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Mama macht Politik

Katharina Schulze: „Das ist das Schöne an Demokratie: Alle können mitmachen und mitdiskutieren, wählen und sich wählen lassen.”

Katharina Schulze
© tinografiert

Politik ist ein Knochenjob, der kaum Zeit lässt, für Privat- oder sogar Familienleben. Das hat zur Folge, dass meist Menschen tonangebend sind, die keine unbezahlte Care-Arbeit leisten. Was sich wiederum nicht gerade positiv auf die Familien- und Sozialpolitik unseres Landes auswirkt. Darum sind pflegende Angehörige, Eltern – und besonders auch Mütter – in der Politik so wichtig für unsere demokratische Gesellschaft. In der ersten Folge unserer Reihe „Mama macht Politik“ trifft Autorin und familienpolitische Akteurin Natascha Katharina Schulze, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayrischen Landtag.

Natascha: „Du bist gleichzeitig erfolgreiche Politikerin und Mutter eines Sohnes. Was war anstrengender: Wochenbett oder Wahlkampf?”

Beides hatte seinen Reiz und beides war anstrengend. Ein Kind zu bekommen ist so unglaublich schön und stellt buchstäblich alles auf den Kopf. Auch wenn man vorher viel darüber liest und hört. Du kannst gar nicht wirklich vorbereitet sein, weil es so ein alles verändernder Einschnitt ist. Sehr intensiv, sehr schön – und sehr anstrengend.

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Und der Wahlkampf war ähnlich anstrengend. Vor allem aber SEHR intensiv, weil wir einen sehr hitzigen Wahlkampf in Bayern hatten. Hass und Hetze haben sehr zugenommen – auch im Internet, aber nicht nur dort. Wir hatten viele Beschimpfungen, bis hin zu Steinwürfen auf die Bühne – das war schon sehr belastend. Gleichzeitig war der Wahlkampf aber auch total schön, weil ich tolle Menschen kennengelernt habe und viel in den Dialog gehen konnte. Deswegen mache ich ja so gerne Politik.

Und noch eine Gemeinsamkeit zwischen Wochenbett und Wahlkampf: Bei beidem ist es auch gut, dass es zeitlich begrenzt ist. (lacht)

Natascha: „Bleiben wir mal beim Wochenbett: Vorher hört man ja oft  Aussagen wie, man solle die Kuschelzeit genießen und wie wunderschön alles sein wird. Und dann ist man in der Situation und merkt, dass eben nicht alles nur super ist. Müssten wir in der Gesellschaft noch viel offener darüber sprechen, dass Wochenbett und Elternsein Ausnahmesituationen sind?”

Ich glaube, dass es gut ist, dass immer mehr Themen enttabuisiert werden. Das ist wichtig für diese Gesellschaft, weil wir so den Druck reduzieren. Gerade auf uns Frauen, auf Müttern lastet ja ein großer Druck. Es gibt unzählige Bilder, denen man angeblich zu entsprechen hat. Deswegen würde es uns allen und der Gesellschaft im Gesamten guttun, diesen Druck abzuschichten.

Jeder Mensch ist verschieden, jede Geburt, jedes Wochenbett. Es kommt immer auf das Gegenüber an, auf dich selbst, auf deine Situation. Hast du eine Partnerin, einen Partner, die dich unterstützen können, hast du ein gutes Netzwerk an Menschen, die dir beim Aufziehen helfen, usw. So vielschichtig die Gesellschaft ist, so vielschichtig sind auch die Themen Mutterschaft und Elternschaft. Ich glaube, sich davon zu lösen, dass es nur den einen Weg gibt, das tut uns allen gut und nimmt den Druck.

Sich davon zu lösen, dass es nur den einen Weg gibt, das tut uns allen gut und nimmt den Druck.

Natascha: „Auch die Politik könnte ja einen Beitrag für ein besseres Wochenbett leisten: Im Koalitionsvertrag der Ampelregierung steht die Familienstartzeit bereits drin. Also, dass Partner und Partnerinnen künftig eine zweiwöchige bezahlten Auszeit nach Geburt eines Kindes erhalten sollen. Allerdings ist die Hälfte der Legislaturperiode bereits um und bisher gibt es noch keine Familienstartzeit. Denkst du, sie wird noch kommen?”

Die Familienstartzeit ist ein absolut wichtiges Instrument, um die Vereinbarkeit von Familie auf mehrere Schultern zu legen und vor allem um Frauen in einer sehr vulnerablen, intensiven Zeit zu unterstützen. Gleichzeitig ist sie auch für Partner und Partnerinnen eine total wichtige Zeit, weil sich mit Geburt eines Kindes buchstäblich alles ändert. In dieser Phase mehr Zeit miteinander zu haben, einander kennenzulernen, sich von Geburtsverletzungen zu erholen, das ist wichtig. Deswegen gilt es, Familien politisch mehr zu unterstützen.

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Ich war sehr happy, als ich erfahren habe, dass die Ampel-Bundesregierung sich vorgenommen hat, mit den intensiven zwei Wochen nach der Geburt anzufangen. Leider hört man aus dem FDP-geführten Ministerium nicht so unterstützende Worte. Ich hoffe daher, dass man sich auf diesen Kompromiss einigen kann und die Familienstartzeit dann auch kommt. Denn ich glaube, sie wäre für die gesamte Familie sinnvoll, nicht nur für die Mutter.

Wer ist Katharina Schulze?

Katharina Schulze ist Spitzenpolitikerin, Mutter und dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Seit 2013 ist die ehemalige Handballerin Abgeordnete des Bayerischen Landtags und dort Fraktionsvorsitzende der Grünen. In der eher männlich dominierten bayerischen Landespolitik setzt sie regelmäßig familienpolitische Inhalte auf die politische Prioritätenliste und macht Familien- und Sozialpolitik zur Chefinnensache.

Natascha: „Auch wenn es um die Betreuung in Kitas geht, kommt Politik, in dem Fall Landespolitik, zum Tragen. Bei uns in der Kita werden gerade händeringend ErzieherInnen gesucht, aber aufgrund des Fachkräftemangels ohne Erfolg. Welche Lösungskonzepte kann und muss Politik hier liefern?”

Der Fachkräftemangel, gerade in den sozialen Berufen, ist enorm. Und hier muss man ehrlich sein: Es gibt dafür keine schnelle Lösung. Fachkräfte kannst du nicht backen. Leider hat die CSU-geführte Staatsregierung in Bayern das über viele Jahre vollkommen ignoriert. Markus Söder und sein Kabinett müssen das Thema jetzt endlich zur Top-Priorität machen, sonst fahren wir in fünf Jahren mit Karacho gegen die Wand!

Das bedeutet, wir müssen jetzt schnell an verschiedenen Stellschrauben drehen. Zum Beispiel: Viele Erzieherinnen und Erzieher haben ihren Job mit Liebe und Motivation begonnen und hören nach zehn Jahren auf, weil sie einfach nicht mehr können. Die Fachkräfte, die wir haben, brennen gerade aus, wir müssen sie stabilisieren und halten. Wir müssen konkret schauen: Wo können wir sie bei fachfremden Tätigkeiten entlasten? Dass sie nicht auch noch neben der Betreuung das Mittagessen schnipseln müssen, dass es eine Hauswirtschafterin gibt, Bürokratie für die Kita-Leitungen abgebaut wird und so weiter.

Diese Fachleute arbeiten mit dem wichtigsten, was wir haben, mit unseren Kindern – dann sollten sie auch gute Arbeitsbedingungen haben.
Katharina Schulze

Außerdem müssen wir mehr Menschen in diese Berufe bekommen: Kinderpflegerinnen und Kinderpfleger müssen von Anfang an ein ordentliches Gehalt verdienen. Und wir müssen den Zugang für zugewanderte Fachkräfte erleichtern, Deutsch-Schnellkurse ermöglichen, Sprachbarrieren abbauen. Insgesamt brauchen wir mehr Geld im System. Diese Fachleute arbeiten mit dem wichtigsten, was wir haben: mit unseren Kindern. Dann sollten sie auch gute Arbeitsbedingungen haben.

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Was mir besonders wichtig ist: Familien- und Sozialpolitik ist kein Wohlfühl-Programm. Familien- und Sozialpolitik ist knallharte Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Was uns als Volkswirtschaft jeden Tag durch die Lappen geht, weil gut qualifizierte Eltern nicht ihren Teil der Leistung bringen können, den sie gerne möchten, weil es an Betreuungsplätzen fehlt, ist nicht nur eine Ungerechtigkeit, sondern volkswirtschaftlich eine Katastrophe!

Ich verstehe nicht, dass dies viele Politiker, gerade aus der CSU, oft nicht interessiert, denn eine funktionierende Versorgung der Kleinsten oder Ältesten ist die Basis davon, dass wir erfolgreich sind, dass wir Innovation betreiben können, dass wir arbeiten können, dass wir unseren Wohlstand halten können.

Natascha: „Im politischen Alltag erlebe ich in meinem Engagement immer wieder, dass viele Politiker das leider NICHT leben und Familienpolitik KEINE Priorität einräumen. Wie können wir das ändern? Brauchen wir mehr Familien, und auch Eltern von kleinen Kindern direkt im politischen Geschehen?”

Auf jeden Fall. Das ist das Schöne an Demokratie: Alle können mitmachen und mitdiskutieren, wählen und sich wählen lassen. Je mehr Vielfalt es gibt, desto besser werden die Entscheidungen.

Es ist gut, wenn sich Menschen, die Kinder haben, auch politisch engagieren und ihre Erfahrungen bei diesen wichtigen Entscheidungen miteinfließen. Ich weiß, dass es sauanstrengend ist – ich mache es jeden Tag. Aber ich glaube, dass es sehr wichtig ist.

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Wichtig ist es auch, diejenigen in der Politik, die diese Gruppe vertreten, zu unterstützen. Auch da kann ich aus dem Wahlkampf berichten, ich war die einzige Spitzenkandidatin und habe jedes Mal über diese unsere Themen geredet und so mussten sich die anderen männlichen Kandidaten zwangsläufig dazu verhalten.

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Generell gilt, wenn man eine verantwortungsvolle Position hat, egal ob in der Politik oder im Unternehmen, ist es wichtig, seine Stimme zu erheben und immer wieder auf diese Themen aufmerksam zu machen. Stellvertretend für alle, die zu Hause die Care-Arbeit übernehmen und die Anstrengungen des Alltags nur mit Müh' und Not stemmen.

Lobbyarbeit für Eltern und Familien muss noch stärker werden. Ich weiß, das ist viel verlangt, weil der Alltag stressig genug ist. Aber auch hier gibt es Abstufungen. Man muss ja nicht jedes Wochenende eine Demo organisieren. Aber man kann ab und zu einer gehen. Man kann soziale Netzwerke nutzen, um Druck aufzubauen oder mal den örtlichen Abgeordneten anschreiben und die Situation schildern. Man kann zu einer politischen Veranstaltung vor Ort gehen und Fragen stellen. Das muss man nicht jedes Mal machen, aber vielleicht schafft man es ab und zu.

Natascha: „Vielen lieben Dank, Katharina!”

Natascha Sagorski

Ein Lichtblick!

Ich wohne bei München und habe den letzten Landtagswahlkampf in Bayern intensiv verfolgt. In männlich dominierten Talkrunden war Katharina Schulze für mich immer ein Lichtblick, denn es vergingen meist nur wenige Minuten bis sie das erste Mal fehlende Kita-Plätze und andere brennende Familienthemen angesprochen hat. "Familienpolitik ist kein Gedöns, sondern knallharte Wirtschaftspolitik" – da hat Katharina Schulze mir in unserem Interview direkt aus der Seele gesprochen. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir Menschen in den Parlamenten und Kabinetten sitzen haben, die aus eigener Erfahrung wissen, dass ein Kita-Platz vielerorts fast schon ein Lottogewinn ist, es alle andere als selbstverständlich ist, dass jede Schwangere von einer Hebamme betreut wird und was es konkret im Alltag bedeutet, wenn in Deutschland fast 15.000 LehrerInnen-Stellen fehlen.

Mehr Eltern in der Politik, das ist eine Sache. Wie Katharina Schulze aber richtig anspricht, müssen wir Familien aber auch mehr Lobbyarbeit für uns selbst machen. Zum Beispiel, indem wir gemeinsam laut werden!

Das könnt ihr mit uns bei Deutschlands zweiter Familienkette
am 5. Mai um 11 Uhr
auf dem Marienplatz in München!

Wer nicht persönlich kommen kann, hat die Möglichkeit, an dem Tag bei der Kettenmailaktion online unterstützen. Alle Infos findet ihr bei Instagram bei @familie_sind_alle.

Natascha Sagorski

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Quiz: Erkennst du diese Menschen aus der deutschen Politik?

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