Verachtenswert

New Teacher Challenge: Menschen mit Behinderung sind keine Witzfiguren

Andrea Zschocher, am 20.09.2020

Die New Teacher Challenge zeigt einen verstörenden Einblick in unsere Gesellschaft. Denn für ein paar Likes (die auch schon fragwürdig sind) werden nicht nur die eigenen Kinder vor die Kamera gezerrt. Viel schlimmer ist, es wird sich über Menschen mit Behinderungen lustig gemacht. Wir haben mit Aktivist Raul Krauthausen über die Challenge gesprochen und auch darüber, wieso es Zeit wird, dass wir (und ihr) mit Kindern über Inklusion reden.

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Pranks in den sozialen Netzwerken

Pranks, also mehr oder weniger witzige Ideen, andere zu erschrecken oder reinzulegen, haben im Social Web Hochkonjunktur. Und so entstand vielleicht auch die Idee der New Teacher Challenge. Für die, die noch nichts davon gehört haben: Es gibt inzwischen massenhaft Videos, in denen Eltern ihre Kinder erschrecken, in dem sie ihnen Fotos von Menschen mit Behinderung zeigen und diese Person dann als neue*n Lehrer*in vorstellen. Die Eltern filmen die Reaktion ihrer Kinder auf dieses Foto und stellen das Ergebnis ins Netz.

New Teacher Challenge macht ratlos

Mich lässt das auf vielen Ebenen ratlos zurück. Zunächst mal: Wer zur Hölle findet es lustig, Menschen mit Behinderung so bloßzustellen? Was ist witzig daran, andere vorzuführen? Wieso stellt man sich und die eigenen Kinder mit der eigenen Kleingeistigkeit so zur Schau und glaubt, dass ja irgendwie alles erlaubt ist. Und was ist eigentlich die Challenge daran?

"Das größte Problem ist, dass Eltern meinen daraus einen Scherz machen zu müssen. Die Reaktion der Kinder finde ich da weniger problematisch, der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm." Das sagt Raul Krauthausen, Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit und Gründer der Ideenfabrik Sozialhelden.

Was mich nervt an der Berichterstattung ist, dass es Mode zu sein scheint auf TikTok einzudreschen. Dabei findet das ja auf allen sozialen Netzwerken statt. Es ist defintiv kein TikTok-Problem sondern eins von allen.

Raul Krauthausen

Er selbst hat sich einige der Videos erst angeschaut, nachdem verschiedene Medien ihn darauf aufmerksam gemacht haben. Und er sieht tatsächlich auch die in der Verantwortung etwas für Menschen mit Behinderung zu tun.

Das Originalvideo - das bereits von unserer Plattform entfernt wurde - verstößt gegen unsere Community-Richtlinien und wird von TikTok nicht geduldet. Wir sind eine integrative Plattform, die darauf aufbaut, dass unsere Nutzer*innen ihre Kreativität ausleben. Wir appellieren an unsere Nutzer*innen, die Plattform zu nutzen, um kreative, authentische und positive Inhalte zu teilen und ermutigen sie, das zu feiern, was sie einzigartig macht - diese Inklusivität erwarten wir von unserer Community.

Unternehmenssprecherin von TikTok zu familie.de

Andere Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen

Raul Krauthausen kritisiert im Interview, dass in Medienberichten oft nur Familien zu Wort kommen, die über "Bürde und Schicksal und `hätte ich doch abgetrieben`" sprechen. "Das reproduzieren Medien als Multiplikatoren und legitimieren dann auch diese Gedanken. Es wird nicht darüber gesprochen, wie ein inklusives Leben auch gelingen kann, und dass es eher an gesellschaftlicher Unterstützung mangelt, als dass die Behinderung des Kindes daran Schuld ist".

Dass die Leute in der New Teacher Challenge überhaupt auf die Idee kommen, es wäre irgendwie ok, Menschen mit Behinderung so bloßzustellen, liegt laut Krauthausen darin begründet, dass die Gesellschaft hier weniger sensibilisiert ist.

Kaum Aufschrei wegen New Teacher Challenge

"Würden Menschen  mit Behinderung mehr in dem Alltag von Kindern und Erwachsenen auftauchen, hätte es einen größeren Aufschrei gegeben. Es wäre moralisch fragwürdiger gewesen. Wenn man das gleiche gemacht hätte mit schwarzen Menschen, wäre die Empörung größer, aber auch die Kinder hätten anders reagiert.

Einfach, weil Kinder und die Gesellschaft da eher begriffen haben, dass in anderen Bereichen Vielfalt schon existiert. Das soll nicht heißen, dass es keinen Rassismus gibt, den gibt es natürlich und furchtbar ist er auch, aber ich will nur sagen, dass der Ekel oder der Schreckmoment daher kommt, dass wir einander relativ selten begegnen."

Diese nicht vorhandene Begegnung liegt u.a. daran, dass Menschen mit Behinderungen in Deutschland systematisch aussortiert werden. In Fördereinrichtungen, Förderschulen, Behindertenwerkstätten, Fahrdiensten, und das, obwohl Kinder mit 10 Jahren ein Recht auf eine gemeinsame Schulen haben. Das System der Zuweisungen an Schulen ist aber so geschnürt, dass Kinder eben in diesen Sonderschulen gelassen werden, ohne zu hinterfragen wie sinnvoll das ist.

Raul Krauthausen

Begegnungen können helfen

Der Aktivist wünscht sich, dass "die ganzen Gelder, die in Förderstrukturen stecken und die in Behindertenwerkstätten verdient werden, ja auch dafür genutzt werden können um die Regelstrukturen zu verbessern. Regelkindergärten, Regelschulen, barrierefreie Hochschulen und barrierefreie Ausbildungsorte. Die ÖPNVs barrierefrei machen und dafür sorgen, dass Teilhabe erst möglich wird. Nur durch die Begegnung im Alltag, in der Schule, im Bus, im Kollegium werden wir die Barriere im Kopf senken können.

Schließt Menschen mit Behinderungen nicht aus

Für alle Eltern hat Raul Krauthausen deswegen einen Tipp: "Redet mit euren Kinder über Menschen mit Behinderung wie über jeden anderen Menschen auch!" Und, das ist eine Ergänzung von mir, macht niemals bei solchen Challenges mit, bei denen sich normative Menschen über andere erheben. Sie sind menschenverachtend.

Wenn ihr bei dem Thema Inklusion auf dem Laufenden bleiben möchtet, kann ich euch den Newsletter von Raul Krauthausen sehr empfehlen.

Meine Meinung

Ich habe von der New Teacher Challenge über Twitter erfahren. Melissa Blake, eine Aktivistin, deren Foto in dieser Challenge geteilt wurde, schrieb darüber, wie sich das für sie anfühlt.

Die Videos, die ich danach gesehen habe, haben mich schockiert. Mir ist es einfach nicht begreiflich, was Eltern daran witzig finden, andere Menschen so vorzuführen. Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass wir uns manchmal immer noch in den 20er Jahren befinden, zu Zeiten dieser unsäglichen Menschenzoos.

Ich danke Raul Krauthausen für unser Gespräch und sein Engagement.

Bildquelle: © Anna Spindelndreier, 2020