Normales Verhalten oder Entwicklungsstörung?

Lesen Sie hier ein Interview mit Dr. Jörn Borke zum Thema normale Entwicklung bei Kindern. Dr. Borke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Osnabrück und des niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung.

Experten-Interview mit Dr. Jörn Borke

Ist mein Kind normal?

Manche brauchen länger, um Reize zu verarbeiten.


Wo verläuft die Grenze zwischen anstrengendem Verhalten und Entwicklungsstörungen?
Dr. Jörn Borke: Wann Kinder verhaltensauffällig sind, ist schwierig zu sagen, weil es sehr variabel ist, zu welchem Zeitpunkt Kinder bestimmte Entwicklungsziele erreichen.
Kann man ständiges Schreien und extreme Trotzanfälle also einfach nur hinnehmen?
Es gibt Kinder, die anstrengend sind, die ein schwieriges Temperament haben. Aber natürlich können auch Belastungen oder Schwierigkeiten der Eltern oder des Umfeldes zu anstrengendem kindlichen Verhalten führen. In der Babysprechstunde, die wir an der Uni Osnabrück anbieten, sagen wir: Alle sind beteiligt, aber niemand ist schuld. Auf ein Kind beispielsweise, das seine Zeit braucht, um Reize zu verarbeiten, muss man anders eingehen als auf eines, das damit kein Problem hat.
Was aber, wenn Eltern den Verdacht haben, dass mehr dahinterstecken könnte?
Es ist viel Unsicherheit da, und auch viel Leistungsdruck, schon im Babyalter. In vielen Fällen kann es für Eltern erleichternd sein, sich auf die Debatte „Ist das normal oder nicht?“ gar nicht erst einzulassen. Es werden oft allzu schnell und allzu früh Therapien losgetreten, und das kann auch nach hinten losgehen: Wenn Kinder daraus immer wieder die Erfahrung mitnehmen, dass sie etwas nicht können.
Eine Entwicklung des Kindes, die einem Sorge bereitet, kann man aber doch nicht einfach ignorieren?
Es gilt natürlich zu vermeiden, dass ernsthafte Fehlentwicklungen nicht erkannt werden. Die „Grenzsteine“, die darlegen, welche Entwicklungsschritte 90 Prozent und mehr der Kinder einer bestimmten Altersstufe erreicht haben, sind eine seriöse Liste, die hilft, Entwicklungsverläufe einzuordnen. Aber auch da sollten keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Wenn das Kind etwas nicht kann, beispielsweise nach dem 24. Monat noch nicht sicher läuft, heißt das immer noch nicht zwingend, dass es eine Störung gibt, aber es ist ein Hinweis darauf, dass hier näher beobachtet und getestet werden sollte, ob eine Entwicklungsproblematik vorliegt.

ADHS und KiSS: Können diese Diagnosen Normabweichung erklären?

Zwei Beispiele für Krankheitsbilder, die immer häufiger auch bei Babys und Kleinkindern diagnostiziert werden
ADHS: Die rasante Zunahme der Fallzahlen deutet darauf hin, dass ADHS eine 'bequeme' Diagnose ist. Vorsicht: Zum Aufmerksamkeitsdefizits-Syndrom beziehungsweise zur Hyperaktivität gehören so viele Einzelsymptome, dass auch Verhalten, das noch im Norm bereich liegt, dem Krankheitsbild zugeordnet werden kann.
KiSS-Syndrom: Die 'Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung' ist eine Wirbelfehlstellung, die oft als Ursache für exzessives Säuglingsschreien ausgemacht wird. Die Herangehensweise von Ostheopathen besteht in sanftem Wiedereinrenken. Erster Ansprechpartner ist immer der Kinderarzt. Achtung: Die Diagnose KiSS-Snydrom ist medizinisch umstritten und wird nicht im Allgemeinen von der Schulmedizin und den Krankenkassen nicht anerkannt.


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