Frag nicht Google, frag deinen Bauch

Entspannt schwanger sein. Das wünscht sich doch jede Frau. Und trotzdem überkommt sie uns früher oder später, diese Unsicherheit: Ist wirklich alles gut? Aber warum machen wir uns so viele Sorgen? Wie mir mein Zahnarzt half, eine Antwort darauf zu finden.


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Mein Zahn tut weh. Dabei habe ich nie Zahnschmerzen. Aber jetzt, jetzt ist es sicher etwas Größeres. Schlimmes Karies! Es muss sicher gebohrt werden. Auf dem Behandlungsstuhl wird der übliche Smalltalk angestimmt, um die beklemmende Stimmung zu lockern, die gerne in Arztpraxen vorherrscht. Was ich beruflich mache? Journalist. Ja, das fände er äußerst spannend. Worüber ich schreibe? Viel über Schwangerschaft. Wichtiges Thema, höre ich noch dumpf hinter dem Mundschutz. Ich deute mit weit aufgerissenem Mund ein Nicken an. Dann erzählt er noch, dass er selbst vier Kinder habe. Ich höre nicht mehr richtig zu, sehne mich nur danach, endlich wieder gehen zu dürfen. Als dieser Moment endlich gekommen ist und ich mit einem kräftigen Händedruck verabschiedet werde: „Finden Sie nicht auch, dass das alles so schrecklich unnatürlich geworden ist?“

Ähm. Ich finde den Gesprächsfaden nicht, den mein Zahnarzt hier offensichtlich wieder aufgenommen hat. Er hilft: „Naja, ich meine die ganze Sache mit der Schwangerschaft. Heutzutage vertrauen viele doch eher irgendwelchen Foreneinträgen als ihrem eigenen Gefühl.“ Jetzt habe ich den Faden auch wieder in der Hand. Ich gebe ihm Recht. Seine Meinung ist mir nicht fremd. Ich habe mir dazu selbst schon Gedanken gemacht – flüchtig. Diesmal lassen sie mich aber nicht mehr los. Hat die Schwangerschaft wirklich seine Natürlichkeit verloren? Ist die Schwangerschaft zu einem Prozess geworden, den wir kontrollieren und optimieren wollen?

Die Ohnmacht der Schwangeren

Fakt ist, wir haben eine sehr umfassende Schwangerschaftsvorsorge in Deutschland. Frauen, die heutzutage schwanger sind, können so viele Tests in Anspruch nehmen wie nie zu vor: Ultraschall in allen vier Dimensionen, Blutuntersuchungen und Abstriche. Ganz klar, einige davon sind absolut sinnvoll und schützen Gesundheit von Mutter und Kind. Andere wiederum sind es nicht zwingend, zumindest nicht für jede Schwangere. Und doch werden sie gemacht. Das sei ein „Geschäft mit der Unsicherheit“ kritisiert eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die Autorinnen der Studie – eine Hebamme, eine Frauenärztin und eine Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung – urteilen hart. Ärzte würden aus „wirtschaftlichem Interesse handeln“ und Tests auch dann empfehlen, wenn dafür keine medizinische Notwendigkeit besteht.

Auf diesen Vorwurf möchte ich jetzt gar nicht weiter eingehen. Was die Studie allerdings eindeutig zeigt: Es scheint wirklich Bedarf an diesen Tests zu bestehen. Immer mehr Frauen nehmen diese zusätzlichen Kontrollen in Anspruch. Als Schwangere fühlt man sich ohnehin einer großen Ohnmacht ausgesetzt. Außer auf sich und seinen Körper zu achten, kann man nicht viel machen. Man kann nur hoffen, dass sich der kleine Knirps schon gesund entwickeln wird. Neun Monate trägt man als Frau letztlich diese Verantwortung ganz alleine. Es wirkt daher äußerst beruhigend, mit Hilfe der Medizin im Bauch regelmäßig nach dem Rechten sehen zu können. Aber woher kommt diese allgemeine Unsicherheit, dass wir etwas falsch machen könnten, dass doch etwas nicht stimmen könnte? Schließlich verlaufen die meisten Schwangerschaften entgegen aller Bedenken am Ende doch ganz normal.

Schwangere googlet am Laptop


© iStock
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Die Tatsache, dass der Mensch das Googlen gelernt hat, spielt der Unsicherheit sicher in die Hände. Manchmal googlen wir doch auch nur, um uns in unserer Meinung oder unserem Gefühl bestätigt zu wissen. Doch wer suchet, der findet - auch neue Probleme! Denn die schlichte Fülle an Informationen wirft auch immer neue Fragen auf. Alles, was man glaubte zu wissen, scheint Klick für Klick irrelevanter zu werden. Und so steht am Ende der Suche nicht die Erkenntnis sondern ein großes rotes Fragezeichen. So ist es doch kaum verwunderlich, dass werdende Mamas Tests und Ultraschalluntersuchungen in Anspruch nehmen, um die Schreckensszenarien auszuschließen, die sie er-gegoogelt haben. Oder noch schlimmer, die sie ungefragt bei Facebook & Co. in ihre Timeline gespült bekommen haben. Dort wird man mit Problemen überhäuft, von denen man vorher noch gar nicht wusste, dass man sie hat. Warum sieht mein Babybauch ganz anders aus als der von dieser Frau? Darf ich in meiner Schwangerschaft wirklich „nur am Bauch“ dicker werden?? Warum ist ein Kaiserschnitt keine „echte Geburt“??? Muss ich vor einer „Misshandlung im Kreißsaal“ wirklich Angst haben???? Noch mehr Fragen und noch mehr zum Nach-Googlen.

Während wir also versuchen, offene Fragen zu klären und uns eine Meinung dazu zu bilden, wird schon ein neues Thema gehyped. Und so geht das immer weiter. Weil wir andauernd damit beschäftigt sind, diese Informationen zu verarbeiten, haben wir schlicht keine Zeit mehr, uns mit unseren Gefühlen auseinander zu setzen. Vielleicht war früher der Umgang mit einer Schwangerschaft so viel natürlicher, weil man eben nicht die Möglichkeit hatte, alles nachzuprüfen. Schwangere waren schlicht darauf angewiesen, ihren Gefühlen zu vertrauen. Müssen wir uns also zurück entwickeln, um wieder entspannt schwanger sein zu können? Sicher nicht.
Sich selbst vertrauen

Die Pränatale Diagnostik hat auch vielen Kindern das Leben gerettet, weil im Notfall frühzeitig eingegriffen werden kann. Babywatching lieben wir sowieso, weil es einfach unglaublich ist, sein Kind schon vor der Geburt kennen zu lernen. Diese Möglichkeiten möchten wir nicht missen. Und auch das zu googlende Internet hat seine guten (Web-)Seiten, die einem bei Problemen und Fragen wirklich weiterhelfen können. Man darf sich nur bei der Suche nicht verlieren. Nicht jede Info ist wertvoll. Und nicht alles kann und sollte auf die eigenen Lebensumstände übertragen werden. Das Traurige ist, irgendwie wissen wir das doch. Trotzdem hören wir nicht auf uns. Stattdessen googlen wir uns krank. Sei es, dass wir glauben, mit dem Baby stimme etwas nicht. Oder dass wir uns einreden, nicht unser Bestes zu geben, weil wir uns mit propagierten aber unrealistischen Idealbildern messen.

„In einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt müssen wir lernen, uns auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen“, sagt der Zukunftsforscher Matthias Horx. Er beschreibt damit einen Begriff, dem er einen große „Schlüsselrolle“ für die Zukunft voraussagt: Achtsamkeit. Ich denke wirklich, dass diese Achtsamkeit das ist, was uns fehlt. Endlich wieder auf sein Gefühl vertrauen und der inneren Stimme zuhören. Dann glauben wir uns vielleicht endlich wieder selbst, dass es völlig egal ist, wenn unser Hintern mit-schwanger ist, auch wenn Insta-Mamas so gerne ihren schlanken After-Baby-Body posten. Und wir würden, anstatt Diagnosen zu googlen, unseren Ärzten und Hebammen endlich wieder vertrauen, wenn sie uns mit einem Lächeln verkünden: „Ihrem Kind geht es gut!“.

Es scheint, ich habe meinem Zahnarzt beim nächsten Besuch viel zu erzählen. Aber vielleicht starte ich das Gespräch dann mit diesem Geständnis: Bevor ich bei ihm war, habe ich nach „Anzeichen für Karies“ gegoogelt. Die schrecklichen Geschichten die ich in Foren dann dazu gelesen habe, haben mich leicht panisch in seine Praxis getrieben. Fehlalarm! Meine Zähne sind vollkommen gesund, kein Karies. Und, um ehrlich zu sein, irgendwie wusste ich es. Ich hatte da so ein Gefühl…

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