicherheiten und noch größere Ängste entwickeln. Wir müssen ihre Sorgen deshalb ernst nehmen und auf sie eingehen.
  • Halt geben: Kinder dürfen wissen, dass ihre Eltern auch verunsichert sind und nicht auf alle Fragen eine Antwort haben. Trotzdem gilt es, ihnen Sicherheit und Trost zu vermitteln.
  • Sich Zeit nehmen: Wir können in einem ruhigen Moment das Gespräch suchen, aufgreifen, was das Kind schon weiß und ihm helfen, das einzuordnen. Lieber erst mal zu wenig als zu viel Input.
  • Selbstwirksam sein: Wo können wir als Familie im Kleinen unterstützen, Haltung zeigen, Hilfe anbieten?
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Bildquelle: Getty Images / fizkes

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