Hypnobirthing aus Hebammensicht

Was steckt hinter dem Begriff "Hypnobirthing"? Unter welchen Bedingungen kann das Konzept der schmerzfreien/schmerzarmen Geburt funktionieren? Hebamme Jana Friedrich geht diesen Fragen auf den Grund.


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Hypnobirthing - Was ist dran?

Eine schmerzfreie Geburt - geht das wirklich?


© Thinkstock
Was ist Hypnobirthing?


Hypnobirthing ist eine Methode, um die Geburt durch spezielle Techniken möglichst schmerzarm zu erleben. Mitunter verspricht die Methode sogar Schmerzfreiheit, denn beim Hypnobirthing geht man davon aus, dass Wehen an sich nicht schmerzhaft sind. Die Theorie dahinter lautet, dass der Geburtsschmerz nur erlernt bzw. gesellschaftlich vorprogrammiert ist und durch einen Teufelskreis aus Angst und Anspannung entsteht. Wenn man also durch Entspannungs-, Meditations- und Visualisierungsübungen eine neue positive Verknüpfung zu den Muskelkontraktionen aufbauen kann, wird man eine weitestgehend schmerzfreie Geburt erleben können.
Dazu ist es zunächst wichtig, alle negativ besetzten Begriffe wie „Wehe“ oder „Schmerz“ in „Welle“ oder „Muskelgefühl“ zu übersetzen. Als nächstes lernen die Frauen die Aufgaben des Körpers unter der Geburt kennen und werden vor allem davon überzeugt, dass dieser absolut in der Lage ist, sie zu meistern. Durch Affirmationen, Gedankenreisen und Meditationstechniken soll die Angst vor der Geburt einer inneren Gelassenheit und freudigen Erwartung weichen. Unter der Geburt wenden die Frauen dann die erlernten Techniken an und erleben sie in einem tranceartigen, schmerzfreien (oder zumindest schmerzarmen) Zustand. Soweit die Theorie von Marie Mongan, die ihr Konzept 1989 in ihrem Buch „HypnoBirthing:A Celebration Of Life“ veröffentlichte.

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Was ist dran am Hypnobirthing-Hype?

Aber funktioniert das auch alles so? Ich habe mal eine kleine, sicher nicht absolut repräsentative, aber sehr interessante Umfrage auf meiner Facebookseite gestartet. Einige Frauen gaben damals tatsächlich an, keine oder zumindest nur wenig Schmerzen gehabt zu haben. Was ich aber am spannendsten fand war, dass selbst die Frauen, die "normale" Wehen hatten, überwiegend berichteten, sehr zufrieden mit ihren Geburten gewesen zu sein. Das galt allerdings vor allem bei Frauen, die außerklinisch geboren hatten. Bei den Klinikgeburten sah es leider nicht so positiv aus.

Wie eine Geburt verläuft, hängt - meiner Meinung nach - maßgeblich von folgenden drei Faktoren ab:

➤ Die innere Einstellung: Frauen, die sich auf die Geburt freuen, oder zumindest mit einer gewissen positiven Neugierde in die Geburt gehen, haben meistens ein deutlich besseres Geburtserlebnis, als Frauen, die ihr voller Angst und Sorge entgegentreten.

➤ Begleitung und Betreuung: Eine kontinuierliche 1:1-Hebammenbetreuung senkt nachweislich den Schmerzmittelbedarf und sorgt für physisches und psychisches Wohlbefinden. Auch die Wahl der weiteren Begleitperson(en) ist hier mit entscheidend.

➤ Und ein kleines Bisschen Schicksal ist auch immer mit dabei.

Zwei dieser Faktoren kann man selbst beeinflussen: Die Wahl des Geburtsteams ist einer davon. Und Hypnobirthing arbeitet letztlich an der inneren Einstellung. Viele Frauen, die mit Hilfe der Hypnobirthing-Methode geboren haben, berichten von einer ruhigen, selbstbestimmten, schmerzarmen Geburt. Aber nicht allen Frauen ist es möglich, in diesen angenehmen, tranceähnlichen Zustand zu gelangen. Denn nicht alle können innerhalb der kurzen Zeit des Übens, all die negativen Gedanken und Ängste loswerden, die sie vielleicht schon ein Leben lang im Kopf abgespeichert haben. Nicht alle Frauen erleben durch Hypnobirthing die versprochene Wunschgeburt. Und nicht alle erleben sie schmerzfrei. Aber allein die Aussicht auf eine schmerzärmere Geburt dürfte den Hype um das Thema nachvollziehbar erklären.
Hypnobirthing & Krankenhaus - ein Widerspruch?
Die allermeisten Frauen in Deutschland entscheiden sich für ein Krankenhaus als Geburtsort. Frauen, die Hypnobirthing unter der Geburt anwenden, fühlen sich dabei aber oft von den Krankenhausroutinen gestört und aus ihrer Konzentration gerissen. Auch haben sie häufig das Gefühl, sich gegen Routinemaßnahmen verteidigen zu müssen. In den zuvor belegten Kursen haben sie einen bestimmten Ablauf erlernt, der sich aber von den Abläufen in der Klinik an der einen oder anderen Stelle nun doch unterscheidet. Nicht selten entsteht dabei ein unterschwelliger „Kampf“ zwischen Frau und Klinikpersonal. Manchmal mögen das wirklich unsinnige Maßnahmen wie ein routinemäßig gelegter Zugang sein. Manchmal sind es aber auch Notwendigkeiten, die schlichtweg den geburtshilflichen Richtlinien geschuldet sind, wie z.B. die CTG-Kontrollen.

Aber oft rennen Hypnobirthing-Frauen auch offene (Klinik-)Türen ein: Die meisten Hebammen wünschen sich doch, Frauen zu betreuen, die selbstbestimmt und interventionsfrei gebären möchten. Die "Hypnobirthing-Frauen" sind aber in ihrer Vorbereitung häufig so darauf gepolt worden, ihre Rechte in einer Klinik verteidigen zu müssen, dass sie das gar nicht bemerken. Dadurch wird die ganze schöne Entspannung oft wieder zunichte gemacht, denn wer Angst hat, man könne ihm per se was Böses wollen, kann nicht locker lassen.

Ein ganz wichtiger Punkt für eine gute Geburt - ob nun mit Hypnobirthing oder ohne - ist aber Vertrauen in das Geburtsteam zu haben. Daher sollte man sehr gut überlegen, ob z.B. das "Hochriskikohaus" (Level 1 Klinikum), das man sich vielleicht für die Geburt ausgesucht hat, auch wirklich zu den Prinzipien einer interventionsfreien, selbstbestimmten Hypnobirthing-Geburt passt. Oder ob man sich dann zumindest eine Beleghebamme mitnimmt, zu der man Vertrauen hat, oder gleich einen ganz anderen Ort für die Geburt wählt. 

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Mein Fazit

Als Hebamme bin ich von den Grundprinzipien des Hypnobirthings inzwischen ziemlich begeistert. Ich denke, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie in jeden „normalen“ Geburtsvorbereitungskurs Einzug erhalten.

Anders herum finde ich es allerdings sehr wichtig, Frauen möglichst umfänglich vorzubereiten. Denn in einigen Hypnobirthing-Kursen wird überhaupt nicht darauf eingegangen, was passiert, wenn einem Unerwartetes begegnet. Wenn man dann eben doch Schmerzen erlebt oder in der schönen Geburtswanne, die sprichwörtliche Bodenhaftung verliert, oder eben ein Schmerzmittel benötigt, dann darf nicht gleich das ganze Wunschkartenhaus zusammenbrechen. Oder noch schlimmer: Dann sollte die Frau nicht das Gefühl bekommen, versagt zu haben.

Auch der Kaiserschnitt sollte zumindest einmal angesprochen werden, als das was er ist: Eine geburtshilfliche Rettungsmaßnahme. Einen Kaiserschnitt zu bekommen, ist nicht das Ergebnis von zu wenig Üben. Einen Kaiserschnitt bekommt man, wenn es einfach auf normalem Wege nicht geht. Auch daran hat die Frau selbst dann keine Schuld. Und wenn ein Kaiserschnitt  nötig wird, kann das natürlich auch die Hypnobirthing-Methode nicht verhindern.

In einer perfekten Welt würde jede Frau selbstbewusst, entspannt und voller Freude und Neugierde in die Geburt gehen. Hypnobirthing ist vielleicht ein kleiner Baustein auf dem Weg dorthin. Nicht mehr und nicht weniger.


Über Jana Friedrich

Hebamme Jana Friedrich


© Jana Friedrich
Jana Friedrich ist Mutter von zwei Kindern, seit 1998 leidenschaftlich Hebamme und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Seit gut drei Jahren bloggt sie altes Hebammenwissen rund um die Themen Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Säuglinge auf Hebammenblog.de. Im Herbst 2014 wurde passend dazu der Online-Shop eröffnet. Dort gibt es all die Produkte, die sie bei ihrer Arbeit als Hebamme täglich empfiehlt.



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