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Alleinerziehend in der Corona-Krise: Wie soll das weiter gehen?

Ein Interview

Alleinerziehend in der Corona-Krise: Wie soll das weiter gehen?

Es ist schon eine riesige Herausforderung als Elternteil allein täglich die Kinder zu erziehen und gleichzeitig seinem Beruf nachzugehen. Wenn noch die Betreuung fehlt, ist es gar unmöglich. Claudia Chmel vom Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter in Berlin fordert die Politik auf, Eltern nicht unnötig zu verunsichern sondern transparente Aussagen über den Zugang zur Notbetreuung zu machen.

Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2018 ca. 2,17 Millionen Mütter und rund 407.000 Väter alleinerziehend. Die Zahlen bei den Vätern nehmen tendenziell zu. Für Alleinerziehende ist es bereits eine große Aufgabe ihre Kinder und den Haushalt unter einen Hut zu bringen. Die meisten dieser Eltern gehen ebenfalls einem Beruf nach und müssen die Familie allein ernähren. Das wird jetzt mit der Verlängerung der Kitaschließungen immer schwieriger. Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter gibt den Alleinerziehenden eine Lobby und bietet Unterstützung bei der Betreuungssituation. Claudia Chmel, Diplom-Sozialpädagogin und Geschäftsführerin des Landesverbandes der alleinerziehenden Mütter und Väter in Berlin, gibt einen Einblick, was die Corona-Krise aktuell für diese Eltern bedeutet.

Wie viele alleinerziehende Eltern melden sich bei Ihnen und suchen Hilfe in der aktuellen Situation?

Alleinerziehende rufen täglich mit neuen Fragen bei uns an. Einige haben finanzielle Nöte, weil sie durch die Pandemie-Maßnahmen ihren Job verloren haben. Das vorhandene Budget ist zu knapp, denn der Einkauf ist viel teurer geworden, da die günstigen Lebensmittel schnell ausverkauft sind und Obst und Gemüse immer teurer wird. Gleichzeitig wird mehr gekocht, da die Kinder zuhause sind und eine warme Mahlzeit brauchen. Damit steigen die Kosten. In einigen Bundesländern durften Alleinerziehende ihre kleinen Kinder nicht mit in den Laden zum Einkaufen nehmen. Das finde ich unmöglich.

Aufgrund der Kontaktbeschränkungen und Infektionsgefahr können Alleinerziehende zudem nicht auf ihr mühsam aufgebautes privates Netzwerk zurückgreifen und finden 24/7 keine Entlastung bei der Kinderbetreuung. Eine weitere große Sorge ist, was mit dem eigenen Kind/ den Kindern passiert, wenn ich als Alleinerziehende*r selbst erkranke und ins Krankenhaus muss.

Was sind die größten Sorgen bzw. Probleme der Alleinerziehenden angesichts der fehlenden Betreuung? Nicht jeder kann in seinem Beruf überhaupt Homeoffice machen und Kinder nebenbei betreuen.

Unsere Erfahrungen sind, dass Alleinerziehende trotzdem versuchen, Homeoffice und Homeschooling bzw. Betreuungsverantwortung unter einen Hut zu bringen. Das endet darin, ständig nicht genug Zeit zu haben, bis spät in die Nacht zu arbeiten oder ihre (Grundschul-) Kinder auch stundenweise sich selbst überlassen zu müssen. Der Druck bei denen, die noch eine Arbeit haben, diese zu verlieren, und dem Chef deswegen zeigen zu wollen "ich kann alles schaffen", ist enorm. Die Belastung steigt dabei an, je länger es noch dauern wird.

Viele Alleinerziehende fühlen sich gerade in dieser Zeit sehr allein gelassen. Auch die angekündigten Ausweitungen der Notbetreuung werfen viele Fragen auf: Ist mit der Berufstätigkeit auch studieren gemeint? Oder die Ausbildung bzw. ein Praktikum? Kann ich die Notbetreuung auch nutzen, wenn ich im Home Office arbeite? Wie muss ich nachweisen, dass ich alleinerziehend bin? Da werden von der Regierung Fragen aufgeworfen, die in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt werden und aus meiner Sicht unnötig verunsichern. Hier wären transparentere Aussagen vonnöten. Die Kinder sollen ohnehin möglichst in den bisherigen Betreuungseinrichtungen eine Notbetreuung erhalten und dort ist die persönliche Situation der Eltern bekannt.

Können Sie einer Mutter oder einem Vater helfen, aktuell doch noch irgendwie eine Betreuung zu finden?

Ich weiß von einigen Alleinerziehenden, die zumindestens für Ihre Kinder weiterhin einen Kontakt zu einem anderen Kind und deren Familien aufrecht erhalten, denn auch für die Kinder ist es schwer keinen Kontakt zu den Freunden zu haben. Das birgt natürlich das Risiko der Infektion, hält es aber in einem gewissen Rahmen und ohne geht es für viele einfach gar nicht.

Wir bemühen uns darum, dass die Notbetreuung für alle Alleinerziehenden geöffnet wird, unabhängig von Alter der Kinder, der Sorgerechtsform und oder ob bzw. in welchem Umfang sie berufstätig sind. Dafür wenden wir uns an die Politik und Verwaltung und dafür ist es wichtig, dass Alleinerziehende eine Lobby haben und gesehen werden. Alleinerziehende verdienen für das, was sie im Alltag leisten, Anerkennung und Respekt. Bundesweit ist jede fünfte Familie alleinerziehend, in Berlin fast jede dritte.

Was sagen Sie zu der aktuellen Situation und der Überlegung der Politik, die Kitas erst im Sommer wieder zu öffnen?

Grundsätzlich kann ich das zögerliche Handeln der Regierung nachvollziehen. Wir alle haben eine Situation, wie diese, noch nicht erlebt. Es wäre schlimm, wenn die Infektionszahlen steigen und letztendlich ist die Krankheit für einige Menschen lebensbedrohlich. Daher ist ein schrittweises Vorgehen eine angemessene Strategie. Gleichzeitig habe ich jedoch erfahren, dass die bisher eingerichteten Notbetreuungen kaum ausgelastet waren, z. T. nur ein oder zwei Kinder in den geöffneten Einrichtungen und Schulen betreut wurden und einige Einrichtungen komplett geschlossen waren. Das wirkt auf mich, als wenn es durchaus Kapazitäten zum Ausbau gibt.

Sollte es weiterhin alle zwei Wochen eine Bestandsaufnahme zur Entwicklung der Pandemie geben, wird es natürlich noch Wochen dauern bis alle Kinder wieder im Rahmen der Schul- und Tageseinrichtungen betreut werden können. Mit der weiteren Öffnung wird mehr Personal benötigt und müssen schnellstmöglich auch die Mitarbeitenden in den Einrichtungen mit Arbeitsschutz ausgestattet werden, denn auch diese haben Familien.

Wir bedanken uns für Ihre Zeit!

Den Verband für alleinerziehende Mütter und Väter gibt es bundesweit. Ihr könnt euch mit Fragen jederzeit telefonisch an euren Landesverband wenden und dort Unterstützung bekommen.

Katja Nauck
Das sagtKatja Nauck:

Vergesst die Eltern nicht!

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit die Kinder noch weitere drei Monate angemessen zu betreuen und für den Unterhalt zu sorgen. Da kommen alle Eltern, aber vor allem Alleinerziehende an ihre Grenzen. Es muss eine Lösung bzw. schrittweise Öffnung der Kitas geben, sonst haben wir am Ende des Sommer vollkommen ausgebrannte Eltern und frustrierte Kinder. Ganz zu Schweigen von den finanziellen Belastungen, die Kurzarbeit bzw. unbezahlter Urlaub aufgrund der Kinderbetreuung mit sich bringen.

Bildquelle: Getty Images/fizkes

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