Früher war alles besser - erziehen wir eine Nation von Stubenhockern?

Kleinkind

Früher war alles besser - erziehen wir eine Nation von Stubenhockern?

Bei Umfrageergebnissen, dass immer weniger Kinder draußen spielen, schrillen bei unserer Redakteurin Anja Kleinelanghorst die Alarmglocken.

Auch wenn ich wie eine olle Tante klinge, die mault, dass früher alles besser war: Die Tendenz, dass Kinder und Jugendliche ihre Zeit lieber drinnen verbringen, schockiert mich schon ein bisschen. Wenn bei einer Studie des Kinderhilfswerks herauskommt, dass 45 Prozent der befragten Kinder zwischen zehn und siebzehn Jahren sagen, dass sie kaum draußen spielen, finde ich das traurig. Ebenso, wenn ich von der Weltgesundheitsorganisation höre, dass sich Kinder im Vorschulalter mehr bewegen sollten, denn in meiner, vielleicht rosagefärbten Sicht auf die Vergangenheit haben sich damals alle Kinder bewegt.

Kinder hocken lieber daheim als draußen zu spielen - wer ist schuld?

Draußen spielen: Ein Zeichen der Vergangenheit?

Ich bin in den Siebziger und Achtziger Jahren aufgewachsen, und da hat es sicherlich auch Kinder gegeben, die sich lieber drinnen aufgehalten haben, aber die hatten gar keine Chance, ihre Eltern wollten sie nicht vor den Füßen haben. Die Kids mussten raus auf die Straße, mit den Nachbarskindern spielen. Selbst in Großstädten gab es noch genügend Grünflächen und Parks, wo man Verstecken oder Völkerball spielte. Völkerball war das Spiel meiner Kindheit. Irgendwann am späten Nachmittag fanden sich immer genügend Kinder ein, um mitzumachen.

Mittlerweile hat Völkerball einen schlechten Ruf, denn kanadische Wissenschaftler befanden, dass es ein perfektes Spiel sei, um andere fertigzumachen. Zunächst die Auswahl der beiden Mannschaften, die Demütigung, als letzte ausgewählt zu werden und dann später auf dem Feld mit dem Ball voll abgeklatscht zu werden. Ich gehörte oft zu denen, die das Feld früh verlassen mussten - zu groß, und die Reflexe waren auch nicht so dolle. Aber ich kann jetzt nicht behaupten, dass es schlimme Spuren hinterlassen hätte.  

Aber zurück zu den Freiheiten, die wir früher hatten und bei denen sich unsere Gesichter verklären. Raus, an den Bach und Damm gebaut. Die Ansage der Eltern war nur: "Um sechs bist du wieder da". Und so kamen die Nachbarskinder zusammen, spielten, zankten, spielten wieder. Und dies ohne erwachsene Aufsicht. Da musste man eben selbst entscheiden, ob man die doofe Andrea tolerierte, denn die konnte schließlich mit einem Skateboard aufwarten. Social Skills, das Zauberwort bei heutigen Bewerbungsgesprächen, wurden also damals schon trainiert.

Überall Autos: Da kann man gar nicht spielen!

Es tut mir leid, dass die meisten Kinder von heute dieses freie Streunen nicht mehr machen. Denn es ist ja gar nicht ihre Schuld. Die Straße, auf der wir früher Völkerball gespielt haben, ist nun von parkenden Autos vollgestellt. Ein fahrendes Auto taucht auch viel öfter auf - ziemlich nervend für Völkerball. Außerdem sind da gar nicht so viele Kinder, um das überhaupt zu spielen. Den besten Freund oder die beste Freundin zwei Häuser weiter zu haben, ist ein ziemlicher Luxus. Spontane Verabredungen gibt es heute kaum, Eltern müssen Kinder bringen, da die Entfernungen zu weit und in ihren Augen zu gefährlich sind.

Die britische Sendung Planet Child machte vor Kurzem ein Experiment und ließ Kinder unter sieben Jahren allein durch London navigieren. Sie bekamen eine Straßenkarte und hatten einige Aufgaben zu erfüllen. Sie mussten erst durch einen Park gehen und von einem Café ein Souvenir holen und dann mit dem Bus zum London Eye, dem großen Riesenrad, fahren. Es waren drei Gruppen, ein siebenjähriges Zwillingspaar, ein siebenjähriger Junge mit seinen vier und fünf Jahre alten Cousinen und zwei fünfjährige Cousins.

Die Kinder kamen nicht aus London und sie alle zeigten bemerkenswertes Navigationstalent oder genügend Selbstbewusstsein, die Erwachsenen auf dem Weg zu fragen. Natürlich waren die Kleinen nie allein, im Park wurden sie von Kameras begleitet, im Bus waren versteckte Kameras und außerdem waren um sie herum Menschen, die auf sie aufpassten. Aber sie alle schlugen sich wunderbar durch diese große Stadt. Ihre Eltern schwitzten allerdings tausend Tode.

Bremsen wir Kinder?

Wobei wir bei einem sehr wichtigen Thema wären. Die Generation meiner Eltern hat die Kinder aus dem Haus gescheucht und genügend Vertrauen oder vielleicht auch Sorglosigkeit gehabt, um dies einfach zu machen. Meine Generation und auch die Generation nach mir hat dieses Vertrauen überhaupt nicht. Uns wird unwohl, wenn wir unseren Nachwuchs nicht im Auge haben, denn es kann ja was passieren. Ihn allein mit dem Bus fahren zu lassen - um Himmels Willen!

Unsere Tochter oder unseren Sohn ohne Aufsicht in die Welt zu schicken, würden wir gar nicht fertigbringen. Wenn wir also maulen, dass die heutigen Kinder gar nicht aus dem Haus kommen, hat es zu einem Teil auch mit uns zu tun. Natürlich auch viel mit den Umständen und da besteht ebenso gehöriger Handlungsbedarf, dass man mehr Freiraum für Kinder schafft. Aber es sind eben auch der Kontrollzwang und die elterlichen Ängste, die verhindern, dass die Kleinen dieses selbstvergessene Erleben von Natur und Spielen nicht mehr haben. Vielleicht sollte man ihnen mehr zutrauen, denn man will sie doch bestimmt nicht zu Stubenhockern erziehen.

Bildquelle:

Getty Images

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